Patienten auf der Suche

Ärzte-Engpässe jetzt auch schon in der Stadt: Nach der vorläufigen Schließung der Kinderarzt-Praxis von Ingrid Aboulkhair-Kaiser droht eine Vakanz. Der vorgesehene Nachfolger ist abgesprungen, das Personal steht auf der Straße und die kleinen Patienten müssen einen anderen Kinderarzt suchen. Doch die sind oft schon ausgelastet.

Trier. Das Problem kam aus heiterem Himmel. Sylvia Kropp saß mit ihrem Nachwuchs in der Kinderarzt-Praxis Aboul khair-Kaiser, da sprach sich die Nachricht wie ein Lauffeuer herum: Drei Tage vor der geplanten Übernahme hatte der Nachfolger das Handtuch geworfen. Ein Schock für die Eltern der kleinen Patienten, darunter einige schwer Erkrankte. Manche versuchten, sich gleich von Ort und Stelle aus in anderen Kinderarzt-Praxen telefonisch anzumelden. Ohne großen Erfolg: "Die bekamen zu hören, dass dort längst alles überbelegt sei", erinnert sich Sylvia Kropp. Wirtschaftliches Risiko für Praxisgründung zu hoch

"Es gibt keinen Notstand", versichert dennoch der Obmann der Kinderärzte, Stephan Güntzer. Selbstverständlich würden die Kinder auch kurzfristig anderswo aufgenommen. Auch seine Kollegin Uta Brenner ist sich "darüber im Klaren, dass wir in akuten Fällen helfen müssen". Aber sie zweifelt nicht daran, "dass wir alle auch so schon genug zu tun haben". Wie Güntzer fände sie es bedauerlich, wenn die Zahl der Kinderärzte in Trier zurückginge.Diese Gefahr besteht durchaus- wenn Ingrid Aboulkhair-Kaiser nicht schnell einen Übernehmer findet. Die 68-Jährige musste ihre Praxis aus Altersgründen zum 1. April aufgeben. Der Nachfolger schien gefunden, aber dann tauchten - so schildert es die Ärztin - Probleme mit der Kassenärztlichen Vereinigung auf. Die habe die Abrechnung spezieller Leistungen verweigert, weil der Neue die entsprechende Zusatzqualifikation erst in acht Monaten nachweisen kann. Eine flexible Regelung mit einer vertretungsweisen Weiterarbeit der bisherigen Praxis-Inhaberin sei gleichfalls an der KV gescheitert. Daraufhin sei der junge Arzt von der Übernahme zurückgetreten. "Dabei ging es nur noch um wenige Monate", ärgert sich Aboulkhair-Kaiser. Den Vorwurf mangelnder Flexibilität weist die KV zurück. Es gebe keine rechtlichen Spielräume, heißt es bei der Ärzte-Organisation. Der potenzielle Nachfolger habe nicht über die gesetzlich notwendige Qualifikation für die Abrechnung kardiologischer Leistungen verfügt. Man versuche dennoch "im Moment", eine Lösung für die Wiederbesetzung zu finden. In Absprache mit Aboulkhair-Kaiser werde man eine Neu-Ausschreibung versuchen. Einige Monate lang steht bei einem Ärzte-Wechsel dem Praxis-Inhaber das Recht zu, einen Nachfolger einzuführen. Findet sich allerdings innerhalb eines halben Jahres kein Übernehmer, kann der "Sitz", wie es im Fachjargon heißt, endgültig verfallen. Vorausgesetzt, die KV stuft die verbleibenden neun Trierer Kinderärzte als ausreichende Versorgung ein. Gefragt, ob der zehnte "Sitz" auf Dauer gesichert sei, eiert man bei der KV ohne klare Aussage herum.Uta Brenner und ihre Kollegen haben da eine klare Meinung:. Sie verweisen auf die Notdienste, aber auch auf die Notwendigkeit einer langfristigen Arzt-Patienten-Bindung. "Was wird aus der freien Arztwahl, wenn man froh sein muss, irgendwo unterzukommen?", fragt Ingrid Aboulkhair-Kaiser. An Patienten-Mangel liegt es offenkundig nicht, dass es so schwierig geworden ist, Ärzte für eine Niederlassung zu gewinnen. Stephan Güntzer hat eine andere Erklärung. Das wirtschaftliche Risiko bei einer Praxisgründung sei viel zu hoch, sagt der erfahrene Kinderarzt. Angesichts der Einkommensmöglichkeiten im Zuge der Gesundheits-Sparpolitik wolle "kein Mensch mehr auf diesem schmalen Brett gehen". Meinung Auf dem Rücken der Kinder Es gibt in Trier sicher keine "Überversorgung" mit Kinderärzten. Woher kämen sonst die übervollen Wartezimmer, denen man in der Praxis ständig begegnet? Die Qualität des kinderärztlichen Angebots, das ja auch vom Umland genutzt wird, ist gut. Aber die Quantität ist keineswegs üppig. Zehn Praxen sind alles andere als Luxus. Wenn aber selbst bei günstigem "Patientenmarkt" eine Kinderarztpraxis so unrentabel ist, dass niemand mehr sie betreiben will, dann stellt das der Gesundheitspolitik ein katastrophales Zeugnis aus. Bei bestimmten Fachärzten hat man sich leider schon daran gewöhnt, dass es wegen Überfüllung monatelange Wartezeiten gibt. Soll das für die Versorgung der Kinder künftig auch einreißen? Der Versuch, die fraglos notwendige Kostendämpfung im Gesundheitswesen durch das Ausdünnen der Ärzteschaft und die Deckelung ihrer Budgets zu bewerkstelligen, hat schon genug Schaden angerichtet. Er darf nicht auch noch auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. d.lintz@volksfreund.de

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