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Platt-Kolumne von Horst Schmitt

Platt-Kolumne : Leitsgeheijer

Unser Wohnzimmer hätte ja nun wirklich keinen neuen Anstrich nötig gehabt. Den hat es gerade erst vor zehn Jahren frisch bekommen. Aber meine Frau war der Meinung, so könne es nicht bleiben und hat mich seit Monaten gedierängelt (ständig damit in den Ohren gelegen), ich solle nun endlich mal zu Pinsel und Farbe greifen.

Trotz meines starken Arguments, das sei purer Luxus, wurde mit der Zeit ihr Drängen immer häufiger und mit zunehmender Gereiztheit vorgetragen. Bis ich schließlich entnervt aufgeben musste: „Da maachen eisch datt eewen, dau Leitsgeheijer!“ Darauf sie: „Dann öss  die Bier jao gescheelt!“ (wörtl: Dann ist die Birne ja geschält, sinngem.: dann hat sich die Angelegenheit ja geklärt.)                                                                                                                         Inzwischen ist jetzt alles erledigt, der häusliche Frieden wiederhergestellt, das Wohnzimmer gestrichen, nur das „Leitsgeheijer“, das ich meiner Frau trotzig „aon de Kobb geschmöss gehatt haonn“, ist noch zu erklären.  

 Auch wenn das Wort Leitsgeheijer so klingt wie Leutegeheuer, hat der zweite Teil des Wortes nichts mit dem hochdeutschen geheuer (mir ist das nicht geheuer usw.) zu tun, sondern mit einem veralteten Mundart-Verb, das geheijen lautet. In Trier ist dieses Wort vergessen, in der Eifel und in Luxemburg lebt geheijen noch munter weiter. Geheijen ist zu  übersetzen mit plagen, quälen, grob behandeln oder kujonieren. Das Leitsgeheijer ist demnach eine Person, die Leute plagt oder grob behandelt, auf Hochdeutsch also ein Quälgeist. Ein wirkliches Schimpfwort ist Leitsgeheijer nicht, es klingt eher ironisch und wird auch gerne auf Kinder bezogen, die lästig quengeln und die Erwachsenen nerven.    

 Jetzt noch  etwas ganz Anderes:   Im Trierer Wörterbuch folgt dem Wort geheijen unmittelbar ein Substantiv, das Geheischnöss lautet. Trotz der großen Ähnlichkeit, habe geheijen und Geheischnöss aber nichts miteinander zu tun. Das Geheischnöss, für das es im Hochdeutschen keine einfache, knappe Übersetzung gibt, meint so viel wie Zutraulichkeit, Behaglichkeit, Heimatgefühl oder das Gefühl der verwandtschaftlichen, heimatlichen oder freundschaftlichen Zusammengehörigkeit.   

 Wenn beispielsweise ein Mädchen zum Studium in eine fremde Stadt zieht und dort ein anderes Mädchen, das es gut kennt, bereits wohnt, dann „haot ett an dem e Geheischnöss“ (Dann hat es an ihr eine vertraute Stütze). Der verwitwete Mann „haott allaan önn dämm gruußen Haus ka Geheischnöss (Behaglichkeit) mie gehatt. Wei haott hän noremaol geheiraot unn haott widder sei Geheischnöss“ (heimelige Zusammengehörigkeit).                                                                                                      

Unser Wohnzimmer ist übrigens mit dem neuen Anstrich sehr gemütlich geworden. Da haben meine Frau und ich jetzt wirklich unser Geheischnöss drin.

                             Horst Schmitt 

Weitere Kolumnen finden Sie im Buch „Platt ist nicht platt“ von Horst Schmitt, Verlag Michael Weyand, 14,95 Euro. Es ist im Buchhandel erhältlich.