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Odyssee zu Gleis 12 Nord - ein Selbsterfahrungsbericht

Odyssee zu Gleis 12 Nord - ein Selbsterfahrungsbericht

Seit drei Wochen ist der Lift zum hinteren Bahnsteig des Trierer Hauptbahnhofs kaputt. Wann er repariert wird, kann die Bahn nicht sagen. Wer mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Fahrrad zum Zug will, wird übers Gleisbett geleitet – zumindest, sofern ein Bahnmitarbeiter gerade Zeit hat.

Ich habe kein Baby, bin an diesem Tag aber trotzdem mit einem - voll mit Taschen bepackten - Kinderwagen unterwegs. Von Trier nach Cochem. Mit dem Zug. Regionalbahn RE 4117, 12.32 Uhr, Gleis 12 Nord, Trier Hauptbahnhof.

Erst neulich stand ich am Bahnsteig vor einem defekten Fahrscheinautomaten. Deshalb will ich nichts riskieren und bin schon um 12 Uhr da. Mit dem Kinderwagen umkurve ich den Haupteingang, da gibt es nämlich keine Rampe.
Der Ticketautomat nimmt meinen 50-Euro-Schein nicht an. Gottseidank habe ich einen Zeitpuffer. Geld wechseln, Ticket ziehen, ab auf Gleis 12 Nord.

Mit dem Aufzug geht's nach unten - auf der anderen Seite der Unterführung aber nicht mehr hoch. Mit rot-weißem Absperrband ist der Lift umwickelt. Defekt.
Hilf- und ratlos schaue ich mich um. Auch ohne Baby ist der Kinderwagen so schwer und sperrig, dass ich ihn die lange Treppe nicht alleine raufzerren kann. Niemand ist da, der helfen könnte."Oha, anderer Bahnsteig?"

Zurück zur Info-Theke im Bahnhofsgebäude. "Oha… zum anderen Bahnsteig? Das ist grad ganz schlecht", sagt der Bahnmitarbeiter, nicht unfreundlich. Wir diskutieren ein bisschen hin- und her. Schließlich willigt er ein, mich übers Gleisbett zu geleiten. Seinen Info-Stand muss er dafür an diesem geschäftigen Mittag kurzfristig schließen.

Wir laufen etwa 80 Meter bis zum Ende des Bahnsteigs. "Und was machen Gehbehinderte?", frage ich. "Tja", sagt der Bahnmitarbeiter. "Und Rollstuhlfahrer?", hake ich nach. "Die melden sich ja meistens vorher an", versucht der Bahnmitarbeiter die Situation abzumildern. Da, wo der Bahnsteig zu Ende ist, liegen gelbe, grobe Gitterbleche zwischen den Schienensträngen im Gleisbett und bilden eine Art Überweg.

Mein Begleiter zieht sich eine orange Warnweste an. "Damit darf ich rüberlaufen, aber wenn ich jemanden dabei habe, muss ich erst anrufen." Nachdem der Fahrdienstleiter informiert ist und den Übergang freigegeben hat, zerre ich den - glücklicherweise babylosen - Kinderwagen holpernd über Bleche, Gleise und die schätzungsweise acht Zentimeter breiten Spalten dazwischen zum anderen Bahnsteig. Die Frage, was passiere, wenn ein Rollstuhlfahrer in einer der Lücken hängen bliebe, erspare ich dem Bahnmitarbeiter.Schwitzen statt liften

Endlich an Bahnsteig 12 Nord angekommen, rollt mein Zug auch schon ein. Beim Einsteigen sehe ich aus den Augenwinkeln, wie eine kleine, ältere Reisegruppe ihre mit Taschen bepackten Fahrräder die Treppe zum Bahnsteig hochschleift. Schwitzend und schwer atmend kommen sie gerade noch rechtzeitig.
Extra

Erst im Mai 2015 war derselbe Aufzug schon einmal kaputt - vier Wochen lang. Diesmal streikt der Lift bereits seit rund drei Wochen. "Das benötigte Ersatzteil sei nicht vorrätig", erklärt die zuständige Bahn-Pressesprecherin. Wann der Aufzug wieder funktioniere, stehe nicht fest. "Mobilitätseingeschränkten Kunden wird bei entsprechender Anmeldung am Info-Point über einen alternativen Weg geholfen", teilt die Bahn mit. Die Frage, was diese Kunden machen sollen, wenn der Service-Point geschlossen ist, bleibt unbeantwortet. "Wer seine Reise vorab planen kann, soll sich am besten anmelden", erklärt die Bahn. Wie und wo, teilt die Unternehmenssprecherin nicht mit. Die allgemeine Servicenummer der Deutschen Bahn lautet 0180/6996633.