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Perspektiven von fünf Trierer Chören für 2020 während der Corona-Pandemie

Musik : Sie singen, sie singen nicht, sie singen ...

Der Aufwand ist groß, die Auflagen hoch. Chöre proben in der Corona-Pandemie unter verschärften Bedingungen. Auftritte gibt es höchstens in Gottesdiensten mit kleiner Besetzung. Perspektiven? Fehlanzeige.

Die Welt ist im Wandel. Wieder einmal. Fußballfans kehren in die Stadien zurück, Reisende sitzen in vollen Zügen, und Betreiber von Weihnachtsmärkten können mit ihrer Planung loslegen. Trotz Corona-Pandemie werden die Auflagen allmählich gelockert. Die Politik findet Kompromisse für fast alle Lebensbereiche. Nur die Chöre, die scheint man vergessen zu haben. Die 11. Corona-Verordnung des Landes Rheinland-Pfalz vom 11. September (siehe Info) bringt keine signifikante Verbesserung. Proben sollen immer noch nach Möglichkeit im Freien stattfinden, dort allerdings mit etwas weniger Abstand. Für die Chorleiter war und ist diese Zeit kein Zuckerschlecken. Sie bemühen sich seit Monaten, ihre Sängerinnen und Sänger bei der Stange zu halten, seit am 16. März alle Auftritte und Proben bis auf Weiteres abgesagt werden mussten.

Doch nun steht der Herbst vor der Tür. Die Möglichkeit, draußen in der Kälte zu singen, hat allenfalls noch für Fußballfans einen gewissen Charme. Wie geht es weiter für die Chöre? Eine Bestandsaufnahme:

Der „Chor über Brücken“ unter der Leitung von Julia Reidenbach ist ein ausgezeichneter Kinder- und Jugendchor mit 120 Sängern. Über die Musik bringt der Verein Kinder unterschiedlicher Herkunft, Religion und sozialem Hintergrund zusammen. Doch bis Ende des Jahres fallen alle Proben und Auftritte aus. Katrin Hintzen, erste Vorsitzende des Vereins, sagt: „Es gibt viele Vorgaben, die man einhalten muss. Etwa die großen Abstände zueinander. Julia sagte: ,Die Kinder singen nicht, wenn sie ihren Nachbarn nicht hören. Die sind dann gehemmt und fühlen sich nicht wohl.’ Und genau das ist in unserem Chor ganz wichtig. Immerhin geht es ja bei uns um das Miteinander.“ Stattdessen versucht die Vereinsspitze, ein Alternativprogramm zu stemmen. „Wir bieten soziale und kulturelle Aktionen an. Das kommt gut an.“

Drinnen: Martin Bambauer probt mit dem Trierer Bachchor im Caspar-Olevian-Saal. Wegen der Corona-Pandemie übt der Kirchenmusikdirektor mit großem Abstand. Foto: Michael Brill

Der Trierer Konzertchor unter der Leitung von Jochen Schaaf hatte sich in diesem Jahr unter anderem die „Carmina Burana“ von Carl Orff und die Sinfonie „Mathis, der Maler“ von Paul Hindemith vorgenommen. Jetzt sind die 55 Sänger froh, dass nach den Sommerferien die Proben überhaupt wieder angefangen haben. „Es ist eine Herausforderung“, sagt der zweite Vorsitzende Armin Kopp. „Wir haben zuerst auf dem Schulhof vom Max-Planck-Gymnasium geübt, dann im Lottoforum auf dem Petrisberg. Dort konnten wird die Abstände einhalten, und es gab sogar Stromanschluss.“

Früher ging der Chor in den Musiksaal des MPGs. Doch das geht jetzt nicht mehr. Über die Indoor-Alternative sind alle glücklich: die Herz-Jesu-Kirche in Trier. „Wir können da mit insgesamt 24 Personen singen. Eine halbe Stunde wird geprobt, dann eine Viertelstunde gelüftet, dann probt der nächste Teil, bis alle durch sind. Wir führen eine Anwesenheitsliste, und jeder muss sich vor der Probe anmelden und abzeichnen, wenn er da ist.“ Zur Zeit übt Schaaf Advents- und Weihnachtsmusik, „falls sich im Dezember eine Möglichkeit ergibt, spontan ein Konzert oder einen Gottesdienst zu gestalten“, hofft Kopp. Ein wenig Frustration schwingt mit, wenn er sagt: „Zwölf Personen haben sich ausgeklinkt. Einige wegen gesundheitlicher Bedenken, andere kommen von Kell oder Saarburg, und durch die verkürzten Proben ist ihnen der Fahraufwand zu groß geworden.“ Vielen fehle die Gemeinschaft nach den Proben. „Für die ist der Chor ein Stück Ersatzfamilie, der Höhepunkt der Woche.“

Der Trierer Bachchor (75 Mitglieder) und der Caspar-Olevian-Chor (40 Mitglieder) unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Martin Bambauer üben in mehreren Gruppen von maximal 15 Leuten nacheinander im Caspar-Olevian-Saal. Dabei befolgt Bambauer peinlich genau die Corona-Vorschriften.  „Ich hoffe, dass wir im letzten Quartal dieses Jahres in einer gewissen Regelmäßigkeit ausgewählte Gottesdienste in der Konstantin-Basilika musikalisch mitgestalten können – mit jeweils einer der Chorgruppen pro Gottesdienst.“ Chorkonzerte werde es dieses Jahr in der Basilika nicht mehr geben, auch keine Evensongs. „Die Möglichkeit, überhaupt wieder gemeinsam singen zu können, erleben meine Chormitglieder und ich gegenwärtig als besonders wertvoll.“

Auch der Friedrich-Spee-Chor unter der Leitung von Jan Wilke hat sich sein Konzertjahr anders vorgestellt. Die knapp 70 Sänger proben seit Schulbeginn im Pfarrheim Liebfrauen. „Wir haben vier Gruppen gebildet“, sagt die erste Vorsitzende Margarete Metzen. „Jeden Montag üben zwei Gruppen.“ Dafür hat der Chor einen Riesenaufwand betrieben. „Wir haben eine Spuckschutzwand für den Chorleiter bauen lassen, in jeder Gruppe gibt es ein verantwortliches Vorstandsmitglied, das die Anwesenheitslisten kontrolliert, den festen Sitzplan sowie das Desinfizieren der Hände sowie die Lüftungspausen überwacht. Das ist alles generalstabsmäßig geplant.“ Trotz allem seien die Sänger sehr diszipliniert. Eigentlich wollte der Chor am 23. Dezember zum traditionellen Weihnachtssingen einladen. „Wir würden es gerne tun. Aber es wird nicht anders werden in absehbarer Zeit.“

Die vier Chöre der Dommusik unter Leitung von Domkapellmeister Thomas Kiefer haben da mehr Glück. Die insgesamt 200 Sänger durften sich ab dem 16. Juni wieder auf die Proben freuen. Das war bereits kurz nach der 9. Corona-Verordnung. Warum so schnell? Kiefer sagt: „Mir war wichtig, noch vor den Sommerferien anzufangen, um den Sängern ein Signal zu geben, dass es weitergeht.“ Geübt wird im Domkreuzgang in Gruppen mit bis zu 26 Sängern. „So viel wie der Gang hergibt.“ Um die Gottesdienste im Dom wieder musikalisch gestalten zu können, hat Kiefer seit Ende August den sogenannten Sonntagschor auf die Beine gestellt. Die 26 Sänger setzen sich bunt gemischt aus Mitgliedern aller vier Chöre der Dommusik zusammen. „Der Arbeitsaufwand, diese Gottesdienste zu planen, ist wesentlich größer als vorher. Die Durchmischung soll dafür sorgen, dass erfahrene und weniger erfahrene Sänger zusammen auftreten. Denn Raum und Akustik sind sehr diffizil. Außerdem soll jeder Sänger mehrmals singen können.“ Nach den Herbstferien will er umziehen. Vom Domkreuzgang in die Chor-Aula der Grundschule am Dom und in die Chorsäle im Chorhaus: „Wenn es bei den aktuellen Abständen bleibt, müssen wir die Gruppen allerdings verkleinern.“

Gibt es dennoch Pläne? „Ja“, sagt Kiefer. „Wir werden auf jeden Fall die Reihe ,Musik und Wort’ an den vier Adventssonntagen fortsetzen mit Chor und Orgelmusik in kleinerer Besetzung. Und dann hoffe ich, ein Weihnachtskonzert planen zu können.“

Draußen: Der Sopran des Trierer Domchores probt im Kreuzgang des Domes während der Corona-Pandemie auf Abstand. Foto: TV/Verona Kerl

Wer weiß, vielleicht macht das ja die 12. oder 13. Corona-Verordnung des Landes Rheinland-Pfalz möglich.