"Nimmst du mein Tier, nehm ich dein Tier"

Trier · Umzug, Urlaub oder Überforderung: Jedes Jahr landen Hunderte Tiere aus der Region im Trierer Tierheim. 2010 waren es über 600. Aktuell ist das Tierheim voll ausgelastet. Für Urlauber bietet der Tierschutzverein Trier und Umgebung die Aktion "Nimmst du mein Tier, nehm ich dein Tier" an - dieses Jahr gab es noch keine einzige Vermittlung.

Tierärztin Anja Oberhausen besucht Fundhund Nepomuk im Zwinger. So wie Nepomuk sind im vergangenen Jahr über 600 Haustiere im Trierer Tierheim gelandet. TV-Foto: Beate Kerpen

Trier. "Aufnahmestopp" - teilt das Trierer Tierheim auf seiner Homepage mit: "Aufgrund der großen Anzahl der abgegebenen Tiere in den vergangenen Wochen können derzeit keine Katzen und Kleintiere mehr aufgenommen werden."
Jedes Jahr werden in Deutschland rund 500 000 Haustiere ausgesetzt, schätzt der Deutsche Jagdschutzverband. Besonders schlimm sei es in der Urlaubszeit. Dieser Zustand sei nicht nur folgenreich für die ausgesetzten Tiere, sondern auch für die heimischen Wildtiere, warnt der Verband (siehe Extra).
Im vergangenen Jahr landeten über 600 Tiere im Trierer Tierheim - mehr als 400 Fundtiere sowie 245 Haustiere, die von ihren Besitzern abgegeben wurden. Weitere 178 Tiere bezogen vorübergehend im Tierheim Quartier, weil ihre Herrchen im Urlaub oder im Krankenhaus waren.

Zwar kann die Tierärztin des Trierer Tierheims, Anja Oberhausen, dieses Jahr zur Urlaubssaison keine besondere Zunahme der Anzahl der abgegebenen Tiere feststellen. Dennoch sei das Tierheim mit 130 Katzen, 40 Hunden und 30 Kleintieren gerade voll ausgelastet. "Wir können derzeit nur Tiere aufnehmen, bei denen ein echter Notfall vorliegt", sagt Oberhausen.
Doch gerade das sei oft gar nicht der Fall. "Viele Menschen machen sich vor der Anschaffung eines Tieres keine Gedanken darüber, was es bedeutet, ein Tier zu halten. Sie berücksichtigen oft nicht einen möglichen Umzug, die Urlaubsplanung oder die besonderen Bedürfnisse und Charaktereigenschaften des Tieres", sagt Oberhausen.
Stattdessen würden Fiffi, Mieze oder Hoppel in vielen Fällen nur nach rein optischen Kriterien ausgesucht werden. "Wenn der Hund irgendwann anfängt zu beißen, weil er ganz falsch gehalten wird, oder wenn das Kaninchen dem Siebenjährigen als Spielgefährte zu langweilig geworden ist, dann soll das Tier weg", berichtet Oberhausen. Doch anstatt sich selbst um eine Lösung zu bemühen, kämen viele zum Tierheim, um ihr Tier dort so bequem wie möglich zu entsorgen. Oberhausen ärgert sich über diese Einstellung: "Tierhalter müssen die Verantwortung für ihr Tier tragen - das kann ihnen auch das Tierheim nicht abnehmen."
Fast täglich erlebt Oberhausen die Dreistigkeit, zu der einige Tierhalter fähig sind: "Manchmal finden wir morgens Tiere, die nachts einfach auf dem Gelände des Tierheims zurückgelassen wurden. In anderen Fällen hören wir die absurdesten Lügen, nur damit wir das Tier annehmen", erzählt die Tierärztin. Manchmal drohten Besitzer sogar ganz unverblümt damit, das Tier zu töten, wenn das Tierheim es nicht annehme.
Gegenseitige Hilfsbereitschaft


Damit Tierhalter in den Ferien einen Urlaubsplatz für ihre Tiere finden, hat der Deutsche Tierschutzbund in Bonn vor über zehn Jahren die Initiative "Nimmst du mein Tier, nehm ich dein Tier" ins Leben gerufen. Es geht darum, Tierhalter zusammenzuführen, die sich die Tierbetreuung für die Dauer eines Urlaubs gegenseitig abnehmen.
Auch der Tierschutzverein Trier nimmt seit Jahren an der Aktion teil und vermittelt passende Tierhalter - allerdings mit mäßigem Erfolg.
"Dieses Jahr kam es bisher noch zu keiner einzigen erfolgreichen Vermittlung", erzählt die Koordinatorin vom Tierschutzverein Trier und Umgebung, Elke Wöhrle. Auch in den vergangenen beiden Jahren habe es insgesamt nur sieben Vermittlungen gegeben.
Das Vermittlungsverfahren sei "vorsintflutlich" und "viel zu kompliziert", sagt Wöhrle. Denn anstelle einer Plattform im Internet oder einer Datenbank auf dem Computer funktioniert die Börse immer noch mit handgeschriebenen Karteikarten und den geduldigen Anrufen von Elke Wöhrle bei allen infrage kommenden Partnern. "Die Aussichten auf Erfolg sind derzeit leider nicht sehr groß", bedauert sie. Ausgesetzte Haustiere besinnen sich oft auf ihre Urinstinkte und werden so zur Gefahr für heimische Wildtiere, warnt der Deutsche Jagdschutzverband in Bonn: "Hunde machen Jagd auf Hasen und Rehe, Katzen bedienen sich an Vögeln, Wildkaninchen oder Fröschen", teilt der Bonner Verband mit. Allein in der noch bis August dauernden Brut- und Aufzuchtzeit fräßen die zwei Millionen streunenden Katzen in Deutschland etwa eine Million Kaninchen und Hasen sowie über sechs Millionen Singvögel. Besonders für bedrohte Tierarten wie Feldlerchen oder Rotschwänze stellte die Masse an streunenden Haustieren eine ernsthafte Gefahr dar. beke