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Prozess im Trierer Schrotthandelmilieu: Schlagfertiger Zeuge, verärgerter Staatsanwalt

Prozess im Trierer Schrotthandelmilieu: Schlagfertiger Zeuge, verärgerter Staatsanwalt

Ist ein Vertrauensmann von Staatsanwaltschaft und Polizei mitverantwortlich für Raubüberfälle, die die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten Luis C. vorwirft? Der Verteidiger fordert einen Freispruch für seinen Mandanten - und dessen Entlassung aus der U-Haft.

Kaffee oder Espresso? Espresso oder Kaffee? Mehrere Minuten beißt sich Rechtsanwalt Otmar Schaffarczyk an dieser Frage fest. Was hat Zeuge S. getrunken, wenn er sich mit dem Angeklagten Luis C. getroffen hat? S. ist sich sicher: "Ich trinke immer nur schwarzen Kaffee, nur dann kann man die Bohne wirklich schmecken", sagt der 49-Jährige vor der ersten großen Strafkammer des Landgerichts. Im Polizeibericht über seine Vernehmung steht allerdings, er habe sich häufiger "auf einen Espresso" mit dem Angeklagten getroffen. "Das haben Sie damals auch so unterschrieben", hält Rechtsanwalt Schaffarczyk ihm vor. "Ja, mag sein, aber nur, weil ich nicht wollte, dass der Polizist noch mal alles neu schreiben muss", sagt der Zeuge.
Außenstehende dürfte wundern, welchen Unterschied es macht, ob bei den Treffen Kaffee oder Espresso in den Tassen schwappte. Für regelmäßige Prozessbeobachter ergibt die Sache Sinn. Schaffarczyk will offenbar herausarbeiten, dass polizeiliche Vernehmungsberichte nicht immer exakt wiedergeben, was die Befragten gesagt haben.
Zwei andere Zeugen hatten zuvor bereits starke Zweifel an der Ermittlungsarbeit der Polizei geäußert. Beide hatten bei ihren Vernehmungen unabhängig voneinander berichtet, dass ein gemeinsamer Bekannter, der Trierer Uwe M., möglicherweise in die Straftaten verstrickt sein könnte, die die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten Luis C. vorwirft. Die Polizei ist diesem Verdacht allerdings nicht nur nicht nachgegangen, sondern hat Uwe M. bei ihren Ermittlungen in der Sache sogar als verdeckten Informanten, als so genannten V-Mann, eingesetzt. Ausgerechnet auf seine Aussage stützt sich nun die gesamte Anklage (siehe Extra).Zeuge pariert schlagfertig


Dass die Nerven in dem seit Januar laufenden Prozess mittlerweile dünn werden, ließ gestern auch Staatsanwalt Wolfgang Barrot erkennen. Vom Zeugen S. wollte er wissen, wie die Gespräche mit dem Angeklagten bei den Kaffee-Treffen gelaufen seien. "Hat der Angeklagte dann so was zu Ihnen gesagt wie: ,Hey, bei der Familie R., da ist was zu holen, lass\' uns da mal was machen?\'", fragt er den Zeugen. Der pariert schlagfertig: "Klar, hast Du schon einen Plan?" Dass der Zeuge mit dieser Antwort dem Staatsanwalt kein Angebot für einen gemeinsamen Raubüberfall macht, sondern vielmehr verdeutlichen will, das Alltagsgespräche manchmal einen eigene, auch abwegige, Dynamik entwickeln, ist eindeutig. Nur für den Staatsanwalt offenbar nicht. "Passen Sie bloß auf, wie Sie mit mir reden!", fährt er den Zeugen unwirsch und lautstark an. Kurzzeitig droht die Situation zu eskalieren. Der Zeuge möchte auf eine weitere Frage des Staatsanwalts nicht mehr antworten. "Das müssen Sie aber, sofern der Staatsanwalt Ihnen vernünftige Fragen stellt - und die letzte war eine solche", klärt die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz die Situation - und macht damit deutlich, was sie von der vorletzten Frage des Staatsanwalts gehalten hat.Extra

Vier schwere Verbrechen lastet die Staatsanwaltschaft dem Trierer Luis C. an. Die Beihilfe zu zwei Überfällen hat C. gestanden, die weiteren Taten bestreitet er. Sachbeweise hat gibt es nicht. Die Anklage gründet sich hauptsächlich auf die Aussagen des Trierer Schrotthändlers Uwe M. Doch dessen Glaubwürdigkeit bröckelt (der TV berichtete). Rechtsanwalt Schaffarczyk fordert daher, dass Luis C. aus der Untersuchungshaft entlassen wird. Das Gericht will darüber in den nächsten Tagen entscheiden. woc