Reichspogromnacht: Der Morgen des 10. November 1938 in Trier

Reichspogromnacht: Der Morgen des 10. November 1938 in Trier

9./10. November 1938. Augenzeugen-Berichte und Prozessakten der Strafkammer Trier von 1949 blättern ein dunkles Kapitel Stadtgeschichte auf. Der TV versucht den Tag aufgrund alten Quellenmaterials zu rekonstruieren.

10. November 1938. Ein Donnerstag. 5.30 Uhr. SA-Leute werden von SS-Meldern geweckt: "Es muss eine Protestaktion gegen die Ermordung von vom Rath durchgeführt werden, und dabei sind Fensterscheiben einzuschlagen. Kreisleiter Müller will, dass die Aktion um 6 Uhr beendet sein soll."

Was sich an diesem Tag in Trier weiter abgespielt hat, wurde aktenkundig in einem von insgesamt drei Prozessen der Strafkammer Trier vom 29. November 1949. Anklage: Verbrechen gegen die Menschlichkeit. "Den zehn Angeklagten wird vorgeworfen, aus politischen und rassistischen Gründen Menschen verfolgt und sich öffentlich zusammengerottet zu haben, in Wohnungen eingedrungen zu sein und zum Teil als Rädelsführer, zum Teil als Zerstörer von Sachen, zum Teil als Glieder der Menschenkette bei den Aktionen gegen Juden beteiligt gewesen zu sein."

Aus den Prozessakten lässt sich folgendes Bild rekonstruieren:

"Viele SS-Männer sind bereits im "Goldenen Brunnen" in der Dietrichstraße versammelt. Mehr und mehr gesellen sich dazu. Das Stichwort "Antreten zum Kälbertreiben" macht die Runde. Einige fühlen sich nicht wohl in ihrer Haut, wollen am liebsten wieder gehen. Einer: "Ich wurde zum Mitmachen befohlen, hatte eine gute Stelle und wollte als SA-Mann nicht auffallen". Die von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels befohlene "spontane Aktion der kochenden Volksseele" sollte in Trier wie in allen anderen Städten des Reiches straff und schnell durchgezogen werden. Die Polizei hat Order, nicht einzugreifen.

Junge Männer in Breecheshosen, Stiefeln und Ziviljacken zertrümmern in der Nacht und am frühen Morgen die Scheiben jüdischer Geschäfte, dringen in die Verkaufsräume ein, schlagen alles kurz und klein, plündern Wohnungen, Privathäuser, zerstören in sinnloser Wut alles, was ihnen in den Weg kommt. Nach "Feindmaterial und Waffen" sollen sie suchen.

Am schlimmsten wüten die braunen Horden - darunter eingeschleuste Schlägertrupps der SA und SS - in der Brot- und Neustraße. Allein in der Brotstraße befinden sich 13 Geschäfte jüdischer Inhaber. Triers größtes von den Brüdern Albert und Max Haas geführtes "Kaufhaus Haas" (heute Modehaus Sinn-Leffers) wird völlig demoliert. Augenzeuge Wilhelm Demuth, der sich am Morgen mit dem Fotoapparat auf einen nicht ungefährlichen Streifzug durch Trier wagt, erinnert sich an "Textilien, die überall herum lagen".

Das Innere der Synagoge in der Zuckerbergstraße wird geplündert und zerstört. Angezündet wird das Bet- und Lehrhaus nicht. Menschen, die sich in der Synagoge zum Gebet versammelt hatten, mit anderen aus Trier, insgesamt über 100, werden verhaftet und ins Gefängnis in die Windstraße gebracht.

Augenzeuge Karl Steinborn berichtet: "Der Schulweg führte meinen Freund und mich durch die Metzelstraße an dem an die Synagoge angelehnten Bethaus vorbei, hinter dessen zugezogenen Gardinen wir im Erdgeschoss öfters Juden beim Morgengottesdienst beobachten und hören konnten. Am Morgen des 10. Novembers jedoch waren die Fenster eingeschlagen, Kultgegenstände lagen umher." 23 der 24 Thorarollen wurden verbrannt, nur eine überstand den Krieg, weil sie vom Archivar des Bistums, Alois Thomas, versteckt wurde.

Am nächsten Tag werden die Gewalttaten gegen diejenigen Juden fortgesetzt, die bisher verschont blieben oder übersehen wurden.

Edgar Christoffel schreibt in seinem Buch "Der Weg durch die Nacht" (NCO Verlag Trier, 1983) von Betti Meyer, die man "übersehen" hatte. "Um die Mittagszeit erschienen SA-Männer in Zivil, die wie die Vandalen hausten, Küchenschränke umwarfen, Porzellan zertrümmerten und die Zimmereinrichtung zerschlugen (...) Der Hausherr erklärte den verängstigten Frauen am nächsten Tag, der Führer sei von Gott gesandt, und was geschehe, habe schon einen Sinn. Er, der Hausherr könne deshalb nicht dulden, dass Juden in seinem Hause wohnten. Er müsse kündigen. Betti Meyer und ihre Mutter wurden von Juden in der Balduinstraße aufgenommen. Hier und in verschiedenen anderen Häusern der Stadt wurden sie mit vielen anderen in "Judenhäusern" zusammengepfercht."

(Quellen: Stadtarchiv Trier, Trierischer Volksfreund vom 9./10. 11 1988, Edgar Christoffel: "Der Weg durch die Nacht)

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