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Prügelszenen im Klassenzimmer

Prügelszenen im Klassenzimmer

TRIER-HEILIGKREUZ. Die eigene Stärke richtig einschätzen zu können, ist für Kinder mit körperlichen Behinderungen besonders wichtig. Jungen und Mädchen der Treverer-Schule erprobten nun ihre Fähigkeiten in Rollenspielen und Theaterszenen.

Nina sitzt im Rollstuhl und wird von ihrem Mitschüler Ralf bedroht. Aber nun ballt sie ihrerseits die rechte Faust und holt aus zum Gegenschlag. Die Szene spielt sich unmittelbar vor den Augen des Trierer Polizeipräsidenten ab, doch Manfred Bitter sieht keinen Grund einzugreifen. Was aussehen soll wie eine wüste Schlägerei, ist nämlich alles nur Theater. Die Aktion ist Teil der Projektwoche zur Gewaltprävention, die in Zusammenarbeit mit der Polizei an den Trierer Förderschulen veranstaltet wird. Die Theaterpädagogin Sylvia Martin hat gemeinsam mit Ute Theis vom Sozialdienst des Landgerichts einen Theaterworkshop entwickelt, der Kindern den Umgang mit Gewalt vermitteln soll. In der Klasse 3 a der Treverer-Schule wird das Konzept erstmals mit Schülern, die körperliche Behinderungen haben, umgesetzt.Mara hat unglaubliche Bühnenpräsenz

Im Vorfeld erklärten die Initatiorinnen noch: "Wir sind sehr gespannt und aufgeregt." Doch eventuelle Zweifel werden schnell zerstreut. "Ich war schon mal Schauspieler", verkündet Mara stolz. Als Hippolyta in Shakespeares "Sommernachtstraum" trat sie schon in der Tufa auf, und ihre Bühnenpräsenz macht sie zu dem, was man gemeinhin eine Rampensau nennt. Beim ersten Versuch das Adjektiv "zögerlich" darzustellen, spaziert sie noch so forsch durch den Klassenraum als wäre sie Penthesilea, die Amazonenkönigin. Die Rolle der strengen Lehrerin in der nächsten Szene passt da schon besser zu ihr. Gewalt ist an der Treverer-Schule vor allem aus Opfersicht ein Thema. Kinder, die in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt sind, sollen Möglichkeiten erkunden, wie sie in bedrohlichen Situationen reagieren können. "Selbstsicherheit macht stark", lautet demzufolge das Motto des Workshops. Nicht nur Mara, auch die anderen Schüler scheinen davon bereits eine ordentliche Portion mitzubringen. Trotzdem wird es zum Ende der Veranstaltung für jeden einen Filzstern geben mit der Aufschrift "Mut tut gut", zum Einstecken in die Hosentasche, als Talisman und Mutmacher. Den schwer Verletzten zu simulieren oder eine fröhliche Geburtstagsfeier zu spielen, ist für Ralf kein Problem. Die Schlägereien, obwohl nur nachgestellt, erfordern da schon mehr Überwindung, denn natürlich will er nicht riskieren, seiner Mitschülerin wirklich Schaden zuzufügen. Doch Nina, die immer so unschuldig lächelt, als könnte sie niemandem etwas zu Leide tun, findet selbst immer mehr Gefallen daran, unbekannte Seiten an sich zu entdecken. Als Rollstuhlfahrerin das Gefühl von Kraft und körperlicher Stärke zu erleben, macht ihr sichtlich Spaß. Ihre Schläge werden von Mal zu Mal härter - ihr Lächeln bleibt.