Obdachlose: Stets verfolgt und geächtet

Obdachlose: Stets verfolgt und geächtet

Seit 1996 präsentiert die Evangelische Studentengemeinde (ESG) jährlich anlässlich des nationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus eine Ausstellung mit Rahmenprogramm. Thema in diesem Jahr sind Wohnungslose, die während der Diktatur der Nationalsozialisten verfolgt wurden, aber auch heute noch Verachtung und Diskriminierung ausgesetzt sind.

Trier. Drei junge Menschen verprügeln in der Nähe von Greifswald einen obdachlosen Mann. Sie gehen äußerst brutal vor, der Mann erliegt seinen Verletzungen. In der anschließenden Verhandlung zeigen die Täter keinerlei Reue. Dieser Fall ereignete sich erst vor wenigen Jahren und ist einer von 182 rechtsextrem motivierten Morden in Deutschland seit der Wiedervereinigung. Viele dieser Morde wurden an obdachlosen Menschen verübt.
"Braunes Gedankengut existiert in unserer Gesellschaft", sagt Kirsten Denker-Burr von der Katholischen Hochschulgemeinde Trier (KHG), die in Kooperation mit der ESG, der Arbeitsgemeinschaft Frieden und dem Bildungs- und Medienzentrum der Stadt Trier für die Konzeption des diesjährigen Programms verantwortlich zeichnet.
1996 rief der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar, die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, zum "nationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus" aus.
Seitdem veranstalten KHG und ESG jährlich ein Programm rund um diesen Tag, bestehend aus einer Ausstellung und einem Rahmenprogramm, das zum Nachdenken und Vertiefen des Gesehenen anregen soll.
Blick auf heutige Gesellschaft


Jeweils ausgehend von einem historischen Aspekt lenken die Veranstaltungen den Blick auch immer auf die Zustände in der heutigen Gesellschaft. "Die Diffamierung von Wohnungslosen ist noch immer gang und gäbe", sagt Denker-Burr, "deshalb sehen wir eine Verknüpfung zwischen der Nazi-Diktatur und heute."
Als "asozial" galt in Zeiten der Diktatur der Nationalsozialisten, wer die Volksgemeinschaft störte. Dazu zählten auch wohnungslose und sogenannte "Arbeitsscheue", Menschen, die zwei Stellenangebote ausschlugen.
Diese Asozialen wurden in Razzien verfolgt und in Konzen-trationslager verschleppt. "Dort wurden sie mit einem schwarzen Winkel an der Kleidung markiert. In der Lagerhierarchie standen sie ganz unten", erzählt Thomas Zuche von der Arbeitsgemeinschaft Frieden e.V. Ist das heute anders? Nicht wesentlich, sagt Zuche:
"Wir erleben heute eine wachsende soziale Kälte in der Gesellschaft. Schwache Bevölkerungsgruppen werden abgewertet." Er spricht in Anlehnung an den Soziologen Wilhelm Heitmeyer auch von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Selbst in politischen Schriften schlägt sich diese Haltung nieder, wie zum Beispiel die Broschüre des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit von 2005 zeigt. Mit "Vorrang für die Anständigen. Gegen Missbrauch, "Abzocke" und Selbstbedienung im Sozialstaat" betitelt, erinnert siean den Sprachjargon der NS- Diktatur.
Die Ausstellung findet an zwei Orten, der VHS Trier und der Universität Trier, statt, um möglichst viele Menschen damit zu erreichen. "Es ist wichtig, die Erinnerung wachzuhalten, damit solche Zustände nie wieder herrschen", sagt Denker-Burr.
Extra

Bei der Ausstellung „Wohnungslose im Nationalsozialismus“ im Atrium der VHS Trier sind historische Dokumente zu besichtigen. TV-Foto: Lisa Bergmann.

Vortrag: Sigmund Loeb Trauben-adler und Hakenkreuz (aus der Reihe "Weinreich"): Dienstag, 22. Januar, 20 Uhr, im Städtischen Museum Simeonstift. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt. Besuch des Benedikt-Labre- Hauses (Rundgang und Diskussion). Mittwoch, 23. Januar, 14.30 Uhr im Benedikt- Labre-Haus, Luxemburger Straße 2. Um Voranmeldung unter werner.schultze@caritas.de oder 0651/88130 wird gebeten. Philosophisches Café Spezial: Die Frage nach dem Bösen. Lesung mit anschließender Diskussion. Mittwoch, 23. Januar, 16.15 Uhr; Mittwoch, 30. Januar, 16.15 Uhr in der ESG Trier, Im Treff 19. Kleiner Mann - was nun?- Szenische Lesung aus Hans Falladas Roman. Mittwoch, 23. Januar, 20 Uhr. Foyer des Theaters Trier. Eintritt 10 Euro. "beDACHT", Ökumenischer Gottesdienst von ESG und KHG. Sonntag, 27. Januar, 10 Uhr. Caspar-Olevian-Saal (neben der Konstantin-Basilika). Führung in der Gedenkstätte Hinzert: Rundgang und Besuch der Gedenkfeier zum nationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Sonntag, 27. Januar, Abfahrt: 14 Uhr am ESG Trier, Im Treff 19. Anmeldung für die Mitfahrgelegenheit unter esg@uni-trier.de oder 0651/16051. "Stolpersteine erzählen ...", Rundgang zu Stolpersteinen an den letzten Wohnstätten einiger Trierer NS-Opfer, die als sozial Unangepasste verfolgt und im KZ ermordet wurden. Sonntag, 27. Januar, 15 Uhr. Treffpunkt Friedens- und Umweltzentrum, Pfützenstraße 1. Deutsche Zustände: "Die Leute bekommen, was sie verdienen ..." Vortrag von Dipl. Soz. Daniela Krause, Mitarbeiterin im Projekt "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Mittwoch, 30. Januar, 19 Uhr. VHS Trier, Domfreihof, Raum 5. 9 Leben - Filmvorführung mit anschließendem Filmgespräch: Donnerstag, 31. Januar, 19 Uhr. Aula der KHG Trier im Haus Fetzenreich, Sichelstraße 36. lbe

Mehr von Volksfreund