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Pilatus wohnt in der Hauptstraße Nummer 67 - Klüsserath wird zu Jerusalem: Ein ganzer Ort lebt die Passionsspiele

Pilatus wohnt in der Hauptstraße Nummer 67 - Klüsserath wird zu Jerusalem: Ein ganzer Ort lebt die Passionsspiele

Alle fünf Jahre wird in Klüsserath (Kreis Trier-Saarburg) der Leidensweg Christi in Schauplätzen der Gemeinde lebendig. So auch am Sonntag bei der Premiere des Passionsspiels. Mehr als 1000 Zuschauer waren von der Aufführung begeistert.

Klüsserath. "Oh seht den Schmerz der Mutter, so unbeschreiblich groß, da liegt er in seinem Blut, er, der Sohn in ihrem Schoß." Gebannt schaut die Menge auf den Ölberg, sie fühlt mit. Der Chor hat eingesetzt, gerade haben Josef von Arimathäa und Nikodemus Jesus vom Kreuz genommen und in die Arme seiner Mutter Maria gelegt.
Die Kreuzesabnahme gehört zu den ergreifendsten Szenen des Klüsserather Passionsspiels. Was das Publikum nicht sieht, allenfalls ahnt: Jesus-Darsteller Frank Burbach, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, leidet wirklich. Er zittert am ganzen Leib. Zumindest bei der Generalprobe am Samstag war das so. Bei der Kreuzigungsszene gießt es in Strömen, es ist kalt, um die fünf Grad. "Ich habe versucht, Frank zu wärmen, als er in meinen Armen lag", sagt Maria später. Ich dachte nur, hoffentlich erkältet er sich nicht." Marias Ängste sind begründet: Beim Passionsspiel sind alle Hauptrollen nur einfach besetzt. Jesus kann sich keine Erkältung leisten, sonst ist die zweite Aufführung am kommenden Sonntag (29. März, 15 Uhr) gefährdet. Am vergangenen Sonntag, dem Premierentag, meint es das Wetter besser mit den 150 Akteuren und den gut 1000 Zuschauern. Es ist trocken, um die zehn Grad, phasenweise sogar sonnig.
"Diesen Leib, den ihr genießet, geb ich hin zum Heil der Welt. Dieses Blut, dass bald nun fließet, zahlt der Sünde Lösegeld." Die Klüsserather Kirche ist voll besetzt, mehr als 500 Menschen verfolgen die Abendmahl-Szene im Altarraum. Jesus und seine Jünger feiern das jüdische Pessachfest, das an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten erinnert. "Einer von euch wird mich verraten", sagt Jesus, doch man versteht ihn kaum. Die Stimme, die tags zuvor bei der Generalprobe noch so fest und deutlich geklungen hat, ist in den hinteren Sitzreihen kaum noch vernehmbar. Es liegt am Mikro, das hat durch den Regen vom Vortag Schaden genommen. Auf dem Weg von der Kirche zum Ölberg, wohin sich Jesus zum Beten zurückzieht, tauscht der Tontechniker schnell das Headset aus.Notenblätter unterm Bügeleisen


Auch andere Utensilien haben gelitten. Etwa die Notenblätter von Chorleiter Ewald Follmann. Die habe er am Samstagabend noch mit einem Bügeleisen getrocknet und geglättet, erzählt er. Eigens für die Passionsspiele hat Follmann 40 Sängerinnen und Sänger aus acht Orten zusammengetrommelt. Träger der vorösterlichen Aufführungen ist der 2009 gegründete Verein Klüsserather Passionsspiel. Nur dank der Mithilfe Hunderter Ehrenamtler sind die Passionsspiele alle fünf Jahre möglich - die Frauen des Paramentenvereins nähen die Kostüme, der Seifenkistenclub stellt Werkzeug und Material, die Feuerwehr übernimmt den Ordnungsdienst.
Vorsitzender Achim Durwen ist zugleich Spielleiter und Akteur (Judas). In der alten Ökonomie, dem Bürgerhaus, schwört er sein Team auf die Premiere ein, geht nochmal die Abendmahl-Szene durch. "Der Text sitzt, wir müssen nicht hetzen", sagt er mit ruhiger Stimme. Im September 2014 haben die ersten Leseproben begonnen, wurde der szenische Fahrplan aufgestellt. Einmal in der Woche ist seitdem Probe, bei Wind und Wetter. "Dass wir im Freien spielen, ist ein Alleinstellungsmerkmal für Klüsserath", sagt Durwen. "Wir sind authentisch, die Zuschauer sind Teil der Choreografie, sie ziehen als Gaffer mit, wie das schon in Jerusalem gewesen ist."Ölberg in der Bruderschaft


Neun Spielorte, verteilt auf anderthalb Kilometer, gibt es in der 1200-Einwohner-Gemeinde. Der Ölberg ist ein Weinberg der Lage Klüsserather Bruderschaft, Pontius Pilatus wohnt in dem 1624 erbauten Haus Nummer 67 in der Hauptstraße.
Aufgehetzt von der Menge, verurteilt der Statthalter des Kaisers Jesus zum Tod am Kreuz. "Oh Haupt, sonst schön gekrönet, mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber frech verhöhnet, gegrüßet seist du mir."
Nach zweieinhalb Stunden sitzt das Publikum wieder dort, wo alles angefangen hat - in der Kirche. Grablegung und Wiederauferstehung bilden den Abschluss des Passionsspiels. Pfarrer Michael Meiser dankt allen Darstellern herzlich, es folgt langanhaltender Applaus.Extra

 Hoherpriester Kaiphas (Heinz Thielen, links) wiegelt das Volk bei Pilatus (Uwe Braun, rechts) gegen Jesus auf.
Hoherpriester Kaiphas (Heinz Thielen, links) wiegelt das Volk bei Pilatus (Uwe Braun, rechts) gegen Jesus auf.
 Zuschauer säumen die Klüsserather Mittelstraße, durch die Jesus das Kreuz trägt.
Zuschauer säumen die Klüsserather Mittelstraße, durch die Jesus das Kreuz trägt.
 Jesus wird vom Kreuz genommen. Die Szene spielt sich hoch über dem Kirchenplatz in einem Weinberg ab.
Jesus wird vom Kreuz genommen. Die Szene spielt sich hoch über dem Kirchenplatz in einem Weinberg ab.
 Auch Kinder dürfen beim Passionsspiel mitmachen.
Auch Kinder dürfen beim Passionsspiel mitmachen.
 Rita Wagner (53), Schweich.
Rita Wagner (53), Schweich.
 Dorothee Feller (45, „Maria“), Klüsserath.
Dorothee Feller (45, „Maria“), Klüsserath.
 Karl-Friedrich Fleury (79), Brauneberg.
Karl-Friedrich Fleury (79), Brauneberg.
 Spielszene vor zahlreichen Zuschauern am Haus des Kaiphas (rechts). Dort leugnet Petrus im Beisein von Knechten und Mägden, Jesus zu kennen. Danach kräht der Hahn drei Mal.
Spielszene vor zahlreichen Zuschauern am Haus des Kaiphas (rechts). Dort leugnet Petrus im Beisein von Knechten und Mägden, Jesus zu kennen. Danach kräht der Hahn drei Mal.

"Das Passionsspiel ist intensiv. Es macht einen körperlich ziemlich fix und fertig. Obwohl man es kennt, fühlt man mit. Einmal sind bei mir sogar die Tränen gelaufen." "Ich bin begeistert und ziehe meinen Hut vor den Darstellern. Hier in Klüsserath sind die Passionsspiele ganz anders als in Wintrich, wo sich alles in der Kirche abspielt." "Ich war vor fünf Jahren schon hier. Heute habe ich die Aufführung mit anderen Augen gesehen. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken, das ist toll. (alf)/TV-Fotos (3): Albert Follmann