Referat von Alois Peitz, ehemaliger Diözesanarchitekt im Bistum Trier zum Thema Kirchen-Profanierung

Kultur : Leere Kirchen – Kirchen for future – ein dritter Weg

Der Trierische Volksfreund dokumentiert den Text des ehemaligen Diözesanarchitekten Alois Peitz. Grundlage dafür ist ein Vortrag bei der Tagung „Tatort Altbau – Kirchen in Not - ungenutzt, umgenutzt?“ der Handwerkskammer Koblenz mit der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und der Generaldirektion Kulturelles Erbe.

„Als Architekt könnte ich eine lange Reihe gelungener und wenig gelungener Umnutzungen von Kirchenräumen aufzählen und beschreiben. Ich sammle sie seit über 50 Jahren. Ich würde eine Tagung, die sich den Namen „Kirchen in Not” gegeben hat, damit vollends zu einer Architekturtagung umbiegen, auf der Architekten zeigen, was sie alles so drauf haben. Ist ja spannend, leere Kirche sind für den Architekten Zonen der vollen Subjektivität. In diesen Gebäudehüllen geht so gut wie alles: Konzertsaal und Wellneszentrum, Kolumbarium und Tanzsaal, Bibliothek und Künstleratelier, Hotel, Krankenhaus, Kaserne und Wohnungen. Kirchen sind coole locations!

Aber - wie alle Dinge unseres Lebens hat auch dieser Befund eine Kehrseite: Den Architekten ist dieses Ausloten neuer Nutzungen in Kirchenräumen nur dadurch möglich, weil Gemeinden mit den Bistümern die Räume immer häufiger aufgeben und dem Immobilienmarkt zur Verfügung stellen.

Einige Zahlen:

Seit der Jahrtausendwende wurden in Deutschland rund 500 kath. Kirchengebäude als Gottesdiensträume aufgegeben, 135 davon abgebrochen. Das Bistum Essen muss immer als Beispiel herhalten: 105 Kirchen aufgegeben, 31 abgerissen, 52 profaniert (entweiht)….

Nun mögen diese Zahlen bei mehr als 24 000 kath. Kirchen in Deutschland marginal klingen, aber - ich zitiere den Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards - „aber wir stehen in dieser Entwicklung erst am Anfang, …und wenn sich kein Umdenken einstellt, ist für die kommenden Jahre ein starker Anstieg der Zahlen absehbar.”[1]

„Wenn sich kein Umdenken einstellt” (Gerhards).

Das ist mein Thema, das sind meine Thesen:

- Die Kirchenräume behalten und mit Phantasie auch als Räume für soziale Begegnung, Mischnutzungen, Sinneserfahrung und Chance zu erweiterter Gottesbegegnung umrüsten statt umnutzen.

- Partner für Mitnutzungen suchen statt Verkauf und Umnutz durch Dritte.

- Die Situation der leerer werdenden Kirchen als Chance nutzen und Kirchen zur Welt hin öffnen.

- Die Situation nutzen, um aus der Zeit gefallene und menschenunfreundliche Regeln und Vorschriften - auch die des CIC - abzubauen.

Begründungen dazu und Wege dahin möchte ich in vier Wahrnehmungs- und Fragebereichen vorstellen:

1. Meine persönliche Wahrnehmung als Mitglied der kath. Kirche und als Architekt - über 30 Jahre als Diözesanarchitekt im Bistum Trier.

2. Wie nehmen Kirchengemeinden solche Auflösungen wahr? Was hält die Öffentlichkeit, die Zivilgesellschaft von außergewöhnlichen Räumen wie Kirchenräumen?

3. Nehmen wir Architekten die Kirchenräume als architektonische Qualität und als besondere Aussage von Architektur noch wahr?

4. Wie können solche Wahrnehmungen zu ganz konkreten Hilfen und Lösungen im Umgang mit den Kirchenräumen führen? - das, was ich gerne den Dritten Weg nenne.

Zu 1.) Ich nehme in der Geschichte wahr:

Auflösungen von Kloster- und Gemeindekirchen und Umnutzungen fanden und finden immer statt, mal nach Gewalteinwirkungen durch Kriege, Revolutionen und Besatzungen, mal ganz einfach, weil Leben und Gesellschaft sich verändern in Sprache, Mode, Umgangsformen, in allem, womit wir uns ausdrücken - auch im Bereich von Architektur.

Und dieser Wandel hat auch vor Kirchen nie halt gemacht.

- Wir verwandeln Gasometer in Kunstzentren,

- Gefängnisse in Museen,

- in Trier sitzt der Stadtrat im Chorraum einer gotischen Klosterkirche,

- bis vor kurzem der Oberbürgermeister in der Apsis an Stelle des Altares,

- und wenn Sie in Domnähe in Trier an der Rappelkiste, ein Spielwarenladen, hochschauen, entdecken Sie die Fassade einer Kirche, hier war Kloster.

Ich entdecke an Beispielen der Geschichte ganz grundsätzlich: Leben ist Wandel. Wir müssen das Beten nicht verlernen, wenn wir keine Kirchen mehr haben.

ABER. Ich entdecke auch: Das Freiwerden, Profanieren und Umnutzen von Kirchenräumen fand in der Vergangenheit meist nach Gewalt von außen, durch Eingriffe Dritter statt. Revolution, Säkularisation, Besatzermächte sind die Veranlasser. Am Anfang des 19. Jahrhunderts wurden kirchliche Verwaltungen im Zuge der Säkularisation staatlicherseits zur Aufgabe von Einrichtungen und Kirchen gezwungen.[2]

Heute und gerade in Deutschland finden die Kirchenschließungen freiwillig statt - durch den Eigentümer Kirche, in friedlichen Zeiten, in Zeiten des Wohlstands, in Zeiten gefüllter Kassen. Und es sind nicht Einzelfälle, es sind Hundertschaften. Manchmal wird man den Eindruck nicht los, die Bistümer wetteifern miteinander, wer der Beste, der Originellste bei der Vermarktung der Kirchenimmobilie ist.

Ich nehme wahr, ganz konkret beim Thema des Geldes, dass durch die Situation der zentral bei den Bistümern eingehenden Kirchensteuer dort auch die Entscheidungshoheit legt. Die Kirchengemeinden mit den Menschen vor Ort, eigentlich autonome Körperschaften, können de facto aus eigener Kraft kaum noch entscheiden.

Es ist interessant festzustellen, wie sich vor diesem Hintergrund in den Gemeinden immer häufiger neue juristische Personen als Förder- oder Bauvereine bilden, zur Unterstützung, für den Erhalt und den Betrieb ihres Kirchengebäudes.

Im Raum Trier sind es z.Zt. der engagiert arbeitende Förderverein Kirche Trier-Heiligkreuz e.V. und, ebenso engagiert, der Förderverein Alte Kirche Igel e.V. Die kath. Kirchengemeinde Igel an der Obermosel mit gerade mal 1100 Kirchenmitgliedern z.Bsp. hat für ihre historische Zweitkirche im ersten Jahr 130 Fördermitglieder geworben. Jetzt gibt es Aufmaßpläne der Kirche, Renovierungsprogramme, Arbeitsgruppen für Fundraising, Veranstaltungen in und um die Kirche bis zum Vorschlag eines eigenen Liturgieausschusses. An der Spitze solcher Vereine stehen engagierte Laien - nicht der Pfarrer. Die Vorstände sind Fachfrauen und Fachmänner unterschiedlicher Disziplinen - emotional, engagiert, professionell.

Ich nehme wahr, wie bei der Entscheidungsfindung über den Erhalt einer Kirche meist von statistischen Zahlen ausgegangen wird, von der Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher in Verbindung mit der Zahl der dafür zur Verfügung stehenden Priester. Bei Prof. Gerhards lese ich: ” Ein Priester kann nach Kirchenrecht eine Samstags-Vorabendmesse und 2 Sonntagsmessen feiern. Das bedeutet pro Priester 3 Kirchen, der Rest kann weg.” [3]

Nach dieser Rechnung braucht man bei 100 Priestern noch 300 Kirchen, bei 10 noch 30, und wenn es nur noch einer wäre, dann noch drei. Der

Leser spürt die Denkfehler und spürt auch, dass bei dieser Methode alle anderen gottesdienstnahen Formen und anderer Gebrauch außen vor bleiben.

Auf das heiße Thema von Weihe und geweihtem Priestertum als Voraussetzung für Gemeindeleitung möchte ich in diesem Zusammenhang nicht eingehen. Nur soviel: Die in der vergangenen Woche in Rom zu Ende gegangene Amazonas-Synode hat „Prozesse angestoßen, die nicht mehr umkehrbar sind und auch für Deutschland spürbar sein werden” (Pirmin Spiegel, Misereor-Geschäftsführer). Und „Tradition…”, so erinnert Papst Franziskus zum Synodenabschluss „Tradition heißt Bewahrung der Zukunft und nicht Behüten der Asche.”[4]

Zu 2: Welche Wahrnehmungen machen betroffene Gemeinden, welche Wahrnehmung macht die Gesellschaft, wenn Kirchen profaniert, umgenutzt oder einfach verkauft werden? Überhaupt: Welchen Stellenwert haben besondere Räume wie Kirchen in der Zivilgesellschaft?

Der Verlust einer Kirche durch Fremdeinwirkungen, Krieg, Besatzung, selbst durch untertägigen Bergbau, wie an der Saar, ist nicht nur für die Gläubigen, sondern auch für die ortsnahe Bevölkerung so gravierend, dass sie alles daran setzen, nach Ende der Fremdeinwirkung die Kirche wieder herzurichten oder sogar wieder aufzubauen, wenn sie zerstört war (Paradebeispiel Frauenkirche in Dresden, kein Einzelfall).

In der Stadt Vilnius in Litauen waren etwa 40 von 60 Kirchen von den Sowjets de facto profaniert und zu Werkhallen, Produktionsstätten und Lagerhallen umgewandelt. Seit der dortigen Wende vor ca 30 Jahren sind alle wieder hergerichtet, alle als Kirchenräume wieder erlebbar und alle - oft in kluger Verbindung mit öffentlichen Trägern und Agenturen - als Gottesdiensträume wieder nutzbar. Das trifft übrigens für die Kirchen in den baltischen Staaten generell zu, es sind Hunderte.

Wie soll eine Gemeinde es verkraften, wenn ihr das Dekret des Bischofs zur Entweihung ihrer Kirche verlesen wird? Natürlich gibt es dazu Vorgespräche mit den Verantwortlichen und Hinweise an die Gemeinde. Aber es bleibt für viele Gemeindemitglieder, die oft seit Generationen hier ihre religiöse Heimat hatten, ein schwer zu ertragender, ein schmerzlicher Akt. Der letzte Gottesdienst und die anschließende Prozession, in der man versucht, in einer anderen Kirche des Ortes neue Heimat zu finden, haben etwas vom Beerdigungsritus an sich und geben in die Öffentlichkeit das Signal: Wir geben auf, wir geben unsere Präsenz und Relevanz in der Öffentlichkeit preis, wir verabschieden uns von unserem zeichenhaften Bestand. Ich meine: Das ist in einer symbol- und werbeträchtigen Welt wie der unseren ein leichtfertiger Verzicht. Selbst wenn in Zentren von Großstädten Zuflucht und Nachbarschaft in einer nah gelegenen Kirche möglich wären, sind schon am Stadtrand und noch weniger übers weite Land neue Heimaten kaum zu finden. Auch hier erlaube ich mir, Albert Gerhards zu zitieren: „Faktisch ist es so, wenn eine Kirche aufgegeben wird, kommen viele der alten Kirchgänger nicht mehr in die ‚neue‘ Kirche. …Als aktive Gemeindemitglieder gehen sie mit großer Wahrscheinlichkeit verloren.”

Und die breite Öffentlichkeit. Die Zivilgesellschaft?

Wohin nach „Halle”?

Wohin nach „Nine Eleven”?

Wo entwickelte sich vor 30 Jahren die friedliche Revolution in der DDR?

Wohin will der Asylant noch, der Obdachlose?

Wo geht man hin, wenn die Welt aus den Fugen gerät?

Ins Einkaufscenter, ins Kino, ins Filmstudio?

Nun wird jemand sagen: Das sind alles Ausnahmesituationen. Ja, das stimmt, das sind Ausnahmesituationen. Aber sie zeigen, welches Potential, welche Chancen in den Kirchen stecken - immer und für jeden und in jeder Situation.

Niemand hat das besser beschrieben als Susanne Kippenberger, preisgekrönte Journalistin beim Berliner Tagesspiegel, Autorin: „An Urbanen Paradiesen (Buchtitel über Architektur des Vergnügens) mangelt es heute nicht. Wo aber geht man hin, wenn man schockiert und traurig ist, Trost und Gesellschaft sucht? Auf der Straße ist man schutzlos Kälte und Regen und dem Verkehr ausgesetzt. Ins Museum? Kunst hat etwas Besinnliches, Museen haben etwas Beruhigendes. Aber da kommt nicht jeder hin, nicht einfach so und umsonst, und da geht’s um Kunst, nicht um den Menschen… Die Kirche ist einer der letzten wirklich öffentlichen Räume in der Stadt und auf dem Land… Und die Sehnsucht der Menschen ist offenbar groß nach einem Ort, der das Ganze Leben umfasst, von der Taufe bis zum Tod, wo man sich sammeln und versammeln kann, allein sein kann mit sich und seinen Gedanken und sich dennoch aufgehoben fühlt. Und spürt, da war doch noch was, Generationen vor mir, da ist noch was, was anderes. Man spürt es, am eigenen Leib, auch wenn man nie in den Gottesdienst geht, die christlichen Symbole nicht zu lesen versteht. Dank der Architektur.”[5]

zu 3: „Dank der Architektur.” Nehmen wir Architekten die Kirchenräume als architektonische Qualität und als besondere Aussage von Architektur noch wahr?

„Wer in Berlin zur Gedächtniskirche kommt (Architekt Egon Eiermann) und es kommen eine Million Menschen im Jahr, Gottesdienstbesucher nicht mitgerechnet, dem öffnen sich die Türen vollautomatisch. An 365 Tagen im Jahr, von morgens bis abends. Hat man den Vorraum durchquert, wird man umfangen von einer eigenartigen blauen Atmosphäre, von fast absoluter Stille, von etwas Mystischem, von einem Raum als Gesamtkunstwerk.”[6]

Natürlich steht nicht überall eine Gedächtniskirche à la Berlin oder ein Trierer Dom. Dazu kann ich nur sagen: Die Dorfkirche in Kanzem an der Saar, die Kapelle St Joseph in Franzenheim bei Pellingen - um nur zwei herauszugreifen -, das sind deren Gedächtniskirche, das sind deren Dom. Vielleicht sollten wir Architekten den Theologen wieder zur - oder in die - Seite springen wie in den 70er Jahren, als es vor allem die Architekten waren, die dem Wunsch vieler Geistlicher nach dem kirchlichen Mehrzweckraum widersprachen, - so einer sakralisierten Senioren-Tanz-Gymnastikhalle mit Gottesdienstmöglichkeiten. (Ich weiß, von was ich rede!) Heute sollten wir Architekten uns mit Mut um die Erhaltung der leeren Kirchen-Räume einsetzen und auf die ständige Suche nach noch einer und noch einer Investitionsmöglichkeit verzichten.

Ja, für die Erhaltung der leeren Räume.

Die Leere ist in diesem Fall das Maß der Fülle!

Dafür sind sie gebaut.

Unsere perfekte Welt braucht Leerstellen.

Der Kündungs-Charakter der Kirchen aus Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft, die durch Materialien, Konstruktionen, Konstruktionsmethoden und Licht geprägte Gestalt sind untrennbar und unveränderlich mit den Räumen verbunden. Und wie in einem Akku haben sie sich im Laufe von Jahrhunderten vollgesaugt mit geistiger Energie und Kraft, mit Gebet, Gesang und Stille, mit Transzendenz und Jenseitigem.

„Eine Kirche ist weniger von Funktion als von Bedeutung geprägt” (Josef Rüenauver, Alt-Erzdiözesanbaumeister Köln),

- hier sind Lebensmarken wie Taufe, Hochzeit, Beerdigung seit und für Generationen,

- hier sind die geschützten Räume für jeden Einzelnen in der Spannung zwischen Himmel und Erde,

- hier kann man sich erhaben und geborgen zugleich fühlen,

- hier sind die stadtbildprägenden Orte, durch die ein Dorfbild, ein Ortsteil erkennbar ist,

- Kirchen sind identitätsstiftende Raummarken,

- und das für alle, auch für die, die nicht zum Gottesdienst kommen.

„Auch die Gottlosen”, hat Nietzsche erkannt, „brauchen Räume, in denen sie ihre Gedanken denken können”. Wie ein Visionär schrieb er vor etwa 150 Jahren: „Es bedarf einmal und wahrscheinlich bald der Einsicht, was vor allem unseren großen Städten fehlt: stille und weite, weitgedeckte Orte zum Nachdenken, Orte mit hochräumigen, langen Hallengängen…,wohin kein Geräusch der Wagen und der Ausrufer dringt…, Bauwerke und Anlagen, welche als Ganzes die Erhabenheit des Sich-Besinnens und Bei-Seitegehens ausdrücken… Alles, was die Kirche gebaut hat, drückt diese Gedanken aus.” [7]