Reif für einen Seitensprung

75 Minuten Einblick in den Schattenanteil der Frauenseele: Als was sich zwei verheiratete Frauen entpuppen können, wenn sich ein gemeinsamer Ex ankündigt, haben rund 60 Zuschauer mit "Gefallene Engel - Frauen warten" im Alten Weinhaus in Schweich erlebt. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Programms "Kultur in Schweich" statt.

Schweich. Zwei Barhocker, ein Tisch: Im Hintergrund singen und kichern Jane (Nargis Hofer) und Julia (Nika Wanderer), zwei "entsetzlich glücklich" verheiratete Ehefrauen und langjährige Busenfreundinnen. Für ein paar Tage haben sich ihre Männer zum Golf spielen verabschiedet. Ausgerechnet jetzt trudelt eine Postkarte ein, deren Inhalt im Verlauf des Stücks das Konstrukt ihrer Freundschaft ins Wanken und dann zu Fall bringen wird: Maurice, sowohl Julias als auch Janes feuriger Liebhaber vor der Ehe kündigt seinen Besuch an. Waltraud Heldermann vom Tanztheater am Werk in Koblenz hat eine Szene aus Noël Cowards ironisch-frivoler Komödie "Gefallene Engel" herausgepickt und inszeniert.
Genüsslich werden Schattenanteile offengelegt: Julia etwa dämmt ihr aufgeflammtes Verlangen nach einem Seitensprung schnell mit Sprüchen wie "der zivilisierte Anteil in mir braucht keine Ekstasen" ein, um dann im nächsten Moment wieder lustvoll zu verkünden, dass Maurice ein Teufel zum Niederknien sei. Körpersprache und Mimik unterstreichen dabei Lust und Last.
Das Spiel mit den Widersprüchen zieht sich wie ein roter Faden durchs Stück und lässt die Zuschauer mitbibbern bis zum offenen Ende. Köstlich gelingt es den Darstellerinnen, die dunkle Seite der emanzipierten Frau darzustellen: Sie wartet, gibt dies natürlich nicht zu, weil ihr präsentiertes Bild der vollständigen Eigenständigkeit und der furchtbar glücklichen Ehe bröckeln könnte. Doch jedes Telefonklingeln und jedes Bremsgeräusch von draußen erschüttert die beiden Frauen und scheint den erlösenden Moment einzuläuten.
Umso enttäuschter sind Jane und Julia, wenn nur Verwandtschaft am Ende der anderen Leitung ist und sich die Nachbarin erdreistet hat, sich mit dem Taxi heimchauffieren zu lassen. Die "besten" Freundinnen schütten Champagner in sich rein und mit steigendem Alkoholpegel peitschen sie sich gegenseitig hoch - bis hin zum Sinnieren über den Tod der Ehemänner und zu gewalttätigen Anwandlungen gegenüber der jeweils anderen. Nach 75 Minuten verabschieden sich die beiden brillanten Schauspielerinnen begleitet von tosendem Applaus und hinterlassen mancherlei Gesprächsstoff - nicht nur für Frauen. kat

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