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Nach der Amok-Fahrt: Viel Betrieb in Trierer Innenstadt - ein Seelsorger berichtet von seinen Eindrücken

Nach der Amokfahrt durch Trier : „Das Leben geht weiter, irgendwann irgendwie“

Weihnachten steht – trotz allem – vor der Tür. Und in den Trierer Geschäften war am Samstag mehr los als am ersten Adventssamstag. Ein Stimmungsbild aus der City, zu dem auch die Eindrücke eines Seelsorgers am Hauptmarkt gehören.

Die Sonne steht am frühen Samstagnachmittag direkt über der Trierer Innenstadt. Ihre Strahlen sind so warm, dass sich einige junge Leute auf die Stufen der Viehmarktthermen gesetzt haben und ihre Gesichter zum blauen Himmel strecken. Menschen mit Einkaufstüten bummeln über den Platz. Ein gewohntes Bild.

Aber es ist nichts normal an dieser Vorweihnachtszeit in Trier. Erst Corona. Dann der schreckliche Anschlag am Dienstag vergangener Woche, bei dem ein Mann mit einem Auto durch die Fußgängerzone gerast ist und dabei fünf Menschen getötet und 24 verletzt hat. Wie kann es da weiter gehen?

In der Neustraße schiebt ein Vater einen Zwillingskinderwagen mit zwei Säuglingen vor sich her. Ein Kleinkind hüpft an der Hand der Mutter auf und ab. In der anderen Hand trägt die junge Frau zwei Einkaufstüten. Zwei Jungs flitzen lachend mit ihren Fahrrädern vorbei. Vor der Commerzbank kniet, wie so häufig sonst auch, eine Bettlerin. Vor dem Warenhaus TK-Maxx hat sich eine längere Schlange gebildet, offenbar ist in dem großen Laden die für Corona-Zeiten maximale Kundenzahl erreicht. Soweit, so üblich. Zumindest scheinbar.

Denn an der Kreuzung zur Konstantinstraße ändert sich die Stimmung. Dutzende Kerzen füllen eine Kreisfläche von etwa zwei Metern Durchmesser aus. Das rot-weiße Kerzenmeer erinnert an das erste Todesopfer der Amok-Fahrt. Eine Frau mit zwei Kindern steht davor und spricht leise mit den beiden kleinen Mädchen, die die Hände vor ihren dicken Jacken falten wie zum Gebet. Eine alte Frau stellt eine weitere Kerze dazu. Ihr Atem geht dabei so schwer und tief, dass der Stoff ihrer Maske beim Einatmen eng ans Gesicht angesaugt werden. „Nicht stehenbleiben – sonst muss ich wieder heulen“, sagt eine dritte Frau und zieht mit ihren Partner an der Gedenkstelle vorbei. Auch andere Passanten werfen nur kurze Blicke auf das Lichtermeer. „Heute 30 Prozent auf alles“, wirbt ein paar Meter weiter eine Parfümerie. „The Magic of X-Mas“ verkünden goldene Buchstaben in einem anderen Schaufenster.

Am Hauptmarkt steht Carlo Fischer-Peitz. Der 57-Jährige ist seit knapp 30 Jahren Pastoralreferent und Seelsorger im Krankenhaus in Gerolstein. Es ist der dritte Tag infolge, an dem er den Trauernden, die zur Gedenkstelle am Hauptmarkt kommen, seine Hilfe anbietet.

„Die Stimmung in der Stadt war an jedem der drei Tage anders“, berichtet er. Dass nach dem eher düsteren Donnerstag und Freitag nun wieder die Sonne scheine, wirke sich auf die Leute aus. Und so langsam fülle sich die Stadt auch wieder mit Kunden, die zum Einkaufen da seien. Trotzdem: „Es ist deutlich zu spüren, dass die Menschen tief berührt sind, und ich finde auch, dass es insgesamt sehr still in der Stadt ist“, sagt Fischer-Peitz.

Als Seelsorger habe er schon viele trauernde Menschen begleitet. „Aber die Sache hier in Trier – das ist nochmal was ganz anderes“, sagt der Geistliche. Man könne jedoch lernen, mit einem Trauma umzugehen, sagt er.

Ob und wie die Stadt als Ganzes wieder zur Normalität zurückfinden werde? Der erfahrene Seelsorger weiß keine Antwort. „Da fehlt mir derzeit noch die Fantasie für“, sagt der Eifeler.

Die Parkhäuser der Stadt sind auch am späteren Nachmittag noch gut gefüllt. Die Fußgängerzone ebenfalls. „Es ist mehr los in der Stadt als am vergangenen Samstag“, bestätigt eine Verkäuferin einer Boutique in der Palaststraße. Die Leute würden auch kaufen, die Stimmung sei allerdings insgesamt leiser.

Im Camp-David-Laden von Patrick Sterzenbach in der Brotstraße stöbern Kunden nach dicken Jacken und Pullovern. „Der Bedarf an Winterkleidung und Weihnachtsgeschenken ist da“, sagt Sterzenbach, Vorsitzender des Trierer Händlerrings City-Initiative. „Die Kunden sind allerdings viel weniger hektisch, viel weniger laut und wenn’s mal irgendwo hakt, hat jeder Verständnis. Ich empfinde ein starkes Miteinander in den vergangenen Tagen“, berichtet Sterzenbach. Der Umsatz liege – geschätzt – bei etwa 50 Prozent der Menge, die am zweiten Adventssonntag des Vorjahres über den Tresen gegangen sei. Damit liefe der Verkauf besser als am ersten Adventswochenende, dem Samstag vor dem Anschlag. „Da lag der Umsatz bei etwa einem Drittel im Vergleich zu 2019.“

Ein paar Meter weiter verschwinden die Stufen des Prangers unter Kerzen, Teddybären, Bildern und kleinen Figuren. Eine siebenköpfige Gruppe aus Luxemburg steht ein wenig abseits. Jeder hat mindestens zwei Einkauftüten zwischen den Beinen eingeklemmt. „Wir haben überlegt, ob wir heute nach Trier kommen sollen oder nicht“, sagt der erwachsene Sohn der Familie. „Aber dann haben wir gedacht, dass es ja weitergehen muss“, sagt der junge Mann. Was sie in den Tüten haben? „Ausschließlich Weihnachtsgeschenke.“

Auch im Tchibo-Laden am Hauptmarkt laufen die Geschäfte. „Es ist natürlich kein Vergleich zu einem normalen Adventssamstag“, sagt die Verkäuferin. „Aber es ist immerhin deutlich mehr als am Samstag vergangener Woche – und ich habe ehrlich gesagt nicht den Eindruck, dass die Stimmung bei den Kunden völlig anders ist als sonst“, sagt die blonde Frau.

In der Simeonstraße haben die Straßenverkäufer wieder ihre Stände aufgebaut und bieten selbstgemachten Schmuck an. Vor dem Kaufhof steht wie jedes Jahr ein Süßigkeitenstand, aus dem der intensive Duft nach Anis-Bonbons strömt.
An der Ecke zur Glockenstraße steht Carine, die mit ihren drei Arbeitskolleginnen aus Luxemburg nach Trier gekommen ist. „Normalerweise fahren wir jedes Jahr zusammen zum Weihnachtsmarkt – der fällt ja aus, da wollten wir wenigstens zum Shoppen“, sagt die 37-Jährige. „Angst haben wir keine. Es war ein Einzeltäter – sowas kann leider jederzeit und überall passieren.“ Natürlich sei es beklemmend, die vielen Kerzen und Blumen zu sehen, die immer noch präsente Polizei, die Seelsorger. Und selbstverständlich denke man an die Opfer und ihre Angehörigen und die, die die schreckliche Katastrophe miterlebt haben. „Aber an sich ist der Mensch – gottseidank – ganz gut darin, auch wieder zurück zur Normalität zu finden“, meint Carine. „Jeder hat sein Leben, seine Pläne, seine Sorgen, seinen Alltag – und Weihnachten steht vor der Tür. Da geht das Leben automatisch weiter irgendwann und irgendwie.“