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Rein aus Not, raus aus Überzeugung

 Ilona war eine von ihnen: Rund 230 Prostituierte arbeiten in Trier. Das Bild zeigt ein Werbeplakat in der Franz-Georg-Straße. TV-Fotos(2): David Falkner
Ilona war eine von ihnen: Rund 230 Prostituierte arbeiten in Trier. Das Bild zeigt ein Werbeplakat in der Franz-Georg-Straße. TV-Fotos(2): David Falkner FOTO: (h_st )
Trier. Serie "Raus!" zum Thema Aussteiger: Ilona* aus Ungarn hat vier Jahre lang als Sexarbeiterin in Trier gearbeitet - im Gesundheitsamt fand sie Unterstützung, um den Ausstieg aus dem ungeliebten Job zu schaffen. David Falkner

"Heute ist alles besser", sagt Ilona. "Nix muss. Nix Angst." Die 36-Jährige, die aus Ungarn stammt und eigentlich anders heißt, hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet, zuerst in Saarbrücken und Saarlouis, dann, die längste Zeit, in Trier. Ja, Arbeit. Sexarbeit. So nennt Ilona es. Plastisch, greifbar, so nah, dass der Schweißgeruch förmlich in der Nase sitzt und die Bettlaken sich vor dem inneren Auge ausbreiten.

Die kleine Frau mit der gebräunten Haut und den vielen Tattoos kam vor sechs Jahren nach Deutschland, seit vier Jahren lebt sie in Trier. Sie kam her, um Geld zu verdienen für ihre fünf Kinder und ihren arbeitslosen Mann zu Hause in Ungarn. Sie fand keine Arbeit, dann landete sie in der Prostitution. Sexarbeit, um die Kinder zu ernähren.

"Eigentlich habe ich mir das anders vorgestellt, als ich nach Deutschland kam. Eigentlich wollte ich nicht die ganze Zeit über die Sexarbeit machen." Sie ist eine freundliche Frau, etwas schüchtern zwar, doch ihre Antworten in gebrochenem Deutsch sind entschlossen und bedacht. "Es war nicht gut. Ständige Angst, Angst um die Kinder." Vor einem Jahr hat Ilona mit der Sexarbeit aufgehört. Hat sich von ihrem Mann getrennt. Hat ihre Kinder, das jüngste ist heute sechs, das älteste 16 Jahre alt, zu sich nach Deutschland geholt. Heute sei sie ruhiger und fröhlicher. So sagt Ilona. Die Frage, ob sie wegen der Kinder mit der Sexarbeit aufgehört habe, verneint sie entschlossen. "Nein, das war ich selbst. Nicht die Kinder. Das habe ich für mich selbst gemacht."

Hilfe gesucht und gefunden hat Ilona im Gesundheitsamt in Trier, in der Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen, die seit 2014 existiert. Dort bekam sie Unterstützung von Sozialarbeiterin Tanja Zerfaß, die ihr dabei half, einen anderen Beruf zu finden. "Ich unterstütze bei der Jobsuche und helfe beispielsweise beim Formulieren der Bewerbung", sagt Tanja Zerfaß.

Die "Sozialarbeiterin mit spezifischer Zielgruppe", wie sie selbst sagt, ist 45 Jahre alt und arbeitete bis 2014 zwölf Jahre lang in der Kinder- und Jugendhilfe. Schon nach einer Woche Suche verdiente Ilona ihr Geld als Zimmermädchen in einem Hotel. Seitdem blickt sie nicht mehr zurück.

Angst, den Ausstieg zu wagen, hatte sie nicht. Gemeinsam mit einer Freundin, ebenfalls ehemalige Sexarbeiterin, kam sie zum ersten Mal ins Gesundheitsamt. Inzwischen sind viele weitere Beratungstreffen dazugekommen, manchmal einmal, manchmal zwei- oder dreimal im Monat. "Unsere Arbeit ist akzeptanzorientiert", sagt Tanja Zerfaß. "Wir bekehren nicht."

Von Trier aus betreut sie auf Anfrage die Prostituierten der Stadt und des Landkreises Trier-Saarburg.
Im Landkreis Bitburg-Prüm gibt es derzeit noch kein Beratungsangebot für Prostituierte, ein dementsprechendes Angebot in Wittlich wurde nach Informationen der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich bisher nur in geringem Umfang genutzt.

Rund 230 Prostituierte gebe es in Trier, erzählt Sozialarbeiterin Zerfaß - etwa 70 bis 80 Prozent kämen aus Osteuropa, so wie Ilona. Nur ein kleiner Teil der Sexarbeiterinnen seien Deutsche.

"230 Prostituierte, für eine Stadt dieser Größe ist das nicht ungewöhnlich viel, auch wenn das beispielsweise in der Presse gerne mal behauptet wird." Das Besondere in Trier sei eher die Sichtbarkeit der Prostitution, weil viele der Sexarbeiterinnen in großen Clubs arbeiteten.

"In Koblenz beispielsweise ist das anders, da läuft viel auf der Straße oder in kleinen Wohnwagen. Das sind einfach andere Geschäftsmodelle."

Zerfaß lobt die Zusammenarbeit mit den Trierer Clubs: "Die Clubs schicken die Frauen von sich aus zu uns, wenn man merkt, dass da jemand Hilfe braucht. Die Kooperation ist gut - das entspricht nicht dem Klischee."
Ihren Ausstieg aus der Prostitution hat Ilona nie bereut. Sie hat sogar noch Freunde im Club, in dem sie früher gearbeitet hat. Die besucht sie hin und wieder. Von beiden Seiten gebe es keinen Groll, sagt Ilona. "Heute ist alles gut."
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

David Falkner (27), der Autor dieses Artikels, versucht in Zukunft eher den Begriff Sexarbeit anstelle von Prostitution zu benutzen. Ihm gefällt der Begriff besser, denn dieser verschleiert seiner Ansicht nach nicht, was nicht verschleiert werden sollte.RAUS! GESCHICHTEN VOM AUSSTEIGEN

Ob sie freiwillig gehen oder keine andere Wahl haben: Manche Menschen steigen aus. Sie verlassen andere Menschen oder Situationen. Sie ändern ihre Lebensumstände - mal mehr, mal weniger radikal. In ihrer neuen Serie erzählen die Volontäre des Trierischen Volksfreundes die Geschichten dieser Menschen. Alle Beiträge zum Thema finden Sie online unter www.volksfreund.de/rausDrei Fragen

Wie tickt jemand, der eine Welt verlässt und in eine neue eintritt? Der TV stellt den Aussteigern aus der Serie Raus! drei Fragen:
Was würden Sie machen, wenn Sie 50 Euro auf der Straße finden würden?
Ilona: Ich würde wohl etwas für meine Kinder kaufen. Ich will immer schauen, dass es ihnen gut geht.

Was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag lang König von Deutschland wären?
Ilona: Ich würde schauen, dass es allen Kindern gut geht.

Was soll einmal auf Ihrem Grabstein stehen?
Auf diese Frage hat Ilona keine Antwort. Sie überlegt, zuckt dann ratlos mit den Schultern. Und lächelt.Extra: PROSTITUTION

Anders als beispielsweise in Frankreich, den USA oder vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist Prostitution in Deutschland nicht verboten. Wie viele Prostituierte in Deutschland arbeiten, ist nicht belegt - geschätzt gibt es zwischen 200 000 und 400 000 Sexarbeiter. Anfang Juli wurde im Bundestag das Prostituiertenschutzgesetz beschlossen. Damit soll das Gewerbe strenger reguliert und Sexarbeiter besser geschützt werden. Es besagt, dass Prostituierte sich bei der zuständigen Behörde anmelden müssen und Gesundheits-checks und Beratung erhalten. Außerdem gilt mit dem neuen Gesetz Kondompflicht, Werbung wird verboten. In Rheinland-Pfalz gibt es eine große Beratungsstelle für Prostituierte in Koblenz, betreut von Pro Familia. In Ludwigshafen soll es ab dem Spätsommer eine zweite geben.

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 Infobroschüren zu verschiedenen Geschlechtskrankheiten im Büro von Sozialarbeiterin Tanja Zerfaß. Bei Im Gesundheitsamt erhalten Prostituierte Gesundheitschecks und Beratung.
Infobroschüren zu verschiedenen Geschlechtskrankheiten im Büro von Sozialarbeiterin Tanja Zerfaß. Bei Im Gesundheitsamt erhalten Prostituierte Gesundheitschecks und Beratung. FOTO: (h_st )