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Pitter aus Korlingen: Der französische Graf

Kurzgeschichte : Der französische Graf

Autor Bernhard Hoffmann aus Korlingen (Landkreis Trier-Saarburg) erzählt eine neue Geschichte vom Pitter aus dem 18. Jahr­hundert. Diesmal geht es um einen Adligen auf der Flucht. 

Die blutigen Ereignisse der französischen Revolution von 1789 drangen Stück für Stück bis nach Trier. Den einen zur heimlichen Schadenfreude, den andern verhalfen sie zu schlaflosen Nächten – man braucht wohl nicht zu sagen, wer hier gemeint ist. Jedenfalls wusste man auch in Korlingen so ungefähr Bescheid, aber im katholischen Land kam es zu keinen Unruhen, der Herrgott hatte das verboten, sagten die auf der Kanzel. Und der Abt von Sankt Martin war recht großzügig, als der Zehnte schmäler ausfiel.

Eines Tages im Herbst, als der Pitter im Wald ins Holz ging, fand er ein totes Pferd. Es sah abgehetzt, dürr, verletzt aus, mit fremdartigem Zaumzeug. Was sollte er machen, Füchse und Vögel würden ihre Arbeit tun. Es ist immer traurig, ein totes Tier zu sehen, zumal wenn es einen mit großen offenen Augen anblickt. Das ging dem Pitter nach, aber ins Holz musste er, der Winter stand bevor. Und wer nur eine Axt hat, braucht lange, bis das Feuer vier Monate wärmt.

Dumpfe Hufschläge auf dem Waldboden – der Pitter merkt erst nicht, dass da drei Soldaten angeritten kommen. Franzosen, das erkennt er gleich an den Farben und Mustern. Sie steigen ab und besehen das Pferd, gehen rundum, durchwühlen die Satteltaschen, stoßen wütend gegen den toten Leib. Einen richtigen Lärm machen sie, schnell hackt das in der anderen Sprache. Aber jetzt verstummen sie plötzlich, schauen den Pitter an, es fühlt sich nicht gut an. Pitter. Was wird das? Den Degen zieht einer und hält ihn dem Pitter an den Hals: „Wo ist er?“ – „Wer?“ – Der Degen drückt stärker: „Le comte!“ Aber der Pitter hat doch niemanden gesehen, was soll er denn sagen? „Merde!“ Das versteht man auch ohne Französisch, und Gott sei Dank ist der Degen jetzt weg. Dann parlieren sie wieder, zeigen dahin und dorthin, steigen auf und reiten fluchend davon. Dabei sagt man immer etwas von der sprichwörtlichen Höflichkeit der Franzosen, denkt der Pitter. Aber das gilt wohl nicht für Soldaten oder Gendarmen, egal wo sie herkommen.

 Pitter schmuggelt den Flüchtling über die Grenze.
Pitter schmuggelt den Flüchtling über die Grenze. Foto: Christina Bublitz

Puh, glaubt mir, jetzt muss der Pitter erst mal aus­atmen. Was er da über die Revolutionäre in Paris gehört hat – ein Menschenleben geht dort schneller als es kommt. Er geht zum Baumstamm, hackt einmal, zweimal – er muss sich setzen: Da hat er nochmal Glück gehabt, zimperlich sind die nicht. Und wie er so schnauft und den Schweiß abwischt, bewegt sich etwas unter dem Pferd, und dann fliegt der Dreck, und dann kommt eine Hand raus und noch eine, und dann kriecht da einer hervor. Ein ganzer Mensch schiebt sich heraus, da muss ein Loch gewesen sein.

Jetzt steht er vorm Pitter, ein Lumpenkerl, verschmutzt und blutend an der Stirn. Der greift wieder in das Loch und zieht einen Degen hervor – der Pitter geht einen Schritt rückwärts. Herrgott, was für ein Tag! Die Waffe reicht er dem Pitter mit beiden flach ausgebreiteten Händen. Der Pitter versteht: So ist das also, einer von denen, die … na, lassen wir das. Wer wusste das denn so genau? Vielleicht war der hier anders, ein Guter, der seinen Leuten genug zu essen gibt und ihnen die Schulden erlässt. Einer, der Frau und Kinder hat zu Hause lassen müssen. Und wer weiß, ob sie noch leben. Vielleicht aber auch nicht, und er war ein Leute­schinder und hatte ein Dutzend Menschen auf dem Gewissen.

Vielleicht, vielleicht – dem Pitter geht es durchs Hirn, nach links, nach rechts, und zu keiner Lösung. Jedenfalls ist es ein Mensch. So bricht er das Hin und Her ab, reicht dem Fremden die Hand und führt ihn heimlich nach Hause. Denn das ist dem Pitter klar, weg kommt der vorerst nicht.

Grobes konnte er nicht, für jede handwerkliche Arbeit war er nicht zu gebrauchen: Da stürzte er in den Mist, da lief ihm das Kalb davon, da spießte er seinen Fuß mit der Gabel auf, da blutete er schon wieder – ungeschickt ohne Ende. Aber in der Küche gelang ihm alles, da hielt er sich gerne auf. Und nicht, weil es da warm war, sondern er konnte kochen, backen, braten und alles. Der Katharina zeigte er, wie man Kartoffeln im heißen Fett frittiert, wie man Gestampfte in feiner Makronen­form leicht auf­backen kann, wie man Wein zum Braten, zu Sahne, zu Kuchen gibt. Vom Schwein nahm er die Füße, den Kopf, die Ohren und zauberte etwa Essbares daraus, besonders die Schweinsbäckchen in roter Weinsoße, eieiei! Mit den Kindern brachte er Pilze, die er vor ihren Augen aß, und lehrte sie, sie zu erkennen. Dem Pitter gab er eine Liste mit Gewürzen, die der vom Trierer Markt mitbringen sollte.

Und von da an schmeckte alles anders – ja, erst mal anders, merkwürdig, neu. Aber dann wollte man es nur noch anders. Ja, und dann sitzt er traurig in einer Ecke und starrt vor sich hin. Vom Pfarrer weiß der Pitter inzwischen, wen er da vor sich hat. Die Männer stänkern. Es ist ein Mensch, sagt er zu den Korlingern, und er ist unser Gast, haltet den Mund! Immer wieder findet man ihn in der Küche. Und dann steht da in einem Holzfässchen, in das er Löcher gebohrt hat, ein halbfester Käse. Und daneben einer mit gelblichem Rand. Und daneben ein talergroßer mit grünen Blättern, der stinkt. Alle probieren: „Hm, lecker!“ Warum schmeckt der so frisch und der so würzig und nicht so ranzig wie die Selbstgemachten? Da zeigt er, dass er den gelben mit Wein eingerieben und den harten in Weinblätter eingewickelt hat.

So vergeht einige Zeit, viele Wörter mehr können sie jetzt auf beiden Seiten, und es wird klar: Er will weg. Nach Luxemburg, da seien Freunde, die ihm helfen könnten. „Pitter, Lüx, bitte!“ Na, da muss sich der Pitter wieder mal was einfallen lassen, einen großen Mann zu transportieren, ist ja kein Kinderspiel. Es ist Viezzeit, die Fässer werden gereinigt – das ist es! Ins größte passt er hinein, da muss man Dauben herausnehmen, kleinste Luftlöcher in den Deckel bohren, eine zweite Lage Holz hineinlegen, Decken, Brot, und ab geht’s mit Hug, dem Pferd. Alles geht gut. Bis an die Wasserbilliger Brücke. „Halt, was drin?“ – „Viez!“ – „Probieren!“ – Herrgott, und jetzt? Aber so schlau ist der Pitter schon, dass er mit den gierigen Beamten gerechnet hat: Unter dem Holzsitz schwimmt der Viez, der läuft jetzt aus dem Spundloch in die Becher. „A la votre, à la votre!“ Puh, wie die das Maul verziehen und das Gesöff ausspeien. „Verhaften müsste man dich! Hau bloß ab!“ Der Pitter hatte nämlich den umgeschlagenen Viez eingefüllt, den brauchten sie als Essig. Flugs weiter. Und alles geht gut bis Grevenmacher. Dort lässt er ihn nachts aus dem Fass. Der Mensch umarmt ihn, küsst ihn rechts und links und wieder rechts und links und heult wie ein Schlosshund. Da wird es dem Pitter auch ganz warm ums Herz.

Aber noch wärmer wurde es ihm sieben Jahre später von einem kleinen Fass Burgunderwein, das mit einem Brief auf Deutsch ankam. Ein Dank vom Comte Montchaillon de La Roche bei Dijon, der seinen Retter nicht vergessen hatte.

24 Pitter-Geschichten von Bernhard Hoffmann sind als Buch erschienen: „Der Pitter – Korlinger Geschichten I“, 140 Seiten mit 50 farbigen Illustrationen von Christina Bublitz, 18,90 Euro, ISBN: 9783755778547.