Trierer Geschichten „Mein Zuhause ist bei Mutti Krause“

Neue Serie: Der TV druckt Auszüge aus dem nächsten Buch von Alt-OB Helmut Schröer. Zum Start geht es um eine beliebte Gastwirtin.

 In der Konstantinstraße (entstanden aus einer Brandgasse) an der Ecke Brotstraße in Trier hatte Leni Krause in den 50er Jahren ihren Frittenstand aufgebaut (links im Bild), den viele Stammkunden besuchten.

In der Konstantinstraße (entstanden aus einer Brandgasse) an der Ecke Brotstraße in Trier hatte Leni Krause in den 50er Jahren ihren Frittenstand aufgebaut (links im Bild), den viele Stammkunden besuchten.

Foto: Stadtarchiv Trier

In dem Trierer Stadtmagazin „Sieh um Dich“, das in den 80er und 90er Jahren in Trier herausgegeben wurde, stellte man Anfang des Jahres 1991 in einem Rätsel „Who is Who“ die Frage: „Wer ist Mutti Krause?“ Die Flut der richtigen Antworten deutete an, dass diese Frage offensichtlich leicht gewesen war. Sie war sogar zu leicht.

Mutti Krause hatte in Trier Kultstatus. Sie hieß Leni. Das war aber nur wenigen bekannt. Für die Trierer war sie Mutti Krause, und sie war ein gutes Stück der Stadt Trier. Es ist ja oft so, dass im Wirbel der ereignisreichen Gegenwart die Vergangenheit rasch an Bedeutung verliert. Bei Mutti Krause ist das anders.

Am 29. Oktober 2016 veröffentlichte der Trierische Volksfreund ein Foto, das einen Blick vom Dach der Konstantinbasilika in Richtung Kornmarkt bis zur alten Hauptpost zeigte. Das Foto war 1959 gemacht worden. Sichtbar wurde: Die Trümmer des Krieges waren zwar schon weggeräumt. Erste Randbebauungen waren zu sehen. Aus einer Brandgasse entstand eine neue Straße: die Konstantinstraße. Im TV wurde die Frage gestellt, welchen Straßenbereich in Trier das Bild zeige. Die meisten Antworten wiesen darauf hin, dass „auf dem Trümmergrundstück in der Mitte des Bildes die Frittenbude von Leni Krause gestanden“ habe. Danach war aber nicht gefragt worden. Dieses Ergebnis des Bildrätsels zeigt, wie sehr Mutti Krause bis in die jüngste Zeit hinein noch im Bewusstsein der Trierer ist.

Mutti Krause erzählte gerne aus der Vergangenheit, von ihren ersten Erfahrungen als stolze Betreiberin einen „Frittenstandes“. Dieser stand an der Ecke von Brotstraße/Konstantinstraße, gegenüber der Blauen Hand. In diesem Teil der Stadt wechselte sie mehrfach den Standort. Mit ihrem ersten Verkaufswagen stand sie ebenfalls  in diesem Bereich.

„Wenn die jungen Leute von der Lehrerakademie zu meinem Frittenstand kamen, dann gab es auch mal ‚Fritten‘ umsonst. Von einer Portion Fritten geht man ja nicht pleite“, erzählte sie oft in Gesprächen, wenn sie nach ihrer ersten Zeit als Geschäftsfrau später gefragt wurde. Wahrscheinlich liegt hier der Schlüssel für ihre Popularität. „Helfen“ war für sie kein Fremdwort. Sie war freundlich und hatte für jeden ein gutes Wort. Das zeichnete sie nicht nur in ihrem Verhalten gegenüber den Studenten aus. So war sie auch später.

In der Krahnenstraße 29 wurde sie geboren. Sie war eine echte Triererin. Später arbeitete sie eine längere Zeit im „Krokodil“, der Trierer Traditionsgaststätte in der Metzelstraße. Mutti Krause erzählte später oft, wenn sie in ihrer Gaststätte angesprochen wurde: „Durch das ,Krokodil’ bin ich auf die Pommes Frites gekommen. Ich habe die Pommes Frites in Trier populär gemacht.“

Das war ab 1958, als sie im Bereich der Konstantinstraße ihren ersten Stand hatte. Dort wurde ihr Angebot zu einer in Trier festen, sehr populären Einrichtung. Viele Triererinnen und Trierer hatten in der Tat bei Mutti Krause ihre erste Begegnung mit Pommes Frites. So erzählt ein Zeitzeuge: „Hier sah ich und aß ich meine erste Portion Pommes. Das Schälchen kostete damals 50 Pfennig, für zehn Pfennig mehr gab es die gute Schaschliksoße dazu…“

Es war nicht verwunderlich, dass viele Trierer immer wieder eine enge Verbundenheit zu „ihrer“ Mutti Krause zeigten. Voller Stolz präsentierte sie immer wieder einen Werbespruch, der während ihrer Zeit in der Konstantinstraße von einem Kunden erfunden wurde und der fast sprichwörtliche Qualität hatte:

„Kartoffeln isst man stets zu Hause;

Pommes frites jedoch bei Mutti Krause.“

1966 folgte der nächste Schritt in ihrer beruflichen Laufbahn: Mit ihrem Mann Otto übernahm sie die Gaststätte Weimer in der Hosenstraße; also in unmittelbarer Nähe zur Konstantinstraße, wo alles begonnen hatte. Dort feierte sie 1991  „25 Jahre Mutti Krause in der Hosenstraße“. Und es war wie immer: Die Gasstätte war gut besucht. Mutti Krause sprach von „Milliunen“. Die meisten aber kamen als Gratulanten und auch, um einmal „Danke“ zu sagen für ein Stück Heimat mitten in Trier.

Und natürlich wurde auch Musik gemacht an diesem Abend. Nicht geplant, mehr spontan griff man zu den Instrumenten. So entstand an diesem Abend wieder eine urtrierische Gemütlichkeit in einer trierischen Kneipe. Man spürte an diesem Abend, dass ein geflügeltes Wort einen wahren Hintergrund hatte: „Mein Zuhause ist bei Mutti Krause.“

Von außen gesehen schien die Gaststätte in der Hosenstraße eine unscheinbare Mini-Kneipe zu sein. „Hier trafen sich Studenten, Stadtratsmitglieder, Bankangestellte und Leute aus den Geschäften in der Fußgängerzone“, hieß es.

Häufiger Gast war auch Helmut Leiendecker, Ur-Trierer und Multitalent, der auch sehr oft für musikalische Unterhaltung sorgte. Oft improvisiert, dafür aber sehr stimmungsvoll und passend.  Und es war deshalb keine Überraschung, dass die Leiendecker Bloas Mutti Krause aus Anlass ihres 70. Geburtstages ein eigenes Lied widmete.

Und es war auch keine Überraschung, dass Mutti Krause auf besonderen Wunsch ihrer Gäste das Lied vom „Bruder Melchior“ sang.

In der Gaststätte wussten alle, zumindest die vielen  Stammgäste, dass Mutti Krause sehr fromm war. Der Weg in den Trierer Dom war für sie selbstverständlich, und dies erzählte sie auch immer wieder. Ihre Frömmigkeit wirkte sich auch auf ihren Speiseplan aus: Am Karfreitag stand Fleisch nicht auf der Speisekarte. Dann hieß es oft: „Lenchen, hast du mit dem da oben einen Vertrag?“ Ihr Verhältnis zu ihrem Herrgott konnten solche Fragen nicht stören. Mit ihrem Herrgott war sie im Reinen. Ebenso ungestört war ihre Liebe zu ihrer Stadt Trier: Sie schwärmte oft: „Haben wir nicht eine phantastische Stadt?“ Das war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Besonders beliebt waren auch immer ihre Anekdoten. Da war ihr Repertoire unendlich. Eine Zeitlang erzählte sie immer wieder, als sie erstmals eine Karnevalssitzung der KG Heuschreck besuchte. Traditionsgemäß werden dort zu Beginn der Sitzung wichtige Gäste begrüßt. In der Regel ist die Stadtspitze anwesend, auch hochrangige Politiker, für die Gesellschaft wichtige Personen. Und es war eine nette Idee: Auch Mutti Krause wurde vom Präsidenten aufgerufen. Der Beifall schwoll an, er wollte nicht enden. Und mitten im Saal stand Mutti Krause, Tränen in den Augen. Wieder einmal deutlich wurde ihre besondere Beziehung zu den Trierern; über viele Jahre gewachsen. Sie war ein wertvoller Mensch in der Stadt Trier. Und die Trierer liebten sie.

Es war deshalb ein trauriges Ereignis in Trier, als Mutti Krause krankheitsbedingt im März 1995 in der Hosenstraße 22 „den Zapfhahn zudrehte“. Das Haus, in dem die Trierer Kultkneipe sich befand, wurde im August 2006 abgerissen. Mutti Krause war bereits am 8. November 1999 im Alter von 77 Jahren gestorben. In der Rathaus-Zeitung wurde in einem Artikel aus einem Brief des Oberbürgermeisters an die Familie zitiert: „Sie war ein Mensch, für den Mitmenschlichkeit, Hilfe für den anderen nicht nur dahergesagt war. Sie hat Nächstenliebe praktiziert. Die menschliche Art Ihrer Mutter hat ihr sehr viele Freunde beschert. Es gibt viele Trierer, für die war es ein persönlicher Gewinn, Ihre Mutter gekannt zu haben.“

In dem Zeitungsartikel vom Oktober 2016  im Trierischen Volksfreund heißt es: „Immer wieder Mutti Krause…Offensichtlich sind sich viele Trierer einig, dass  Mutti Krause Kultstatus genießt.“

Warum war das so? In einer Repräsentativumfrage ist das Institut Allensbach im Jahre 2018 den Fragen nachgegangen „Was ist Heimat? Was verbinden die Menschen damit, und wie wichtig ist ihnen Heimat?“ Eine Frage lautete: „Wodurch sehen Sie Ihre Heimat in Gefahr? (in Prozent)“. Bei den Antworten stand an erster Stelle die Aussage, „dass viele alteingesessene Geschäfte schließen und dafür die immer gleichen Filialen großer Einkaufsketten aufmachen. 78 Prozent derer, die die Heimat in Gefahr sahen, nannten diesen Punkt.“

Man könnte neben alteingesessenen Geschäften auch die alten Gaststätten nennen. Bei Mutti Krause in der Hosenstraße 22 erlebte man Heimat. Trier war für viele Heimat. Bei Mutti Krause wurde dieses Gefühl durch die Verbundenheit zu einem Ort vertieft. Sehr unterschiedliche Personen fühlten sich bei Mutti Krause wohl in einer vertrauten Gemeinschaft. Die Kultkneipe von Mutti Krause hatte eine emotionale Wirkung, die Geborgenheit vermittelte. So dass auch Menschen, die sich zum Teil nicht persönlich kannten, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelten. Und immer wieder belebt wurde dieses Gefühl durch die Wirtin,  welche die Pommes frites in Trier populär gemacht hat.