Trierisch Balaawern : Quantentheorie

Heute geht es um die unteren Extremitäten der Menschen, also um Beine und Füße und ihr Drumherum. Da gibt es schon gleich eine feine und originelle sprachliche Besonderheit. Ein hochdeutsches Bein heißt auf Trierer Platt: aa Baan (mit langem aa), in der Mehrzahl sagt man aber nicht zwei Baan, sondern zwei Ban (mit kurzem a).

Diese seltene und merkwürdige Art der Pluralbildung finden wir übrigens auch noch bei den Wörtern Staan (Stein) und Baam (Baum). Zurück zu de Ban und de Fies (den Füßen)! Da gibt es natürlich formale Unterschiede, und das Trierer Platt hat meist derbe Bezeichnungen und Redewendungen dafür. Abgesehen von dem Wort Strämmbelscher, das liebevoll und schmeichelhaft klingt, sagt man zu kräftigen, dicken Beinen Stämmbel (Stempel=Tischbein). Da scherzt der Lästerer: „Stämmbel geheeren onner den Dösch, dän Dösch önn de Keller, de Keller onner Waaser!“ Leuten mit x-Beinen wird unterstellt „Dä kann mött seine Knieen Feijer schlaon!“ und wenn eine lange Dürre kommt: „Die haott Waoden wie emm Nell sein Haonen!“ Mit dem Nell ist der Gutsbeitzer von Nell gemeint, ein Haonen ist ein Hahn. Auch die Füße werden nicht verschont. Sie heißen Öllmen, Quannden, Kiesquannden (Kies=Käse), Peedschestreeder (Peedschen=schmaler Pfad) und Biejeleisen (Bügeleisen). In diesen Zusammenhang gehört auch das Wort barbess. Es ist die trierische Form des hochdeutschen barfuß, wird aber auch mit der Bedeutung frei von und ohne gebraucht, also barbesse Kaffi=Kaffee ohne Milch und Zucker, barbess Grommbern=Kartoffeln ohne Beilage. So kann man dann auch paradoxerweise mött barbessem Kobb durch den Regen rennen oder mött barbesse Fies (wörtl. mit barfußen Füßen) durchs Haus gehen. Und wenn man mit besagten barbesse Fies herumrennt, was trollt dann vielleicht irgendwo in der Ecke herum? Die gebrauchten Socken! Die heißen auf Trierer Platt Maugken, im schlimmsten Fall sogar Kiesmaugken. Abgeleitet ist das Wort vielleicht von einem Lager im Heu oder Stroh namens Maudsch oder Maug, in dem Äpfel, Birnen, Nüsse, Mispeln nachreifen und manchmal auch zu lange dort liegen. Im Trierer Platt heißen die Zehen Ziewen oder Zewen. Nicht zu überhören ist da die Wortgleichheit/-ähnlichkeit mit dem Dorf Zewen, und das Nachbardorf Euren (beide wurden eines Tages eingemeindet) hört sich an wie das Personalpronomen euren (z.B. Ich danke für euren Gruß). Und so schimpft einer, dem ein Anderer fest auf die Zehen getreten hat: „Treet obb Euren, nött obb Zewen, de Bauern wollen och noch leewen!“ Und nun zum Schluss: Lehrer: „Bildet einen Satz mit dem Wort Schakal!“ Pittschen: „’schakaal Fieß.“          Horst Schmitt

Weitere Kolumnen finden Sie im Buch „Platt ist nicht platt“ von Horst Schmitt, Verlag Michael Weyand, 14,95 Euro, im Buchhandel erhältlich.