Namenlose Opfer, vergessene Schicksale

Namenlose Opfer, vergessene Schicksale

Heute gedenkt die Bundesrepublik der Opfer des Nationalsozialismus. In einem Vortrag zur Trierer Ausstellung "Erinnerung bewahren" hat der Koblenzer Oberverwaltungsrichter Joachim Hennig die oft wenig beachteten Schicksale polnischer Zwangsarbeiter im nördlichen Rheinland-Pfalz nachgezeichnet. Auch in Trier gab es mehrere Tausend polnische Zwangsarbeiter.

Trier. Zum 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedenkt die Welt heute der Opfer des Nationalsozialismus. "Leider beschränkt sich die Erinnerungsarbeit oft nur auf die bekanntesten Opfergruppen wie Juden oder Widerstandskämpfer", sagt der Koblenzer Oberverwaltungsrichter Joachim Hennig vom Förderverein Mahnmal Koblenz. Die dramatischen Einzelschicksale vieler anderer, nichtdeutscher Opfer, würden dagegen von der breiten Öffentlichkeit meist nur unzureichend wahrgenommen werden.
In einem Vortrag anlässlich der Trierer Ausstellung "Erinnerung bewahren: Sklaven- und Zwangsarbeiter des Dritten Reiches aus Polen (1939 - 1945)" (der TV berichtete), haben sich Hennig sowie der Direktor des Trierer Stadtarchivs, Reiner Nolden, mit dem Schicksal polnischer Zwangsarbeiter im nördlichen Rheinland-Pfalz und der Region Trier beschäftigt.
"Die Polen und Russen standen in der nationalen Hierarchie der Nazis ganz unten", sagt Hennig. "Als fremdvölkische Arbeitskräfte lebten sie in Deutschland nicht nur unter erniedrigenden und menschenunwürdigen Bedingungen, sondern bezahlten ihren Arbeitseinsatz auch oft mit dem Leben." So habe es beispielsweise genügt, einen Polen des Geschlechtsverkehrs mit einer deutschen Frau zu bezichtigen, um ihn ohne Gerichtsverfahren durch die Gestapo hinrichten zu lassen, sagt Hennig. "Rechtsstaatlichen Schutz hatten die polnischen Arbeiter gar keinen." Auch in Trier und der Umgebung sei das so gewesen, auch wenn viele dies nicht wüssten oder nicht wahrhaben wollten. Nolden bestätigt: "Im Jahr 1945 gab es zwischen 6000 und 7000 Zwangsarbeiter in Trier. Wir wissen gesichert, dass 1740 davon namentlich bekannte Polen waren."
Aufgrund der schwierigen Quellenlage - die Gestapo-Akten über die beschäftigten Zwangsarbeiter in Trier sind seit der Besatzung durch die Franzosen verschollen - gehe man allerdings von weitaus höheren Zahlen aus. "Wir schätzen, dass es mehrere Tausend polnische Zwangsarbeiter in Trier gab", sagt Nolden.
Während des Krieges waren die Zwangsarbeiter in Lagern in der Ausoniusstraße 1, im Kloster der Weißen Väter in der Dietrichstraße 30 und bei der Tonhalle interniert. Außerdem gab es außerhalb von Trier noch ein großes Lager bei der Romika in Gusterath sowie das Konzentrationslager Hinzert, dessen Gefangene ebenfalls zur Zwangsarbeit gezwungen wurden.
Nach 1945 wurden die Zwangsarbeiter aus ganz Rheinland-Pfalz und dem Saarland in einem Zentrallager in der Kaserne in Trier-Feyen konzentriert.Extra

Ausstellung "Erinnerung bewahren": bis 4. Februar in der VHS, Domfreihof; 6. Februar bis 11. Februar in der Universität, A/B-Foyer. Ökumenischer Hochschulgottesdienst: "SEHT!", Freitag, 27. Januar, 12 Uhr, Jesuitenkirche/Altstadt. Stolperstein-Rundgang: Freitag, 27. Januar, 16.30 Uhr, Friedens- und Umweltzentrum, Pfützenstraße 1. Führung in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ-Hinzert: Sonntag, 29. Januar, 14 Uhr, Gedenkstätte Hinzert - Mitfahrgelegenheiten ab Wittlich und Trier. Infos: www.esg-trier.deVortrag/Führung: Das Gemälde "Russische Zwangsarbeiterinnen" von Mia Münster, Dienstag, 31. Januar, 20 Uhr, Stadtmuseum Simeonstift. Vortrag: Liebe als Verbrechen - KZ als Strafe, mit Thomas Muggenthaler (Redakteur beim Bayerischen Rundfunk), Freitag, 3. Februar, 19.30 Uhr, VHS Trier. sve

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