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Öffentliche Anerkennung für Arbeit im Verborgenen

Öffentliche Anerkennung für Arbeit im Verborgenen

Sie engagiert sich für Frauen, die in Gewaltbeziehungen leben, für Migrantinnen und für alleinerziehende Mütter. Nun hat Agnes Gräser von der externen Beratungsstelle des Trierer Frauenhauses den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz erhalten. Sie freut sich über die Würdigung ihrer Arbeit in der Anonymität - und appelliert an junge Frauen, sich nicht auf den Erfolgen der Frauenbewegung auszuruhen.

Trier. Ein unauffälliges Klingelschild an einem von vielen gleich aussehenden, aneinander gereihten Häuserblocks; das Treppenhaus und die Eingangstür strahlen vor allem eines aus: Anonymität. Dahinter verbirgt sich die externe Beratungsstelle des Trierer Frauenhauses, in der Diplom-Psychologin Agnes Gräser und ihre Kolleginnen arbeiten. Helle, freundlich eingerichtete Büroräume mit integrierter Küche, Spiele-Ecke für die Kinder und ein kleiner Tisch mit Weihnachtsdekoration lassen die Beratungsstelle freundlich und einladend erscheinen. "Das soll sie ja auch sein", betont Agnes Gräser.
Wenn Frauen in die Beratungsstelle zu ihr und ihren Kolleginnen kommen, haben sie eine Entscheidung gefällt: ein Leben ohne ihren Partner zu führen. In ihren Fällen bedeutet das: ohne Gewalt. Für die Frauen keine leichte Entscheidung, denn es gab in den Beziehungen nicht nur schlechte Zeiten. Die Gewalt hat nicht von jetzt auf gleich Einzug gehalten, sondern schleichend.
Ist die Entscheidung gegen die Beziehung gefallen, kommen die Frauen aus dem Frauenhaus in die externe Beratungsstelle, wo sie von Gräser und ihren Kolleginnen handfeste Hilfe bekommen: Wohnungssuche, Kindererziehung, Kontaktaufnahmen in einer vielleicht fremden Stadt, Sprachkurse für Migrantinnen. Sie leisten zudem Hilfestellungen mit Beratungen und den richtigen Fragen, um die Frauen auf ihre eigenen inneren Ressourcen zurückzuführen.
Würdigung eines Lebenswerks


Fragen, die Agnes Gräser in ihrem Psychologiestudium in Trier zu stellen gelernt hat. 1971 kam sie aus St. Goar zum Studium an die Mosel und blieb. 1991 arbeitete sie zunächst ehrenamtlich bei der Initiative zur Errichtung eines Frauenhauses in Trier mit. Innerhalb von zwei Jahren wurde ein Konzept erarbeitet, ein Standort gesucht, das Frauenhaus errichtet. Seit 1993 war Agnes Gräser als Psychologin dort tätig. Es folgten viele Projekte, wie 1994 die Initiative zur Einrichtung der Konferenz der Frauenhäuser in Rheinland-Pfalz als Landesgremium, oder die bundesweite Initiative zur Vorbereitung eines Gewaltschutzgesetzes 1996.
1997 gab sie den Anstoß zu einer Beteiligung der Frauen-Notrufe und Frauenhäuser an der Entwicklung und Umsetzung eines rheinland-pfälzischen Interventionsprojekts gegen Gewalt gegen Frauen: "Wir wollten aktiv mitgestalten, weil wir dachten, mit uns wird dieses Projekt besser als ohne uns."
Dass sie nun die höchste Auszeichnung des Landes Rheinland-Pfalz erhalten hat, findet Agnes Gräser wichtig und richtig - aber nicht für ihr Ego oder ihre Person, sondern für ihre Arbeit, für ihre Sache: "Eben weil es ein Arbeitsbereich im Verborgenen, in der Anonymität ist." In Anbetracht ihrer nahenden Rente freut sie sich, dass ihr Lebenswerk gewürdigt wird. "Die Auszeichnung wurde damit begründet, dass ich vieles initiiert habe - aber das braucht auch Menschen, die sich dafür begeistern und einsetzen."
Umso wichtiger erscheint ihr, dass junge Frauen aus dem Dornröschenschlaf erwachen, in den sie die Erfolge der Frauenbewegung ihrer Mütter und Großmütter versetzt haben, wie Gräser meint: "Man muss neugierig und interessiert bleiben und immer wieder schauen, was Veränderungen für das Leben in unserer Gesellschaft bedeuten. Und sich engagieren."
Der rheinland-pfälzische Landesverdienstorden wurde in diesem Jahr zum 33. Mal verliehen. Um die außergewöhnlich hohen Leistungen zu betonen, ist die Zahl der lebenden Ordensträgerinnen und -träger auf 800 begrenzt.