Neuer Glanz für antike Funde

Ihr Arbeitsmaterial ist zerbrechliches Gut: Restauratoren müssen Fingerspitzengefühl beweisen, wenn es ans Bearbeiten und Wiederherstellen antiker Fundstücke geht. Ludwig Eiden, Werkstattleiter des Rheinischen Landesmuseums Trier, gibt dem TV einen Einblick in seine vielfältige Arbeit.

Trier. Nur nicht zu fest drücken. Behutsam hält Ludwig Eiden eine Bronzefibel in seiner Hand. Er betrachtet die Gewandnadel aus der Römerzeit durch ein Mikroskop. Zwei fangarmähnliche Lichtschläuche sind auf das grünlich schimmernde Fundstück aus Hermeskeil gerichtet. "Gegenstände wie diese Fibel sind Modeartikel und können daher zeitlich sehr gut eingeordnet werden", erklärt Eiden.

Der 53-Jährige ist Restaurator und Werkstattleiter am Rheinischen Landesmuseum in Trier. Er dreht und wendet das etwa zehn Zentimeter lange Objekt. "Vermutlich stammt es aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert. Aber das wird sich noch ergeben."

Eidens Tisch ist mit allerlei Werkzeugen beladen. Feine Pinsel, Pinzetten, Spatel und Skalpelle: Er hat seinen Arbeitsplatz so zusammengestellt, wie er ihn braucht. Einen Nasensauger für Babys aus der Drogerie hat er kurzerhand in einen kleinen Blasebalg umfunktioniert. Mit ihm pustet er den feinen Staub von der Fibel, der durch das millimeterweise Abtragen der stark gealterten Oberfläche entsteht. Das macht Eiden mit einem Skalpell. Er vermutet einen Zinnüberzug unter der grünlichen Patina, geht daher sehr vorsichtig vor. "Sonst knackt es irgendwann, wenn man nicht aufpasst."

Zerbrechlich ist auch das Schäleisen, das Praktikantin Katja Jonas am Platz nebenan bearbeitet. Es stammt aus dem Militärlager auf dem Petrisberg, wo das Museum zurzeit gräbt. "Der Boden dort ist voller Salze, genauer gesagt Chloride", erklärt Eiden. "Die Objekte zerfallen nach der Ausgrabung innerhalb kurzer Zeit, wenn sie nicht bearbeitet werden." Da werde Bronze wie Pulver, Eisen wie Blätterteig. Das Schäleisen, das wohl zur Holzverarbeitung benutzt wurde, ist jedoch bereits so weit wiederhergestellt, dass es nicht gleich bei der ersten Berührung zerbricht.

Im Nachbarraum bearbeitet Praktikantin Claire Wetz den Überrest eines Löffels mit einem Sandstrahlgerät. Das Gerät surrt vor sich hin. Der Strahl selbst ist zwar nicht zu sehen, doch die verkrustete Rostschicht verschwindet Millimeter für Millimeter. Den dritten Tag sitzt die 20-Jährige bereits an dieser Aufgabe. Mühselig findet sie das nicht. "Es geht sogar relativ schnell", sagt sie. "Und nach einer Weile ist das Geräusch des Sandstrahlers eher meditativ."

Werkstattleiter Ludwig Eiden unterbricht seine Arbeit indes, um zu den Mitarbeitern einer Spedition zu eilen. Sie bringen eine Leihgabe an die Varusschlacht-Ausstellung im niedersächsischen Kalkriese zurück. Auch dafür ist Eiden verantwortlich: Das Leihwesen ist ein Teilbereich seiner Arbeit, der viel Zeit in Anspruch nimmt. "Man will ja niemandem absagen", sagt Eiden. "Schließlich ist man selbst auch einmal auf Leihgaben angewiesen."

Der 270 Kilo schwere Inschriftenstein, den Eiden an diesem Tag entgegennimmt, steht gut verpackt in einer Holzkiste. Mit einem Akkuschrauber öffnet er den Container, an dem in großen Buchstaben das Wort "fragile" - zerbrechlich - steht. Unter Styropor und Filz kommt schließlich der Inschriftenstein zum Vorschein. Eiden nimmt ihn kritisch unter die Lupe. Ein Zustandsprotokoll, das vor jeder Ausleihe angefertigt wird, hilft ihm, etwaige Veränderungen festzustellen. Routiniert betrachtet er Vorder- und Rückseite des Steins, bis er sicher ist, dass alles stimmt.

Zügig verpacken die Speditionsmitarbeiter den Stein wieder. Sie bringen ihn in einen Sammelraum, wo weitere Ausstellungsstücke bereits auf ihren Auftritt beim zweiten Abschnitt der Dauerausstellung des Museums warten. Dieser zweite Abschnitt soll das spätantike Trier zeigen, die Blütezeit der Römerstadt. Rund 2000 Exponate müssen für die Schau in einen präsentablen Zustand gebracht werden. Eine Mammut-Aufgabe, an der Eiden und sein fünfköpfiges Team dieser Tage arbeiten. Doch in Mammut-Aufgaben sind die Trierer Restauratoren geübt.

In eineinhalb Jahren Arbeit haben sie rund 3000 Exponate für den ersten Teil der Dauerausstellung präpariert: Waffen, Gürtel, Prunkschmuck für Pferde, Tongefäße, Kessel, Krüge und Kannen. Aus einem zusammengeknüllten Stück Leder, das in einer mittelalterlichen Abfallgrube gefunden worden war, konnte Eiden einen Schuh hervorzaubern. Ein bisschen mitgenommen sieht er in seiner Vitrine aus, aber nahezu geschmeidig. Ein Stückchen Geschichte, dem Eiden zu neuem Leben verholfen hat.

Zurück an seinem Arbeitsplatz blickt Eiden wieder konzentriert durch sein Mikroskop. Einen guten Teil der Bronzefibel hat er bereits von der oxidierten Schicht befreit. Bei den Scharnieren wird es noch einmal komplizierter.

Immer wieder sei er überrascht über die Handwerkskunst der damaligen Zeit. "Wir haben teilweise Techniken entdeckt, die gibt es gar nicht mehr", sagt er. "Durch die industrielle Produktion haben wir einige Fertigkeiten verloren." Langweilig wird seine Arbeit nie. Seine Begeisterung hat er sich auch nach fast 30 Berufsjahren bewahrt. "Wissen Sie", sagt er, "Fundstücke sind wie eine Wundertüte: Was sie verbergen, zeigt sich oft erst nach dem Bearbeiten."

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