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Nicht in die Tonne!: Foodsharing-Aktivistinnen bewahren Lebensmittel vor der Vernichtung

Nicht in die Tonne!: Foodsharing-Aktivistinnen bewahren Lebensmittel vor der Vernichtung

Ein Riss in der Verpackung, die Delle in der Dose, das welke Salatblatt - Lebensmittel gelten hierzulande rasch als unverkäuflich und werden entsprechend schnell entsorgt. Der Verein Foodsharing will verhindern, dass noch genießbare Nahrungsmittel vernichtet werden. An diesem Samstag wird in Trier der erste "FairTeiler" aufgestellt.

Trier. Joana Wild kommt immer kurz vor Ladenschluss. Gemeinsam mit Susanne Völkel und Pia Hofmeier betritt sie auch an diesem Abend das Geschäft im Gartenfeld. Die Studentinnen werden nichts kaufen - und sich dennoch die Taschen vollmachen. Mit Lebensmitteln, die ansonsten im Müll gelandet wären, weil ihr Mindesthaltbarkeitsdatum abläuft oder Verfärbungen signalisieren, dass das Gemüse nicht mehr ganz so frisch ist. Nach solchen Lebensmitteln haben die drei Frauen gesucht, schließlich handelt es sich bei ihnen um "Foodsaverinnen".
Wie sie teilen in Trier rund 50 Menschen dasselbe Ziel: die Masse an Lebensmitteln, die vernichtet wird, zu reduzieren. "Wir wollen, dass weniger weggeworfen wird", sagt Susanne Völkel und ergänzt: "Die Lebensmittel müssen nicht unbedingt an Bedürftige gehen. Uns ist vor allem wichtig, dass sie nicht entsorgt werden." Wenn bedürftige Menschen von "Foodsharing" profitieren, umso besser. Denn die Frage, was mit den Waren geschieht, begegnet Susanne Völkel und ihren Mitstreiterinnen häufiger.
Manch einer könnte etwa argwöhnen, hier senke der ein oder die andere seine Lebenshaltungskosten. Tatsächlich prüfen die "Foodsaver" nicht die wirtschaftliche Situation der Abnehmer. Wie überhaupt das Ganze recht unbürokratisch abläuft, etwa über soziale Netzwerke. Auf Facebook zählt die Trierer Gruppe von Foodsharing rund 1700 Mitglieder, von Currygewürzen bis Schokoherzen reichten die Angebote der vergangenen Wochen - nicht alle stießen auch auf Nachfrage.
Ist der Kühlschrank kurz vor Urlaubsantritt proppenvoll oder hat man sich beim Einkauf schlicht verkalkuliert, genügt oft ein Eintrag im Netzwerk, um einen Abnehmer zu finden. Eine Garantie gibt es nicht, und Geld fließt keines. Auch muss niemand eine Gegenleistung erbringen. Teilen lautet die Devise. Die Lebensmittelspenden dürfen "ausschließlich unentgeltlich" weitergegeben werden, heißt es im Verhaltenskodex für "Foodsaver" (siehe Extra).Unterstützung vom Händler


Neben Online-Plattformen setzt man auch auf die Unterstützung von Menschen wie Gerhard Surges. "Ich bin froh, wenn ich die Lebensmittel, die ja eigentlich noch genießbar sind, aber von niemandem mehr gekauft werden, nicht wegwerfen muss", sagt der Nahkauf-Inhaber und inspiziert jetzt gemeinsam mit den "Foodsaverinnen" die Obst- und Gemüseabteilung. Granatäpfel und Chinakohl wandern in Joana Wilds Karton, aus dem Backwarenregal kommen Croissants und Apfeltaschen hinzu. Weil die Kundschaft nach Frische verlange, gelte ein welkes Salatblatt schon als Verkaufshindernis, sagt Surges.
Ob sich der Warenüberschuss nicht über den Einkauf reduzieren lasse? "Das können Sie heute kaum mehr kalkulieren", antwortet der erfahrene Händler. Zudem gebe der Großhandel für bestimmte Produkte Mindestmengen vor. Auch deshalb lasse sich nie ausschließen, dass am Ende des Tages in seinem Laden Lebensmittel übrig bleiben.
Früher landeten diese in der Tonne, dann traten die mit einem speziellen Ausweis ausgestatteten "Foodsaver" auf den Plan. Sie verteilen die Lebensmittel im Freundes- und Bekanntenkreis und ab diesem Samstag auch in einem "FairTeiler" am Viehmarktplatz: Vor der Kneipe Simplicissimus wird ein Schrank aufgestellt, in dem vor der Vernichtung bewahrte Lebensmittel angeboten werden. Wer des Weges kommt, kann sich bedienen - oder auch nachfüllen. Leicht verderbliche Ware, besonders solche, die gekühlt werden muss, wird es jedoch nicht geben. "Wir wollen die Wegwerf-Mentalität durchbrechen", erklärt Kneipen-Inhaber Reiner Hemmerling seine Motivation, Foodsharing zu unterstützen.Extra

In Deutschland landen jährlich etliche Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Welches Ausmaß die Vernichtung von Nahrung hierzulande angenommen hat, zeigte 2011 der Dokumentarfilm "Taste the Waste". Filmregisseur Valentin Thurn zählt zu den Mitbegründern von Foodsharing. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, noch genießbare Lebensmittel vor der Tonne zu bewahren. Besorgen sollen das vor Ort "Foodsaver", die Nahrungsmittel einsammeln und diese auch verteilen. Wer als "Foodsaver" tätig werden möchte, muss einen umfassenden Fragebogen ausfüllen und mit einem "Foodsharing-Botschafter" auf Probetour gehen. Auf diese Weise will man gewährleisten, dass die potenziellen Mitstreiter die richtige Motivation und Zuverlässigkeit mitbringen. "Foodsharing-Botschafterin" für Trier ist die Studentin Susanne Völkel. Die "Foodsaver" müssen auch eine Erklärung zum Verhaltenskodex sowie zum Haftungsausschluss unterzeichnen. In diesem verpflichten sie sich dazu, sämtliche eingesammelten Lebensmittelspenden "ausschließlich unentgeltlich weiterzugeben" und diese noch "vor der Weitergabe nach bestem Wissen und Gewissen auf ihre Unbedenklichkeit zu überprüfen". Der Verein Foodsharing selbst übernimmt keine Haftung für Lebensmittelspenden, und auch der Spender muss nicht fürchten, auf Schadenersatz verklagt zu werden, sollte der Verzehr der Ware unliebsame Folgen haben. "Jede Haftung des Lebensmittelspenders, auch für Fahrlässigkeit jeden Grades, ist ausgeschlossen." Als Konkurrenz zu etablierten Initiativen sieht der Verein sich nicht: "Die ,Foodsaver\\' sind eine effiziente, lokale und zeitnahe Ergänzung zu anderen gemeinnützigen Organisationen wie den ,Tafeln\\'", heißt es. Anders als die "Tafeln" prüfen die "Foodsaver" jedoch nicht die Bedürftigkeit der Abnehmer.mst Weitere Informationen gibt es unter www.foodsharing.de