Programm StadtGrün naturnah: Wie eine Stadt näher an die Natur rücken kann – aufgezeigt am Beispiel Triers.

Kostenpflichtiger Inhalt: Umwelt : Von Bienen am Dom und Zucchini am Rathaus

Wie eine Stadt näher an die Natur rücken kann – aufgezeigt am Beispiel Triers.

Ist Trier eine grüne Stadt? Es kommt auf den Standort an: Ein Spaziergänger im Weißhauswald oder im Palastgarten empfindet Trier als grün. Ein Fußgänger an der vierspurigen Zurmaiener Straße oder in der Karl-Marx-Straße weniger. Wer die Stadt allerdings insgesamt mit ihren teils auf den umliegenden wald- und wiesenreichen Höhen gelegenen 19 Ortsbezirken als grün empfindet, liegt nicht falsch: Sie wird zu 58,9 Prozent von Wald und Landwirtschaftsfläche bedeckt. Damit schneidet Trier im Vergleich mit den übrigen drei rheinland-pfälzischen Städten mit über 100 000 Einwohnern gut ab. Koblenz bringt es auf 53,7 Prozent, Mainz auf 44,8 Prozent, und Ludwigshafen bildet mit 31 Prozent das Schlusslicht (Quelle: Statistisches Landesamt, 2017).

Bei dem Ranking „Das sind die grünsten Städte Deutschlands“ rangiert Trier auf dem 18. Platz (79 Prozent Grünfläche). Erstellt wurde diese Grün-Parade unter den 79 deutschen Großstädten 2016 von der Berliner Morgenpost. Koblenz liegt auf Platz 32 (72,8 Prozent), Mainz auf Platz 57 (63,7 Prozent) und Ludwigshafen mit 34,8 Prozent auf dem 79. Platz. Sieger ist Siegen mit 85,8 Prozent. Für diese interaktive Karte hat die Morgenpost Satellitenbilder ausgewertet.

Näher an die Natur Mein Park, dein Park, unser Park: Die öffentlichen Grünflächen einer Stadt werden als Allgemeingut empfunden, und sie wird an ihnen gemessen. Das Trierer Grünflächenamt versorgt und pflegt rund 360 Hektar kommunale Grünfläche im erweiterten Innenstadtbereich – dazu gehören alle Parks, Friedhöfe, Grünstreifen entlang der Straßen und Wege, Verkehrsinseln (im Fachjargon Straßenbegleitgrün), rund 80 000 Bäume und das Moselufer – ein Streifen entlang der Bundeswasserstraße ist nicht im Besitz der Stadt, sondern wird nur von ihr gepflegt. Leiterin des Amtes ist Christine-Petra Schacht. Sie nimmt mit ihrem Team an dem bundesweiten Programm „StadtGrün naturnah“ teil. Ob Trier dieses Label nach einem langwierigen Prozess bekommt, wird sich im Laufe des Jahres entscheiden. Allein die Teilnahme signalisiert bereits die eingeschlagene Richtung: Klima- und Artenschutz haben Priorität, die Stadt soll heimischen Pflanzen und Gehölzen, Vögeln und Insekten (noch mehr) Lebensraum bieten, geplant sind viele Projekte, Bürgerbeteiligung ist erwünscht. Wer sich schon im vergangenen Sommer über nicht gemähte Grasflächen zum Beispiel am Rande der Zurmaiener Straße gewundert hat, wird sich daran gewöhnen müssen. Das ist ein Baustein des Programms. Damit Insekten mehr Nahrung finden, werde weniger oder anders gemäht und auf Pflanzengift wie Glyphosat verzichtet. Das Gesicht der Stadt werde sich verändern, sagt Christine-Petra Schacht, wohlwissend, dass so mancher Trierer oder Trier-Besucher das als „ungepflegt“ empfinden könnte. Sie möchte die Bürger auf dem Weg zur Naturnähe mitnehmen. Keine Sorge: Die Bepflanzung des Palastgartens am Kurfürstlichen Palais wird im gewohnten (akkuraten) Stil fortgeführt (Informationen unter:      www.stadtgruen-naturnah.de)

Die Stadt als Garten Der Begriff Urban Gardening ist mittlerweile so vertraut wie früher Löwenzahn am Straßenrand. Er steht für gemeinschaftliches Gärtnern in der Stadt. Bekannte Vorzeigeprojekte sind der Prinzessinnengarten in Berlin und die „Essbare Stadt“ im rheinland-pfälzischen Andernach. Dort wird in einem Burggraben Obst und Gemüse angebaut. Ernten und mitnehmen ausdrücklich erwünscht, gilt zum Beispiel seit einigen Jahren auch in den ehemaligen Zierbeeten vor dem Trierer Rathaus am Augustinerhof, wo Erdbeeren, Salat, Zucchini und vieles mehr wächst. Es gilt: Die Pflanzen nicht herauszurupfen und nur so viel zu nehmen, wie man wirklich braucht. Die Idee des Stadtgärtnerns beruht auf der Eigeninitiative der Einwohner, das Grünflächenamt unterstützt viele Projekte. Seit 2013 habe Urban Gardening an Fahrt aufgenommen, heißt es auf www.trier.de, wo sich Interessierte informieren können. Die Zahl der Engagierten ist groß, die Projekte sind vielfältig: Privatpersonen, die Lokale Agenda 21 Trier, der  Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Verein Transition und zum Beispiel die Initiative Pro Pfalzel kümmern sich in der Innenstadt und den Ortsbezirken um Gemeinschaftsgärten, Streuobstwiesen, Baumpflege, übernehmen Patenschaften. Wer Obst auf städtischem Gelände aufsammeln möchte, solle sich auf der Plattform mundraub.org informieren und anmelden, erklärt Christine-Petra Schacht. Denn auch hier gelten Regeln. Jeder sollte vor dem Sammeln die  Eigentumsverhältnisse klären und nur so viel mitnehmen, wie er für sich selbst braucht. Übrigens ist das Moselufer laut Grünflächenamt für Urban Gardening nicht geeignet: Es ist Hochwassergebiet und durch Überschwemmungen unter Umständen kontaminiert. Weitere Veranstaltungen und Informationen: Lokale  Agenda 21, Naturschutzbund und Bund für Umwelt und Naturschutz: www.la21-trier.dewww.nabu-regiontrier.detrier-saarburg.bund-rlp.de

Der Baum, das Patenkind  Stadtbäume haben Stress. Sie trotzen einem extremen Umfeld, bekommen weniger Wasser und Nährstoffe, dafür aber Streusalz und Hinterlassenschaften von Hunden ab, sind aber wichtig für das Klima. „In der Stadt erreicht ein Baum nur ein Drittel seiner normalen Lebenszeit“, sagt Christian Thesen, Sachgebietsleiter Stadtbäume des Trierer Grünflächenamtes. Zudem machten Krankheiten den einheimischen Arten zu schaffen. Neue Sorten werden getestet. Beispielsweise werde die Amerikanische statt der heimischen Esche gepflanzt, erklärt Thesen. Dabei solle sich das gewohnte Bild, Blätterformen und Wuchs, nicht zu sehr verändern. Die rund 80 000 Bäume im Stadtgebiet sind in einem Kataster mit Nummern registriert und stehen unter ständiger Beobachtung. Zwei Kontrolleure sind jeden Tag unterwegs, acht Mitarbeiter kümmern sich um die Pflege. Vor einigen Jahren wurden durch einen umstürzenden Baum eines Trierer Stadtparks eine Frau getötet und ein Mann schwer verletzt. Dieses tragische Unglück hat den Blick auf die Stadtbäume verändert. Wer etwas für das Grün in der Stadt tun möchte, kann Pate eines Baumes oder eines Beetes werden, sagt Christian Thesen. Interessierte sollten auf die vom Grünflächenamt aufgestellten Schilder achten, die auf mögliche Patenkinder hinweisen oder können selbst eines vorschlagen. Das Amt werde den Vorschlag prüfen. Es gehe vor allem um die Pflege der Beete, das Pflanzen von Blumen und das Wässern der Bäume, erklärt Christian Thesen. Eine Gruppe von Anwohnern in der Thyrsusstraße in Trier-Nord ist bereits mit gutem Beispiel vorangegangen und hat die Patenschaft für ein 150 Quadratmeter großes Beet vor ihrem Haus übernommen.

Das Grünflächenamt betreut die Patenschaften zusammen mit der Lokalen Agenda 21. Vorschläge und Fragen an: stadtgruen@trier.de

Jede Blume zählt  Den kühlenden Schatten eines Baumes sucht jeder im Sommer gerne. Aber wenn Blätterwerk vorm Fenster kein Licht ins Zimmer lässt, kann das gleiche Grün Ärger bereiten. Blätter fallen und machen Dreck. Und wohin mit dem Auto? In engen Wohnstraßen weichen Vorgärten schnell einem Stellplatz und Blumenbeete Kiesflächen und Gabionen. Aber alle lieben frische Luft, zwitschernde Vögel und würden auf die Frage, ob das Insektensterben ihnen Sorge bereitet, mit Ja antworten: Menschen sind bequem und nicht immer konsequent. Wir haben Christine-Petra Schacht und ihre Mitarbeiter Christian Thesen und Beate Brucksch (Sachgebiet Stadtökologie) gefragt: „Was kann der einzelne Trierer Bürger für eine grüne Stadt tun?“ Ihre Antworten lassen sich so zusammenfassen: Jede Blume zählt. Es geht nicht nur um Parks, Bäume und Wiesen am Moselufer, sondern viele „kleine“ Beiträge können zusammengenommen große Wirkung haben. Jeder Blumentopf auf einer Fensterbank oder Pflanzen auf dem Balkon sind willkommen, helfen Insekten und dem Klima. Deshalb hat das Grünflächenamt im vergangenen Jahr den Wettbewerb „Der schönste Vorgarten und der schönste Balkon“ gestartet – Wiederauflage im Sommer. Beate Brucksch empfiehlt privaten Stadtgärtnern generell, alle heimischen Saaten und Sommerblumen sowie ungefüllte Blüten, Lupinen, Eisenkraut, Salbei, Lavendel und Küchenkräuter zu pflanzen.

„Hummeln mögen zum Beispiel Löwenmäulchen“, sagt die Fachfrau. Die Reihe der Bienenpflanzen könnte fortgesetzt werden: Ziermohn, Sonnenhut, Dahlie, Akelei, Wilder Wein oder Efeu. Nicht beliebt bei Insekten sind dagegen Geranien, die Fenster- und Balkonpflanze schlechthin. In der Trierer Innenstadt gibt es inzwischen viele Bienenstöcke, unter anderem am Rathaus und am Dom. Der ehemalige Imker Bischof Ackermann stellt „seine“ „Bienen im Bischofsgarten“ in einem Video selbst vor.

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