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SPD feiert Karl Marx: "Ohne die Trierer Winzer hätte Marx nicht das Kapital geschrieben"

SPD feiert Karl Marx : "Ohne die Trierer Winzer hätte Marx nicht das Kapital geschrieben"

SPD feiert den Philosophen mit eigener Feier im Theater Trier. Die Parteichefin Andrea Nahles fordert eine Entabuisierung von Marx. Die digitale Revolution sei vergleichbar mit der industriellen Revolution.

"Marx ist wieder in", sagt SPD-Parteichefin Andrea Nahles gleich zu Beginn ihrer knapp 30-minütigen Rede im Trierer Theater. Die Sozialdemokraten haben in das in die Jahre gekommene Haus geladen, um einen zu feiern, den sie jahrelang verachtet haben: Karl Marx. Zum Abschluss der Feierlichkeiten anläßlich des 200. Geburtstags des berühmten Trierer will die SPD mit der Gedenkfeier, zu der sie rund 500 Gäste geladen hat, wieder Freundschaft schließen mit dem immer noch von vielen Genossen wenig geliebten Sohn.

Nahles will mit ihrer Rede in die Fussstapfen treten ihres einstigen Vorgängers, Parteichef Willy Brandt, der zwei Mal anlässlich von Marx-Gedenken, nämlich 1968 (150. Geburtstag des Philosophen) und 1977 (Wiedereröffnung des Geburtshaues) bedeutende Ansprachen gehalten hat. Brandts Reden haben sich ins Gedächtnis gebrannt.

Enthüllung der Karl-Marx-Statue in Trier

Doch Nahles tut sich zunächst schwer. Es ist eher eine leise, bedächtige Rede, die sie hält. Sie tritt nicht als die wortgewaltige, manchmal laute SPD-Chefin auf, die man etwa von Parteitagen kennt. Sie fordert ihre Parteifreunde auf, Marx zu entabuisieren. Der Trierer habe die SPD in vielen Punkten inspiriert und geprägt. Er sei ein Demokrat gewesen, der Kommunismus habe die Ideen des Philosophen missbraucht, sagt Nahles und tritt damit den Kritikern entgegen, die - wie auch an diesem Tag bei Demos in der Trierer Innenstadt - Marx verantwortlich machen für die Gräueltaten und Toten kommunistischer Diktaturen.

Marx sei so aktuell wie nie, sagt Nahles. Sie spricht vom digitalten Kapitalismus und der digitalen Revolution, die vergleichbar sei mit der industriellen Revolution, die Trierer in seinen Schriften anprangerte. Damals seien die Maschinen die wichtigsten Produktionsmittel gewesen, heute seien das die Daten. "Ohne Daten keine werbefinanzierten, sozialen Medien, ohne Daten kein autonomes Fahren. Wer die Daten hat, hat die Macht", ruft Nahles den Zuhörern zu. Und genau wie damals zu Marx-Zeiten drohe vielen durch den Daten-Kapitalismus sozialer Abstieg und die Arbeit sei nichts mehr wert. Daraus, so sie Forderung der obersten Genossin, soll die SPD Kapital schlagen. Die neue Revolution in der Arbeitswelt gebe der Partei Gestaltungsmöglichkeiten. "Wir müssen uns zu unseren großen Ziele bekennen."

Auch der Marx-Biograf Jürgen Neffe hat die SPD dazu aufgerufen, sich stärker mit dem Philosophen zu beschäftigen, statt sich von ihm zu distanzieren. Die Partei solle endlich Frieden schließen mit Marx, sagt Neffe. Und sie müsse sich erneuern, indem sie den Mief, oder wie der Autor sagt, den stinkenden Stallgeruch der alten SPD ablegt. "Lüftet mal durch", fordert er seine Parteifreunde auf. Das Absingen alter Arbeitslieder und das starre Festhalten am sozialdemokratischen Du, mit dem sich die Genossen grundsätzlich ansprechen, stünden nicht für eine moderne Partei. Eine solche vertrage auch, wenn man sich untereinander mit Sie anrede.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und Partei-Vize Malu Dreyer nennt Marx den wichtigsten Ahnherren der SPD. Seine Erkenntnisse über die soziale Frage seien so aktuell wie nie. Entstanden seien sie in Trier, in dem er aus eigener Ansicht das Elend der Moselwinzer erlebt habe, sagt Dreyer. "Ohne die Trierer Winzer hätte Marx nie das Kapital geschrieben."

Während der rund zweistündigen Feier hat der Schauspieler Christian Brückner aus Briefen von Marx zitiert. Und wer dabei die Augen zugemacht hat, konnte meinen, der US-Schauspieler Robert de Niro steht auf der Bühne. Brückner war jahrelang die Synchronstimme des berühmten Chrakterdarstellers.

Als kurz vor 16 Uhr die SPD-Veranstaltung langsam zu Ende geht,bilden sich ein paar hundert Meter weiter vor dem Karl-Marx-Haus noch immer lange Schlangen. Und es sind nicht nur Chinesen, die anstehen, um in das von außen unscheinbar aussehende Haus hineinkommen wollen.