Kurzgeschichte Die neue Freiheit: Wie der Pitter „le maire“ von Korlingen wurde

Korlingen · Autor Bernhard Hoff­mann aus Korlingen (Landkreis Trier-Saarburg) erzählt eine neue Geschichte vom Pitter aus dem frühen 19. Jahr­hundert – illustriert von Christina Bublitz. Diesmal geht es um ein Ehrenamt.

 Ein Dokument nennt die neuen Steuern und löst im Dorf einen Aufruhr aus.

Ein Dokument nennt die neuen Steuern und löst im Dorf einen Aufruhr aus.

Foto: Christina Bublitz

Sie war endlich da, die große Freiheit nach der Abschaffung aller Feudalrechte durch die französischen Besatzer. Alle lebten wie immer. Noch, denn sie konnten in diesem goldenen Oktober alle Feldfrüchte und den Wein behalten, kein Zehnter von Stall und Acker, aus Wald, Weinberg und Wiese war zu entrichten. Alles gehörte ihnen. Oh, was sie sich da alles erträumten! Ganz viel Mehl hatten sie zur Korlinger Mühle gebracht, Roggen, Dinkel, Weizen, und an die Bäcker in Trier verkauft, die zahlten gut. Da klimperte bei vielen jetzt das Geld in der Tasche. Und einer wollte den neuartigen Pflug, mit dem alles schneller ging, und andere eiserne Häcksel- und Dreschmaschinen mit einer Kurbel, eine größere Scheune, eine zweite Kuh, ein Pferd und und und. Ach, wir bauen doch alle unsere Luftschlösser.

Sie kam 1804, die Freiheit, mit dem Freund vom Pitter, dem Trierer Medicus, der das Dokument der Gehöferschaft Korlingen überbrachte. Jetzt war es amtlich, und das könnt ihr mir glauben, das wurde gefeiert – und wie. Der Pitter schenkte vor der Kapelle auf seine Kosten aus: Viez für alle, Wein für den Arztfreund. Die nach und nach von der Obsternte heimkehrenden Bauern tranken tüchtig aus den blaugrauen Tonkrügen. „Liberté, égalité“, schrie der Johann und hob seinen Krug, und alle schrien: „Liberté, égalité.“ Und immer wieder hoch mit dem Krug – auf einmal konnten alle Französisch. Da kann man die „fraternité“ schon mal vergessen.

Die Laune stieg, es kamen kleine Schnittchen dazu, die Kinder sprangen um die Kapelle herum und spielten Fangen, die Sonne ging gerade unter in rotem Schein. Hach, wie war das Leben so schön: Keine Fronarbeit mehr, keine Abhängigkeit, alles gehörte ihnen allein.

„Auf dem Acker über den Wacken will ich nächstes Jahr Rüben ziehen“, sagte der Matthias. „Aber da säe ich doch die Wintergerste“, erwiderte Nikla. „Du musst nicht immer den besten Boden haben“, brummte Matthias. Und da wuchs bei so manchem auch der Wunsch, mehr das Feld nebenan zu bestellen als das eigene, denn das eigene gab es ja nicht mehr. Jetzt wurde also gestritten über Lagen und Fruchtfolgen und Vorteile und Nachteile, wer wollte schon übervorteilt werden? Die Frauen mischten sich ein. Ach herrje, da kam so einiges zusammen: „Hast du nicht ...?“ und „Du warst es doch, die ...“ und „Schon immer hast du ...“ und „Noch nie warst du ...“ und so weiter. Ein Geschrei war das, dunkle drohende Stimmen häuften sich, helle schrille schwirrten darüber. Und Schnaps floss, wo kam der denn plötzlich her? „Pitter, was wird das werden?“ fragte der Medicus, dem allmählich unheimlich wurde. „Lies das Dokument vor“, sagte er. Und da trat Stille ein, der Pitter übersetzte das vermaledeite Notars­französisch so gut wie er konnte. Er schaute immer wieder in seinem „dictionnaire“ nach. „Taxe fonçière“ war da so ein Wort, was zum Teufel war das jetzt wieder? Er blätterte und suchte: „taxe fonçière“, das heißt Grundsteuer.

Und jetzt ist plötzlich die Stille übergroß, selbst die Kinder bleiben stehen im Spiel. „Was, was?“, fragen sie. „Kosten? Wieso, weshalb?“, rufen sie. „1200 Francs am letzten Tag des vendémiaire, des Weinlesemonats, und fortan in jedem Jahr“, übersetzt der Pitter. „1200 Francs“ – sie schlucken … und einer hustet und hustet. Und plötzlich, mit einem Blitzschlag, ist alles verwandelt: Noch sehen die geblendeten Augen nur Rauch und Nebel, dann Brand und Feuersturm – und Wind und Hitze wirft sie um: Sie springen auf, die Korlinger, sie schreien, sie brüllen wie die Tiere. Kreischende Stimmen, sich überschlagende, Kindergeschrei. Da fliegt der erste Tisch um. Der, den das Nass des Kruges getroffen hat, schlägt zu. Der, dem er auf die Füße gefallen ist, schlägt um sich. Der, dessen Frau getroffen ist, schlägt einen nieder – zuletzt eine einzige Schlägerei.

Der Pitter will hindern, greift ein, da und dort bekommt er ab, was für den Nachbarn gedacht war. Zuletzt eine Holzlatte ins Kreuz. Die Katharina zieht ihn zurück. Der Arzt hat seine Kutsche bestiegen: „Sie brauchen einen, der die Dinge erklärt, Pitter“, sagt er hastig, und weg ist er.

Es ist ja so, vielleicht habt ihr es selbst einmal an euch erlebt, dass unterdrückter Ärger oder eine angestaute Wut über dies und das oder jemanden sich plötzlich Luft verschafft. Wie eine Wasserfontäne steigt das vom Magen her empor und lässt den Druck über Kehlkopf und Zunge, leider auch bei manchen über die Armmuskeln hinaus. Wohin damit? Und innendrin, da ist auch eine Angst, eine Angst vor dem Unbekannten, dem Anderen, dem Ungewissen: 1200 Francs, eine so ungeheuerliche Summe. Ja, so muss das gewesen sein, denn eigentlich erkannte sich am nächsten Tag keiner mehr in dem Menschenkind wieder, das er am Vorabend abgegeben hatte.

Zwei Tage danach hatte die Katharina alle Frauen des Dorfes mobilisiert: Versammlung am Abend in der Kapelle. Widerwillig ließen sich die Männer mitschleppen. Und da saßen sie dann, Frauen links, Männer rechts, so schnell lernte sich das nicht um. „So geht das nicht weiter“, begann die Katharina, „wir brauchen jemanden, der mit der Regierung spricht, der unsere Rechte vertritt und der in einem Streit vermitteln kann.“ Stille. Alle schauen auf ihre Füße. Oder auf die Hände. Oder auf den Rücken vor ihnen – alles sehr interessant. „Du, Johann!“ – „Der taugt nicht dazu einen Streit zu schlichten, eher einen anzurichten“, erwidert seine Frau. „Matthias!“ – „Ich kann das nicht.“ – „Josef!“ – „Wann soll ich das machen? Ich komm ja so schon kaum rum.“ – „Andreas, du!“ – „Wenn der das macht, trete ich in den Streik“, ruft seine Frau. Was immer sie damit meint, alle Frauen stimmen zu. „Meiner ist viel zu weich“, sagt die Frau vom Nikla; meiner zu träge; meiner kann nicht lesen; meiner nicht rechnen und so weiter. „Und überhaupt“, ruft der Matthias, „wer kann denn Französisch?“ Und alle heben jetzt die Köpfe und schauen den Pitter an. „Dann“, sagt der Pitter – und alle lächeln jetzt erwartungsvoll – „also dann … verschieben wir die Versammlung auf morgen.“ Da hättet ihr sehen sollen, wie die Mundwinkel nach unten fielen. Wisst ihr, Verantwortung zu übernehmen, ist schwer und nicht jedem ist das gegeben. Es half aber nichts, einer musste es machen. Da könnt ihr euch denken, wie diese Geschichte ausgeht: Tags drauf wurde der Pitter „le maire“ von Korlingen.

Von Bernhard Hoffmann erscheinen im Herbst bei éditions trèves in Trier 25 neue Geschichten mit 50 Illustrationen von Christina Bublitz. Das Buch ist für 20 Euro vorbestellbar per E-Mail an mail@treves.de
Weiterhin lieferbar: „Der Pitter. Korlinger Geschichten I“, 140 Seiten, 18,90 Euro, ISBN: 9783755778547.