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Projekt „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ startet im Klinikum Mutterhaus in Trier.

Sexuelle Gewalt : Jede Vergewaltigung ist nun ein Notfall

Das Angebot „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ ist offiziell im Klinikum Mutterhaus gestartet. Betroffene Frauen erhalten nun bedingungslos Hilfe – das war bisher schwierig.

Jede siebte Frau erlebt im Laufe Ihres Lebens mindestens einen sexuellen Übergriff, der strafrechtlich relevant ist. Das sagte Ruth Petri vom Frauennotruf Trier im Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen.  Rund 60 Gäste  – darunter Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Familienministerin Anne Spiegel, Triers Bürgermeisterin,  Klinikmitarbeiter, Rechtsmedizinerin Tanja Germerodt, Polizeipräsident und Stadträte – waren gekommen, um den Start des Projekts  „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ nach dem Frankfurter Modell öffentlich zu besiegeln.

Was steckt hinter dem Projekt? Ohne die Straftat anzeigen zu müssen oder fürchten zu müssen, dass über den Kopf hinweg eine Anzeige erfolgt, können Frauen sich nach einer Vergewaltigung im Trierer Mutterhaus untersuchen und auf Wunsch Spuren sichern lassen. Entscheidet sich die Patientin für eine Spurensicherung, werden die Befunde ein Jahr lang aufbewahrt. Der Frau bleibt somit Zeit, zu entscheiden, ob sie Anzeige erstattet. Man spricht von dem Frankfurter Modell, weil Mitarbeiterinnen des dortigen Frauennotrufs es gemeinsam mit Gynäkologen und Rechtsmedizinern entwickelt haben.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer sagte: „Durch das großartige Engagement aller Beteiligten können wir Frauen in Krisensituationen nun deutlich besser unterstützen als bisher.“  Damit erhielten nun auch diejenigen Frauen und Mädchen, die nach einer sexuellen Gewalttat keine Anzeige erstatteten, eine qualitativ hochwertige und standardisierte medizinische Versorgung, die ihre besondernen Bedürfnisse im Blick habe. Auch die psychosoziale Begleitung, bei der dem Frauennotruf eine besondere Bedeutung zukomme, sei sehr wichtig.

Trier ist neben Mainz, Worms und Koblenz der vierte Standort der Initiative  in Rheinland-Pfalz. Familienministerin Anne Spiegel betonte: „Damit wird eine Lücke in der Versorgung von  Frauen und Mädchen geschlossen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind.“ Frauen werde dadurch der Druck genommen, Anzeige zu erstatten, und trotzdem werde ihnen erstklassige medizinische Hilfe ermöglicht.

Klinikoberin Elke Kirsch erinnerte  an den „Kölner Fall“: Medien hatten 2013 berichtet, zwei katholische Kliniken hätten die Untersuchung eines Vergewaltigungsopfers zur Beweissicherung abgelehnt. Laut Kirsch war der „Kölner Fall“ eine antikirchliche Medienkampagne, „die aber gerüttelt hat“. Das Bewusstsein, mehr für Frauen tun zu müssen, sei gewachsen. Danach habe es etwa eine anonyme Spurensicherung im Mutterhaus gegeben.

Das neue Angebot gebe Ärzten mehr Sicherheit. Das sagte der Chefarzt der Gynäkologie des Trierer Mutterhauses, Wolfgang Günther. Ärzte seien oftmals in einem Rollenkonflikt gewesen: Sie müssten gegenüber der Patientin empathisch, aber auch objektiv sein und den Anforderungen des kirchlichen Arbeitgebers gerecht werden. „Jetzt können wir guten Gewissens behandeln“, sagte Günther.

Treffe die betroffene Frau auf medizinisches Personal, das für das Thema sensibilisiert sei, könne dies dazu beitragen, Folgen des Übergriffs zu mildern, sagte Frauennotruf-Mitarbeiterin Petri. Erst einmal sei die Hilfesuchende nur als Patientin zu betrachten, dies sei ein Paradigmenwechsel. „Sie ist ein Notfall, das haben wir in Trier verstanden“, sagte Petri. Gefühle wie Schuld, Scham und Ekel überschwemmten die Seele nach einer Vergewaltigung. Die Idee, Beweismaterial zu sichern, sei so weit weg, wie der Teufel vom Weihwasserbecken.

Harte Überzeugungsarbeit, die Beharrlichkeit der Mitarbeiterinnen der Frauennotrufe in Rheinland-Pfalz und die Offenheit und Entschlossenheit einer Landesregierung haben laut Petri dazu geführt, dass es das Angebot nun in Trier gibt. Die beiden Projektpartner, vertreten durch Nicole Kürten, Vorstandsvorsitzende des Trägervereins Solidarität, Intervention, Engagement (S.I.E.) des Frauennotrufs und die Klinikoberin des Mutterhauses, unterzeichneten den Kooperationsvertrag. Auch die städtische Frauenbeauftragte Angelika Winter unterstützt das Projekt. Sie hatte dafür gesorgt, dass die Unterzeichnung öffentlich stattfand.

Das Land fördert das Projekt mit rund 12 000 Euro. Von diesem Geld werden unter anderem Plakate bezahlt, die in Trier auf das Angebot aufmerksam machen werden. Darauf ist zu lesen: „Jede Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall.“