Rätselraten im Reich der Toten

Rätselraten im Reich der Toten

TRIER-SÜD. Vor den Bauarbeitern sind die Archäologen am Zug. An der Aulstraße soll ab 2005 ein Neubaukomplex mit zwölf Wohnungen entstehen. Das Baugrundstück liegt im südlichen Gräberfeld des römischen Trier - für die Experten des Rheinischen Landesmuseums eine reichhaltige Fundgrube.

Behutsam pinselt Marcus Thiel eine Ansammlung von Knochen frei: "Ein Kinderskelett. Vermutlich aus dem 5. Jahrhundert." Die Betonung liegt auf "vermutlich". Denn in der Grube an der Aulstraße ist nicht alles so, wie es scheint. Gut zwei Meter unter der Erdoberfläche stoßen Thiel und seine Kollegen auf Relikte, die zwischen 1800 und 500 Jahren alt sind. Aber die genaue zeitliche Einordnung fällt noch schwer.Bestattung in Richtung Sonnenaufgang

"Zu unserem großen Leidwesen haben wir es hier mit mehreren mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Störungen zu tun", schildert Karl-Josef Gilles, der wissenschaftliche Grabungsleiter, das Problem. Wenn sich Münzen oder Keramikscherben von anno 1100 in einer tiefer liegenden Erdschicht als ein offenkundig aus dem 4. Jahrhundert stammenden Steinsarkophag finden, dann geraten die Experten ins Grübeln. Aber keineswegs in Verzweiflung: "Wir gewinnen hier wertvolle Einblicke in die Stadtgeschichte", weiß Grabungs-Cheftechniker Thiel schon jetzt. Dass das Landesmuseum mit Akribie und großen Erwartungen an der Stelle des 2002 abgerissenen Hauses Aulstraße 11 buddelt, hat seinen Grund. Das Gelände liegt im südlichen Gräberfeld des antiken Trier. Dort, in gebührendem Abstand zur Porta Media (heute Kreuzung Saar-/Töpferstraße), dem südlichen Gegenstück der Porta Nigra, pflegten die Trierer ab dem 1. Jahrhundert bis ins frühe Mittelalter Tote beizusetzen. Während der weitaus größte Teil des nördlichen Gräberfeldes (vor der Porta Nigra) überbaut ist, bieten sich in der Südstadt noch einige "weiße Flecken", die sich, wie im Falle der Aulstraße, als reichhaltige Fundgrube erweisen. Auf einem Nachbargrundstück förderten die Museumsleute 1984 mehr als 30 Gräber zutage, darunter 13 Steinsärge. Auch die bisherige Ausbeute der aktuellen Grabung kann sich sehen lassen. Gilles: "Wir haben in drei Ebenen rund ein Dutzend Bestattungen freigelegt, darunter mehrere Kindergräber." Teils lagen die Toten in Holzsärgen, von denen nur noch Nägel übrig geblieben sind, teils waren sie zusätzlich von einzelnen Steinen umstellt. Alle liegen in Richtung Osten, mit "Blick" zur aufgehenden Sonne. In einem Fall liegen die Gebeine eines Erwachsenen genau über denen eines Kindes. Ob es sich um ein Familiengrab handelt und ob es eine gleichzeitige Beisetzung war, steht noch nicht fest. Das sollen weitere Untersuchungen zeigen. Hinzu kommen zwei wohl aus dem 4. Jahrhundert stammende intakte Steinsarkophage (deren tonnenschweren Deckel die Museumsleute erst in einigen Wochen abnehmen wollen) und drei frühchristliche Grabinschriften. Eine davon spricht, vollständig erhalten, trotz oder gerade wegen ihres eher ärmlichen Erscheinungsbildes Bände. Sie erinnert an die vierjährige Amicula und ihr Brüderchen Martius, der nur zweieinhalb Jahre wurde. Die unprofessionelle, wie hastig auf die Steinplatte gekraxelt wirkende Inschrift lässt vermuten, dass die Kinder bei einem der Germanenüberfälle auf Trier im von viel Not und Elend geprägten 5. Jahrhundert ums Leben kamen.Nach den Archäologen kommen die Bauarbeiter

Die Toten können viel berichten vom Leben in Deutschlands ältester Stadt. 90 Prozent des 2000-Quadratmeter-Areals an der Aulstraße liegen noch vor den Ausgräbern. Die Fundstücke wandern nach Dokumentierung und Untersuchung in die Museums-Arsenale; an Ort und Stelle muss nach Lage der Dinge nichts erhalten bleiben. Es sei denn, es käme eine Grabkammer zum Vorschein. Vier solcher luxuriösen Begräbnisstätten wie die Albana-Gruft sind gegenüber auf dem Friedhof St. Matthias zu besichtigen. Das Landesmuseum gräbt im Auftrag der Stadt, die auch die auf 108 000 Euro geschätzten Kosten zahlt. Nach Abschluss will die Stadt das Gelände an einen Investor verkaufen. Der Bebauungsplan sieht einen Hauskomplex mit etwa zwölf Wohnungen vor. Wie der aussieht, steht noch in den Sternen. Planungsamts-Chef Christoph Struth: "Anfang 2005 werden wir intensive Gespräche mit dem Investor führen."