Reale und erdachte Fluchten

Literarisches und Biografisches zum Thema "Kleine Fluchten" hat die Südwestrundfunk-Fernsehjournalistin Judith Kauffmann in der Schreinerei Holzart in Zemmer vorgetragen. Die mit einer Wanderung kombinierte Veranstaltung der Ortsgemeinde Zemmer fand großen Zuspruch.

Zemmer. Es ist nicht weniger als eine geglückte Verbindung von Natur- und Literatur-Erleben, menschlicher Begegnung und besonderem Ambiente, die einen Novembernachmittag in Zemmer zu einem besonders atmosphärischen macht. Die Ortsgemeinde unter Bürgermeister Edgar Schmitt hat auf Initiative der Beisitzerin Annegrethe Berg zu einer Lesung mit Judith Kauffmann in der Schreinerei Holzart eingeladen.

Die Idee "Kultur trifft Handwerk" trifft auf hohe Resonanz, mehr als 100 Gäste kommen. Sie gehen zunächst auf geführte Wanderung durch den Fidei-Wald. Die herbstlichen Düfte verweisen auf die Schreinerei von Thomas Kilburg und Hans-Karl Jacoby und den von ihnen dort zu individuellen Möbeln verarbeiteten Werkstoff Massivholz. Angeregte Gespräche unterwegs knüpfen den ersten Draht zwischen Kauffmann und ihrem Publikum. Einige nutzen die Gelegenheit, mit der aus Sendungen wie "Landesschau", "Himmel und Erd" und "Judith trifft" bekannten Journalistin über die von ihr gepflegte pfälzische und hiesige Mundart zu plaudern. Andere interessieren sich mehr für ihre Person.

Kauffmann geht sehr offen auf Menschen zu. Ein Talent, das auch bei ihren Leseprogrammen eine große Rolle spielt. In ihrem ersten, "Buchstabensuppe", habe sie ihre Autobiografie anhand von Büchern erzählt, die ihr im Leben viel bedeuteten, sagt die bekennende Vielleserin. Biografisches prägt auch das aktuelle "Kleine Fluchten". Sie hat es auf Anregung des Landesbibliothekszentrums gestaltet, um Menschen fürs Lesen einzunehmen: "Ich will sie ermutigen, eigene kleine Fluchten aus dem Alltag zu finden und danach die Welt anders zu sehen." Das funktioniert natürlich am besten über persönliche Vergleiche oder Erkenntnisse. Und so mischt sie in ihrem Vortrag Auszüge aus Goethes Romreise oder Roger Willemsens Schilderungen über Bombay mit Anekdoten von eigenen Reisen im "Hühnerkäfig"-Bus oder mit "gebildeten Eingebildeten".

Bald geht es im gemütlichen Werkstatt-Ambiente mit seinem Duft nach Holz, Öko-Wein und rustikalen Stullen auch um existenziellere Themen. In Texten von Erich Kästner, Heinrich von Kleist, Shakespeare oder Vicki Baum kommen kleines Alltagsglück, Aufbruch in ein neues Leben oder auch der Tod zur Sprache. Judith Kauffmann lockert all das mit persönlichen Kommentaren, Dialogen mit Zuhörern und humoristischen Kabinettstückchen teils in Pfälzisch auf.

Klassische Gitarrenmusik von Francesca Schneider und Manfred Schaab lässt die Essenz der gesprochenen Worte nachhallen. Am Ende der zugunsten von Gemeindebücherei und Jugendorchester Zemmer ausgerichteten Veranstaltung nehmen alle etwas mit nach Hause, seien es neue Sichtweisen und Anstöße, Lust aufs Lesen oder einfach Freude, wie sie Martha Lürmann äußert: "Ja, das ist Judith Kauffmann, wie sie leibt und lebt - ich guck sie immer."

Ihren Aufenthalt in der Region nutzt Judith Kauffmann, um ein Filmporträt über den 90-jährigen Michael Weber aus Zemmer-Rodt, ehemals Freund von Herbert Wehner, zu drehen. Es wird voraussichtlich ab Mitte der Woche in der Landesschau im Südwestfernsehen ausgestrahlt.