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Prozess: 57-Jähriger soll Töchter missbraucht haben

Prozess : Schwere Anschuldigungen auf Video

Vor dem Landgericht hat der Prozess gegen einen 57-Jährigen begonnen, dem sexueller Missbrauch seiner Töchter vorgeworfen wird.

Prozessauftakt am Montag vor der Ersten Großen Jugendkammer: Mit versteinerter Miene sitzt der schmale Angeklagte neben seinem Verteidiger Günter Buchmann und hört die Anklageschrift von Staatsanwalt Stephane Parent, die ihm ein Dolmetscher ins Kurdische übersetzt: Von Februar 2006 bis Frühjahr 2017 soll der heute 57-Jährige in insgesamt 51 Fällen seine  beiden Töchter, heute 26 und 15 Jahre alt, regelmäßig sexuell missbraucht haben. Die in der Anklage aufgelisteten Fälle reichen von der unsittlichen Berührung bis hin zum vollendeten Geschlechtsverkehr.

Die Ex-Frau des Angeklagten hatte ihren Mann im vergangenen Jahr selbst angezeigt, nachdem ihr die ältere Tochter, heute Arzthelferin und mit festem Freund, nach Jahren des Schweigens alles erzählt hatte. Sie tritt zusammen mit ihrer Schwester als Hauptzeugin und Nebenklägerin auf, ohne selbst den Gerichtssaal betreten zu müssen. Die Aussagen der Schwestern wurden auf Antrag ihrer Anwältin Ruth Streit-Stifano vor der Verhandlung auf Video aufgezeichnet. Bereitwillig erzählt der Angeklagte seinen bewegten Lebenslauf: Er ist Iraker mit kurdischer Abstammung und gehört der nicht muslimischen Religionsgruppe der Jeziden an, was im weiteren Verfahren noch eine Rolle spielt. Vater früh gestorben, Schule für Jeziden im Irak nicht erlaubt, hat er schon mit 15 Jahren zusammen mit der Mutter eine Schafzucht aufgebaut. Später gab es Probleme mit der Armee, Ärger über die enormen Staatsabgaben und acht Jahre Haft wegen eines Ehrenmordes, wie der Angeklagte sagt. Der Getötete soll versucht haben, dessen Mutter zu vergewaltigen. 1990 heiratete er seine heutige Ex-Frau, von der er seit 2015 getrennt lebt. Im Jahr 2000 kehrte er dem Irak den Rücken und floh mit Frau und dem ersten Kind  über die Türkei nach Deutschland. 15 000 US-Dollar habe er dem Schlepper dafür zahlen müssen. Über die Aufnahmeeinrichtung  Trier gelangte die Familie in den Hochwald, wo das Paar es über verschiedene Arbeitsstellen zu bescheidenem Wohlstand brachte, der sogar zum eigenen kleinen Haus reichte.

Die Vorwürfe der Töchter weist der Angeklagte entschieden zurück und sieht sich als Opfer einer Familienintrige – die Frau, der Rest der Verwandtschaft, der Freund der Tochter – das sei wohl alles abgesprochen. Dann lässt der Vorsitzende Richter Günther Köhler das Video von der Vernehmung der beiden Töchter vorführen. Mit starrem Blick verfolgt der Angeklagte die Aussagen seiner älteren Tochter. Immer wieder von Weinkrämpfen unterbrochen berichtet sie von den Anfängen, als sie etwa zwölf Jahre alt war. Da habe ihr der Vater erklärt, dass er über ihre Jungfräulichkeit  wachen müsse. Für Jeziden sei es eine Schande, wenn eine junge Frau nicht unberührt in die Ehe gehe. Nach Aussagen der Tochter steigerten sich die Zugriffe über die Jahre nach Anzahl und Intensität. Erst nachdem sie zu Hause ausgezogen war, habe sie sich der Mutter anvertraut. „Das wollte ich ihr über lange Jahre nicht antun. Und er hat mein ganzes Leben zerstört“, sagt die weinende Stimme auf dem Video. Mehrfach begehrt der Angeklagte bei der Abspielung auf, wirkt oft nervös, will intervenieren. Sein Verteidiger Buchmann beantragt ein Glaubwürdigkeitsgutachten zu den Aussagen, worüber die Kammer noch entscheiden wird.