"Nur die Kameradschaft zählt"

"Nur die Kameradschaft zählt"

OLEWIG. Wenn es brennt, ist Werner Bettendorf zur Stelle: Seit 37 Jahren engagiert sich der Ur-Olewiger in der Freiwilligen Feuerwehr des Winzerorts. Aber das ist nur ein Grund, weshalb für den Steinbildhauer ein Leben außerhalb der Stadtteilgrenzen schier unvorstellbar ist.

Es gibt Menschen, die will man nicht wiedersehen. Das weiß auch Werner Bettendorf, den manche am liebsten meiden würden. Nicht, dass der 54-Jährige ein unangenehmer Zeitgenosse wäre - im Gegenteil. Es ist nur so, dass des Steinbildhauermeisters bevorzugtes Metier Grabsteine sind. Und "wenn ich Sie wiedersehe, hätte ich ja einen Sterbefall", musste Bettendorf sich denn auch schon mal sagen lassen. Das wiederum ist nur die halbe Wahrheit, denn es gibt auch andere Möglichkeiten, den Olewiger kennen zu lernen: zum Beispiel als Reporter, der ein Porträt schreiben will. Dann ist erst einmal Überzeugungsarbeit gefragt, denn dass es den umgänglichen Mann in die Zeitung drängte, lässt sich nun wirklich nicht behaupten. "Es ist eigentlich nicht so meine Art, mich in den Vordergrund zu schieben", sagt er, und man glaubt es ihm auf Anhieb. Bettendorf ist ein Ur-Olewiger und seine Heimatverbundenheit könnte größer nicht sein. Als er vor einigen Jahren ein neues Haus bauen wollte, gab es für den Vater zweier Töchter eine Bedingung, an der nicht gerüttelt werden durfte: "Mir war von Anfang an klar, dass es nur Olewig sein konnte", berichtet er von der schnell geklärten Standortfrage. Und weil der Stadtteil nicht eben reich war an freien Bauplätzen, zog sich das Vorhaben lange hin. Jetzt wohnen die Bettendorfs in der Brettenbach und damit ziemlich genau auf halbem Weg zwischen eigenem Steinmetzbetrieb und Olewiger Feuerwehrhaus - und zwischen diesen beiden Polen spielt sich das Leben des fitten Mittfünfzigers ab. In dritter Generation führt Bettendorf das Unternehmen, das sein Großvater 1920 gegründet hat. "Für mich konnte es nie etwas anderes geben", erzählt der Enkel von der alternativlosen Leidenschaft, die er zum Beruf machte und der er seit seinem 14. Lebensjahr frönt. In seinem "Drei-Mann-plus-Ehefrau-Betrieb" fertigt der Steinbildhauer Grabmale und Natursteinbrunnen, das Firmengelände an der Hunsrückstraße gleicht denn auch einem zusammengeschobenen Gräberfeld. Stein bestimmt sein Leben, und Hartstein dominiert das Büro der Firma: Boden und Schreibtischplatte sind aus Silvercloud - ein gewöhnungsbedürftiges Ambiente. Verfall der Bestattungskultur

Bettendorf hat nie bereut, den väterlichen Betrieb fortgeführt zu haben. Doch dass die Bedingungen "inzwischen ziemlich brutal" sind, will er nicht verhehlen. Eine Entwicklung macht ihm vor allem zu schaffen: "Was derzeit im Bestattungswesen geschieht, ist ein erschreckender Kulturverfall", kritisiert der Grabmalkünstler. Dass anonyme Bestattungen für ihn ein Gräuel sind, begründet er nicht mit wirtschaftlichen Interessen. Vielmehr ist Bettendorf davon überzeugt, dass die Hinterbliebenen einen Ort brauchen, an dem sie trauern können. Für einen Moment wird er nachdenklich und erzählt von einschneidenden Erlebnissen, die er in seinem Job des öfteren hat. Doch wenige Augenblicke später berichtet Bettendorf mit Begeisterung von jenem Teil seines Lebens, der nicht mit dem Tod und mit Friedhöfen zu tun hat: Seit 37 Jahren engagiert er sich in der Freiwilligen Feuerwehr und darf sich Löschzugführer nennen. Letzteres wiederum würde er dem Reporter am liebsten verschweigen, denn "bei uns zählt die Kameradschaft. Das würde ja auch anders nicht funktionieren", sagt Bettendorf. Selbstlos seien seine Aktivitäten indes nicht, "oder glauben Sie ernsthaft, dass ich 37 Jahre bei der Feuerwehr wäre, wenn es mir nicht so wahnsinnig viel Spaß machen würde?", fragt er eher rhetorisch.

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