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Noch vor 100 Jahren ein armes Dorf

Noch vor 100 Jahren ein armes Dorf

HEILIGKREUZ. Höchst geschichtsträchtig, nach dem Krieg Boomtown, aber in jüngerer Zeit zunehmend Schauplatz von Rationalisierungsmaßnahmen und Firmenschließungen: Heiligkreuz ist ein spannendes Pflaster.

Oh Kreuz! Wenn ein Heiligkreuzer Auswärtigen sagt, wie sein Stadtteil heißt, dann stößt er oft auf Unverständnis. Heiligkreuz? Das klingt so altmodisch sakral. Na und? Santa Cruz mag interessanter klingen, bedeutet aber auch nichts anderes. Der Stadtteil erhielt seinen Namen von einer Heiligkreuz-Kapelle, die der Legende nach auf die Heilige Helena (circa 250-330), Mutter Kaiser Konstantins, zurückgeht. Der Kirchenanlage auf dem Jerusalemer Kalvarienberg nachempfunden, stand das Gotteshaus nur wenige 100 Meter entfernt vom ersten Großtempel des römischen Trier am heutigen Herrenbrünnchen.Der antike Glanz verblasste allerdings schnell. Noch vor 100 Jahren präsentierte sich Heiligkreuz als armes Dorf, bis zur Eingemeindung 1912 gehörte es zum Kreis Trier-Land. Die große Stunde der Neuzeit-Entwicklung schlug nach dem Zweiten Weltkrieg. Die ausgedehnten Felder und Wiesen auf den Hügeln südöstlich der Altstadt boten reichlich Platz für die notwendige Siedlungserweiterung. Ende des vergangenen Jahrhunderts kamen Multi-Millionen-Projekte wie die Europäische Rechtsakademie, die Landeszentralbank und die Bebauung auf dem Gelände der abgerissenen Caspary-Brauerei dazu.Seit den 50er Jahren präsentiert sich der Stadtteil als seltsame Verwaltung-Konstruktion. Metzer und Straßburger Allee trennen Alt- und Neu-Heiligkreuz. Auf der einen Seite der historische Ortskern, auf der anderen die Neubaugebiete, die nun auch schon ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben. Flächenmäßig ist Neu-Heiligkreuz mehr als doppelt so groß wie das Gebiet des alten Dorfes, reicht im Süden bis ans Hofgut Mariahof heran und umfasst auch das Schulzentrum am Wolfsberg samt Sportanlagen. Die Fußballer der SSG Mariahof kicken also auf Heiligkreuzer Terrain, und die Mariahofer Kleingärtner pflanzen ebenfalls im Nachbarstadtteil.Die flächenmäßige Ausdehnung schlägt sich in der Einwohnerzahl nieder: rund 4280 in Neu- und 2560 in Alt-Heiligkreuz. Bemerkenswert: Der Alt-Stadtteil weist den höchsten "Frauenüberschuss" im Stadtgebiet auf (56,8 Prozent). Und Neu-Heiligkreuzer (davon 54,8 Prozent weiblichen Geschlechts) leben länger als andere Trierer. Drei von zehn Bewohnern zwischen Herrenbrünnchen und Orendelstraße sind älter als 65 Jahre, jeder elfte sogar über 80.Da erscheint das aktuelle Hauptthema des Stadtteils wie demographische Ironie. Das Problem von provokativ und alkoholisiertherumlungernden Jugendlichen ist jedoch kein ortsspezifisches. "Die meisten der jungen Leute, die bei uns unangenehm auffallen, kommen gar nicht von hier", weiß Ortsvorsteherin Elisabeth Ruschel (56). Ihre Vermittlungsversuche zwischen den Generationen zeigen nicht immer den gewünschten Erfolg. "Wir brauchen einen Streetworker", seufzt die engagierte CDU-Kommunalpolitikerin.Doch es sind nicht nur rebellierende Teenies, die Sorgen bereiten. Die wirtschaftlich schwierigen Zeiten beuteln auch Heiligkreuz. Im Gewerbegebiet an der Wisportstraße machten in den vergangenen Jahren viele Firmen dicht. Städtische Sparpläne schlagen sich nieder im Ausbau der Arnulfstraße, der seit geraumer Zeit auf sich warten lässt, und in zunehmend zugewucherten und unbenutzbaren Fußwegen.Als besonders dreist empfinden die Heiligkreuzer den Abbau des weit und breit einzigen Briefkastens an der Rotbachstraße vor einigen Wochen. "Wenn wir wenigstens eine Postagentur hätten, dann wäre das zu verschmerzen", meint die Ortsvorsteherin. "Aber auf unsere diesbezügliche Frage hat die Deutsche Post AG lapidar ‚Das sehen wir nicht vor‘ geantwortet."Am Montag in unserer Heiligkreuz-Serie: Der Stadtteilrahmenplan soll neuen Entwicklungs-Schwung bewirken.