Rastet nicht, rostet nicht

Man merkt ihm nicht an, dass er stramm auf die hundert zugeht. Am heutigen Fronleichnamstag feiert der gebürtige Oberpierscheider Peter Berg erst mal seinen 90. Geburtstag. Triers ältester noch aktiver Schuhmachermeister hat seine Lehre in Waxweiler gemacht, seine Frau stammt aus Weidingen.

Trier/Oberpierscheid/Waxweiler. Peter Berg ist eine Frohnatur. Doch derzeit hat die dauergute Laune einen leichten Knacks. Der Grund: Berg quält sich nach einem Fahrradunfall mit einem gebrochenen Sprunggelenk herum, und das passt ihm gar nicht in den Kram: "Mein Aktionsradius ist arg eingeschränkt. Treppensteigen geht nur im Zeitlupentempo. Schrecklich."
Wer ihn kennt - und das ist mindestens halb Trier und die halbe Eifel -, weiß, wie er leidet. Auf die geliebten Radtouren entlang der Mosel muss er noch etwa zwei Monate verzichten. "Es ärgert mich, immobil zu sein", sagt er und muss lachen: "Ich kann mich nicht mal bedauern. Denn Selbstmitleid hasse ich ebenfalls."
Gebürtiger Eifeler


Peter Berg, der aus Oberpierscheid (Eifelkreis Bitburg-Prüm) stammt, ist ein ganz besonderer Typ, geprägt durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. 1940, mit 15, wollte er Schlosser werden; "Aber es gab keinen Lehrbetrieb." Er entschied sich für den Schuhmacherberuf, absolvierte seine Lehre in Waxweiler und war bereits 1948 Meister, jüngster Schuhmachermeister der Region, obwohl ihn der "verdammte Krieg um zweieinhalb Jahre gebracht hat". Es hätten durchaus mehr Jahre werden können, doch am 9. Mai 1945 gelang ihm die Flucht aus russischer Gefangenschaft: "Wir sind nachts mit drei Mann abgehauen und hatten großes Glück, dass wir den Amis in die Hände liefen." Heute vor ziemlich genau 70 Jahren war er wieder daheim in der Eifel. Um doch bald auf Wanderschaft zu gehen - von Hof zu Hof, um Schuhe zu reparieren oder selbst Gemachte zu verkaufen. In Weidingen, dem Heimatort seiner vor sechs Jahre gestorbenen Frau Susanne, eröffnete er 1953 sein erstes Geschäft, 20 Jahre später zog es die Bergs nach Ahrweiler. Dort befand sich der Schuhladen direkt am Marktplatz in einem idyllischen Fachwerkhaus. 1a-Lage. Doch es kam noch besser. Der Schuhmachermeister, der "eigentlich immer nach Trier wollte", eröffnete 1983 im wenige Jahre zuvor gekauften Haus Neustraße 58 ein neues Geschäft. Ein fulminanter Neuanfang: Die Birkenstock-Sandalen, die das Sortiment dominierten, waren plötzlich "mega-in", wie man heute sagt. Der Rest ist Geschichte, Trierer Schuhhandelsgeschichte.
"Ja, es ist richtig gutgelaufen", resümiert der Selfmade-Mann, der auch heute, 20 Jahre, nachdem er das Geschäft an Sohn Rudolf (57) übertragen hat, hin und wieder in der Werkstatt anzutreffen ist: "Reparaturen und Kundendienst für Leute mit Problemfüßen."
Und wohl auch Dienst in eigener Sache: "Ich kann nicht still sitzen und nichts tun. Denn wer rastet, der rostet." Der Bewegungs- und Tatendrang ist nur ein Teil des persönlichen Rezepts, auch im hohen Alten körperlich und geistig fit zu sein. Ein anderer besteht aus gesunder Ernährung: "Jeden Tag Quark, Haferflocken und Holundersaft - das muss sein", sagt Berg und fügt mit schelmischem Lächeln hinzu: "Ebenso wie Pfeife rauchen." Seine derzeit eingeschränkte Bewegung hat ihm übrigens eine wichtige Erkenntnis beschert: "Ich bin jetzt öfter als sonst im Internet unterwegs und habe festgestellt, dass mein Tablet-Computer doch ziemlich langsam ist ..."
Am heutigen Fronleichnamstag feiert der jung gebliebene Altmeister seinen 90. Geburtstag. Mit dabei auch Sohn Rudolf und die drei Töchter Lilo (60), Margret (57) und Anne Marie (47) samt Anhang und die fünf Enkel Tim, Jana, Niklas, Benni und Silas. Der gesamte Nachwuchs sei wohlgeraten, das mache ihn stolz und sei "das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich mir überhaupt vorstellen kann".

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