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Reinhard Marx in seiner Trierer Zeit: Ein Porträt von unserem Redakteur Dieter Lintz

Reinhard Marx in seiner Trierer Zeit: Ein Porträt von unserem Redakteur Dieter Lintz

2005 besuchte Volksfreund-Redakteur Dieter Lintz den damaligen Bischof von Trier. Die beiden sprachen über die Wohnungseinrichtung im Bischofs, Kunst - und die Frage, ob ein Bischof einer schönen Frau auf der Straße hinterherschauen darf.

Heimelig würde man dieses Domizil nicht unbedingt nennen. Lange, schmale Flure, ein Esszimmer in Saal-Größe, Arbeitsräume, ein spartanisch eingerichtetes Schlafzimmer, in dem einzig der komfortable Fernsehsessel einen Hauch von Gemütlichkeit ausstrahlt. Der Bischof lebt in einer Dienstwohnung, das ist unübersehbar.

Aber er wirkt nicht, als würde ihn das stören. Wer hat schon eine Dienstwohnung mit eigener Kapelle? Einer Kapelle zumal, die außergewöhnlich viel Atmosphäre ausstrahlt, vielleicht wegen des direkten Kammerfenster-Blicks in die Liebfrauenkirche, vielleicht aber auch wegen der Glasmalerei, die das Licht aus dem großzügigen Innenhof der Dom-Immunität auf faszinierend-moderne Weise bricht.

Das abstrakte Kunstwerk hat Reinhard Marx persönlich bei dem jungen Maler Tobias Kammerer bestellt. Vielleicht gerade deshalb, weil bei seinen vielen dienstlichen Umzügen so wenige persönliche Accessoires übrig geblieben sind. Die Möbel, die Teppiche, das Ambiente in dem Haus mit der mächtigen, doppelflügeligen Treppe gegenüber der Dom-Information: Alles wirkt austauschbar. Aber nicht diese Kapelle. Man kann sich ausmalen, wie er hier Kraft sammelt, beim Beten, Meditieren, aber auch bei den Gesprächen mit seinen Hausgenossen, dem Bischofskaplan und den beiden Ordensschwestern, die den Haushalt führen.

Manchmal läuft hier offenkundig Musik, neben einem CD-Spieler hat jemand Bachs "Wohltemperiertes Klavier" und Gesänge mit dem Countertenor Gerard Lesne in lockerer Anordnung deponiert. Auch ansonsten verfügt der Bischof über ein probates Mittel, sich seinen Wohnbereich persönlich anzueignen. "Behaglichkeit durch Unordnung" lautet die unausgesprochene Devise, die sich vorrangig an Schreibtischen und Nachtschränkchen manifestiert. Der Arbeitsplatz, der eigentlich der Vorbereitung von Predigten dienen soll, birst unter der Last bunt angeordneter Bücher, Manuskripte, Ordner und Mappen. Verfügte die mitten im Gewühl platzierte Skulptur des Eligius von Ascoli nicht über eine hohe Mitra, der Heilige würde im Schreibtisch-Chaos glatt untergehen. Nicht zu reden von dem einsturzbedrohten Bücherberg auf dem Nachttisch, der dem deutschen Durchschnitts-Leser Vorräte für ein ganzes Lebensjahrzehnt böte. Vielleicht gehört der Bischof zu jenen Leuten, die man in der modernen Führungskräfte-Typologie als "kreative Chaoten" einstuft.

Mag aber auch sein, dass er das schützende Durcheinander braucht, um des Lampenfiebers Herr zu werden. Bei Predigten und Ansprachen sei er auch heute noch "vorher immer aufgeregt und nachher selten zufrieden", sagt Reinhard Marx. Man weiß nicht, ob man solcherlei Bekenntnisse angesichts seiner rhetorisch stets brillanten Reden als Bescheidenheit oder als Koketterie einordnen soll. Der Mensch Marx ist wie seine Wohnung eine eigenwillige Mischung aus Lockerheit und Förmlichkeit. Er sitzt zu Tisch an einer sechs Meter langen Tafel, die auch als Requisite für eine Aufführung von "Dinner for one" dienen könnte. Samt Tischklingel, die der Bischof mit sichtlichem Genuss bedient, schon am frühen Morgen stets mit der korrekten Soutane bekleidet. Noblesse oblige, auch bei einem Diener im gehobenen Management einer höheren Macht.

"Per Du" ist er in Trier nur mit seinen Weihbischöfen, ansonsten hält der Chef des Großunternehmens mit dem Namen "Bistum Trier" auf Distanz. Man hat keine Mühe, sich ihn als gestrengen Vorgesetzten vorzustellen, auch wenn er sagt, man dürfe ihm "durchaus widersprechen". Wer traut sich schon alles, was er darf. Aber gleichzeitig strahlt der Bischof neben der Würde - und der Macht - des Amtes eine Art Leutseligkeit aus, die seine Gesprächspartner ermutigt, über den Austausch höflicher Nettigkeiten hinauszugehen. Mit dem Mann kann man reden, jedenfalls, so lange man nicht an Kernelemente seines Glaubens tastet. Wenn es ins Grundsätzliche geht, wird er zum Dogmatiker, nicht aus abstraktem Gehorsam gegenüber der Amtskirche, sondern gespeist aus einer tiefen, bestimmte Dinge nicht in Frage stellenden Frömmigkeit.

Das kann weniger glaubensfeste Zeitgenossen schon irritieren, wenn ein Mensch, der von sich behauptet, er sei "eher ein rationaler Typ", keinerlei Zweifel an seiner ehrlichen Überzeugung lässt, dass nicht die Kardinäle, sondern der Heilige Geist den neuen Papst bestimmt habe. Christen, die kirchenamtliche Lehrsätze als eher symbolisches Beiwerk interpretieren, werden mit Reinhard Marx wenig Freude haben. Da ist vom anfänglichen Image des Liberalen, das er ohnehin immer lächelnd zurückwies, nicht viel übrig. Was aber keineswegs heißt, dass man mit dem 51-Jährigen nicht offen reden könnte. Im Gegenteil. Die Zweifel des Reporters, was man einen Kirchenmann denn so alles fragen darf, zerstieben in der Lockerheit des Gesprächs. Wie viel Karriereplanung dazu gehöre, Bischof zu werden? Er habe "nie einen festen Lebensplan gehabt", betont Marx. Um dann aber einzuräumen, dass es "ganz ohne Ehrgeiz nicht geht".

Ob er nicht manchmal eine eigene Familie vermisst? Da dauert die Antwort etwas länger und fällt nachdenklich aus. Doch, wenn er im Urlaub manchmal Väter mit ihren Kindern auf dem Arm sehe - "das ist auch schön", sagt der Bischof leise. Und erzählt ein bisschen aus Jugendtagen, als er Schulsprecher war und mit der Clique über Land zog. Ob es auch hätte ganz anders kommen können? Nein, da ist er sicher: Der Wunsch Richtung Priesteramt sei schon früh da gewesen. Und mit seiner "Wohngemeinschaft" in der Liebfrauenstraße habe er doch eine Art Familie "geschenkt bekommen". Wie zur Bestätigung kommt Schwester Christine und bietet ein Vanille-Eis zum gerade servierten Apfel-Strudel an. Als Weihbischof in Paderborn war Reinhard Marx noch Selbstversorger, hier wird er umhegt.

Das eigenhändige Einkaufen auf dem Markt vermisse er manchmal, beteuert der Hausherr. Aber er gibt sich nicht die Mühe, den Eindruck zu erwecken, er dränge sich nach der Hausarbeit. Er wäre auch kaum in der Lage gewesen, dem heutigen Papst vor eineinhalb Jahren am gleichen Tisch einen ähnlich gelungenen bayerischen Weißwurst-Abend zu bereiten wie seine beiden Damen vom Fach. Bei der Auswahl von Tischdecken und Dekorationsstoffen wirke der Bischof allerdings gerne mit, verrät Schwester Christine. "Einen Sinn fürs Schöne hat Exzellenz halt", lacht sie.

Und liefert damit dem Reporter die Vorlage für eine waghalsige Frage. Ob denn ein Bischof schon mal einer schönen Frau auf der Straße hinterher sehen dürfe? Der Medienprofi Marx hat keine Angst vor Glatteis. Er dürfe sich auch an solcherlei Schönheit erfreuen, sagt er gelassen, "so lange es nicht besitzergreifend ist". Da amüsiert er sich, ebenso wie beim Wunsch des Fotografen, ihn doch mal in ungewohnter Pose zu zeigen. Bereitwillig steigt er auf das Fahrrad, obwohl... na ja, ganz ehrlich sei das nicht, ansonsten nütze er den Drahtesel nämlich eher selten. Aber, so sagt der Bischof, "there's no business like showbusiness". So viel Weltlichkeit ist dann doch geradezu beruhigend.