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Norbert Scheuer ist Träger des Stefan-Andres-Preises

Kultur : „Die Wirklichkeit ist verwirrend“

Norbert Scheuer ist Träger des Stefan-Andres-Preises. Die Verleihung wurde nun nachgeholt.

Turnusgemäß ist der Stefan-Andres-Preis bereits im Vorjahr vergeben worden, die Jury hatte den Eifeler Schriftsteller Norbert Scheuer ausgewählt. Eine Zeremonie zur Übergabe des Preises konnte jedoch 2020 wegen der Covid-19-Pandemie nicht stattfinden. Nach über einem Jahr Verzögerung hat die Stefan-Andres-Gesellschaft (StAG) dies nun bei einem Festakt in der ehemaligen Synagoge Schweich nachgeholt.

Der 68-jährige Scheuer hat mit mehreren Werken in Literaturszene für Aufmerksamkeit gesorgt. 2009 stand sein Roman „Überm Rauschen“ auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Mit „Die Sprache der Vögel“ landete er 2015 auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis. Und sein jüngster Roman „Winterbienen“ wurde mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet. Dass die StAG Parallelen zwischen Stefan Andres und Norbert Scheuer ausgemacht hat, begünstigte die Entscheidung für einen weiteren Preis.

Beide hätten sich dem europäischen Gedanken fest verschrieben, benannte Schweichs Stadtbürgermeister Lars Rieger eine dieser Gemeinsamkeiten. Und Scheuer teile eine weitere Haltung Andres‘: „Mauern in den Köpfen, im Denken waren ihm ein Gräuel.“

Was das Besondere an Scheuers Werk ausmacht, veranschaulichte Dr. Claude Conter, Direktor der Nationalbibliothek Luxemburg, in seiner Laudatio. Er machte auf vier wiederkehrende und seiner Meinung bedeutsame Elemente aufmerksam. So spielten stets Bibliotheken eine gewichtige Rolle in den Texten. Zu nennen sei beispielsweise die Kaller Stadtbibliothek, in der während der NS-Zeit vom Regime verbotene Schriften versteckt wurden. Der Eifel-Ort Kall ist übrigens häufiger Handlungsort bei Scheuer – kein Zufall, denn der Schriftsteller wohnt in Kall-Keldenich. Allerdings handelt es sich in den Romanen um ein fiktives Kall, das sich nur an der Oberfläche an das reale Vorbild anlehnt. Sammlungen, die zum Ausgangspunkt für Erinnerung werden sowie in eine besondere Poetik machte Conter als weitere prägende Punkte aus.

Von den Ausführungen des Literaturwissenschaftlers zeigte sich der Autor überrascht: „Sie haben da Dinge ausgemacht, die mir selbst gar nicht mehr im Gedächtnis waren.“ Treffend waren einige Beobachtungen indes schon, wie Scheuer feststellen musste. Unter anderem bei den Bibliotheken: Ja, im nächsten Roman ist wieder eine mit drin. Über den Stefan-Andres-Preis freue er sich sehr, sagte Scheuer. Ein Bonus sei für ihn, dass er dadurch begonnen habe, sich in Andres‘ Werk einzulesen. Weit sei er zwar noch nicht gekommen, aber ein Satz habe ihn schon jetzt stark beeindruckt, weil er zutreffend seine eigene Sicht auf die Welt spiegele: „Die Wirklichkeit ist verwirrend.“