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Nach Hochwasser in Ehrang: Große Hilfsbereitschaft, viele Sachspenden

Unwetter : Nach Hochwasser in Ehrang: Schlimme Verluste, große Hilfsbereitschaft, viele Sachspenden

Mehr als 550 Ehranger mussten zeitweise in der Mäusheckerschule untergebracht werden. Über 100 von ihnen sitzen nun in der Jägerkaserne und können vorerst nicht zurück in ihre Häuser. Der TV hat mit ihren Helfern gesprochen.

„Ich bin langsam auch komplett an der Belastungsgrenze“, sagt Lukas Nickels. Es ist Freitagnachmittag, Tag eins nach der Überflutung von Ehrang. Nickels sitzt auf einem Stuhl vor dem Flur, der zu den Klassenräumen führt. Vor ihm Tische mit Lebensmitteln – kistenweise etwa Brötchen und Kaffee. Hinter ihm Tische mit Hygieneprodukten. Dazu eine Strichliste, die anzeigt, wie viele Menschen bereits auf welche Räume zugeteilt wurden.

120 evakuierte Ehranger haben in der Mäusheckerschule die Nacht von Donnerstag auf Freitag verbracht. Sie haben auf Feldbetten in den Klassenzimmern geschlafen.

 "Gemeinsam greifen wir nach den Sternen" steht auf einem Plakat, dass Schüler der Klasse gebastelt haben. Darunter haben die Evakuierten auf Feldbetten übernachtet.
"Gemeinsam greifen wir nach den Sternen" steht auf einem Plakat, dass Schüler der Klasse gebastelt haben. Darunter haben die Evakuierten auf Feldbetten übernachtet. Foto: Noah Drautzburg

Während Lukas Nickels spricht, schieben seine Kolleginnen immer wieder ältere Menschen auf Büro­stühlen an ihm vorbei auf den Schulhof. Dort stehen bereits ein halbes Dutzend Rettungswagen bereit, um die Menschen zur Jägerkaserne in Trier-West zu bringen. Dort warten richtige Matratzen und immerhin ein Mindestmaß an Privatsphäre.

 Am Freitagnachmittag brachten Rettungswägen Betroffene in die Jägerkaserne.
Am Freitagnachmittag brachten Rettungswägen Betroffene in die Jägerkaserne. Foto: Noah Drautzburg

Die Arbeit in dem Ehranger Schulzentrum ist damit erst einmal getan. Und viele Helfer haben eine Pause zu diesem Zeitpunkt bitter nötig. Als sie am frühen Donnerstagmorgen mit dem Aufbau begonnen hatten, sei nicht absehbar gewesen, wie viele Menschen evakuiert werden müssten, erzählt Martin Faß von der Trierer Berufsfeuerwehr. „Somit standen wir vor einer Zahl irgendwo zwischen Null und 1600. Wir haben uns dann ungefähr auf 200 Leute vorbereitet.“ Lange blieb ungewiss, ob die aufgestellten Feldbetten überhaupt gebraucht würden. „Ich war fast schon wieder auf dem Heimweg“, sagt Lukas Nickels. Aber dann brach der Damm, und alles ging rasend schnell. Den meisten Menschen blieb keine Zeit, auch nur das Nötigste mitzunehmen. Bald war klar, dass weit mehr als 200 Leute Zuflucht benötigen würden. „Gegen 13 Uhr waren wir dann absolut überlastet“, erinnert sich Lukas Nickels. Gut 550 Menschen landeten schließlich in der Gesamtschule, 83 davon aus dem Seniorenheim, neun aus dem Mutterhaus.

„Schreck, Trauer, Entsetzen, Hilflosigkeit.“ So fasst Notfallseelsorgerin Monika Jacobs-Heidel die Emotionen der Betroffenen zusammen. „Sie wissen nicht, ob ihre Wohnung zu retten ist, ob sie je wieder dorthin zurückkönnen. Viele haben ihre Papiere und ihre Bankkarte nicht mitgenommen. Eine Dame hatte einen Teil ihres Gebisses nicht dabei“, erinnert sie sich.

Doch so groß die Herausforderung war, vor der die gut 120 Helfer in der Mäusheckerschule plötzlich standen, so groß war auch die Unterstützung, die sie erfahren haben.

Schon nach kurzer Zeit hätten sie keine Spenden mehr annehmen können, sagt Martin Faß. Sie seien förmlich „überschmissen“ worden mit Sachspenden. Am Ende war eine ganze Turnhalle voll. Einiges konnten die Menschen in Plastiktüten mit in die Jägerkaserne nehmen, der Rest soll über die Stadtverwaltung verteilt werden. Auch einige Supermärkte stellten Lebensmittel zur Verfügung. Die Schulmensa lieferte 1000 warme Mahlzeiten.

Tief in der Nacht wurde dann auch Lukas Nickels abgelöst – nach etwa 18 Stunden. „Ich war komplett fertig“, sagt er. Am Freitag wurde die Notunterkunft abgebaut, wer nirgends sonst unterkommen konnte, wurde in die Jägerkaserne gebracht.

Wie lange die Menschen dort bleiben müssten, sei aber noch völlig unabsehbar, berichtet Bernhard Jocher. Er ist Abteilungsleiter der Caritas. Vor seinem Büro im Erdgeschoss der Kaserne hat sich am Samstag eine kleine Schlange gebildet. Freiwillige Helfer warten auf Aufgaben, ein Mann braucht dringend Medizin für seinen Sohn. „In den Zeiten des hohen Flüchtlingsaufkommens hatten wir auch die Zimmer stärker belegt, aber so viele Leute wie jetzt hatten wir noch nie hier im Haus.“, sagt Jocher. Auch in Schulungsräumen liegen nun Matratzen auf dem Boden.

Am Samstagmorgen konnten die ersten Menschen zu ihren Häusern zurückkehren, um wenigstens das Nötigste zu holen. „Manche kommen halbwegs erleichtert zurück und andere am Boden zerstört“, sagt Jocher. So hat es auch eine der Helferinnen in der Kleiderkammer der Unterkunft erlebt. „Einige Männer kamen unter Tränen zurück. Einer hat absolut nichts mehr, weil Wasser und Öl überall in der Wohnung waren. Es ist schrecklich“, sagt sie.

Die Frau hat den ganzen Tag dabei geholfen, Spenden vom Vortag zu sortieren. In unzähligen Schwerlastregalen liegen nun Hunderte gefaltete Handtücher, Kissen und Decken. Eine Schaufensterpuppe präsentiert ein kurzes Sommerkleid. Ein ganzes Regal ist allein mit Lederschuhen voll.

 Alleine Handtücher, Decken und Kissen füllen mehrere Regale in der Kleiderkammer der Jägerkaserne. Fast alles haben Trierer innerhalb weniger Stunden hier abgegeben.
Alleine Handtücher, Decken und Kissen füllen mehrere Regale in der Kleiderkammer der Jägerkaserne. Fast alles haben Trierer innerhalb weniger Stunden hier abgegeben. Foto: Noah Drautzburg

„Unglaublich“ sei die Spendenbereitschaft gewesen, erzählt die Helferin. „Die ärmsten Leute sind gekommen und haben gesagt: ‚Ich möchte 100 Euro spenden, was soll ich kaufen?‘“ Schon nach wenigen Stunden konnten sie nichts mehr aufnehmen. „Die Menschen können sich hier alles nehmen, was sie brauchen“, sagt die Helferin. „Sie sollen sich wohlfühlen und nicht das Gefühl haben, als Bettler hier zu sein“. Es gebe den Leuten ein wenig Normalität zurück – „fast wie Shopping.“

Die Kleiderkammer ist eines von vielen Beispielen dafür, wie in den letzten Tagen unbegreiflicher Verlust und überwältigende Spendenbereitschaft aufeinandergetroffen sind. Das macht die Katastrophe nicht ungeschehen, doch es hilft.