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Repicturing Homelessnes in Trier: Obdachlose werden Stars für einen Tag

Fotoshooting : Obdachlose werden Stars für einen Tag

Ein sehr ungewöhnliches Projekt der Caritas verwandelt Menschen am Rand der Gesellschaft in Manager, Musiker oder Weltenbummler. Die Wirkung ist enorm.

Die Bilder scheinen zwei Menschen zu zeigen, die in völlig unterschiedlichen Welten leben. Doch es ist jeweils derselbe Mensch, und eine der beiden gezeigten Welten ist nicht real. Für das Projekt „Repicturing Homeless“ hat der Caritasverband Trier wohnungslose Menschen eingeladen, sich zuerst in ihrem normalen Alltag und dann als Models  ablichten zu lassen – völlig neu geschminkt, frisiert und eingekleidet. Die Obdachlosen verwandeln sich auf diese Weise in Künstler im Atelier, Chefs am Schreibtisch, Modedesigner oder elegante Genießer an der Bar.

„Obdachlose Menschen leben meist am Rande der Gesellschaft“, sagt Caritas-Marketingleiterin Nina Petry. „Sie erfahren abfällige Blicke, werden verurteilt oder gar als minderwertig angesehen.“ Die Kampagne, die vom Caritasverband Trier umgesetzt wurde, habe es sich zum Ziel gesetzt, diese Wahrnehmung zu hinterfragen und Obdachlose mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.

Die Bilder der Obdachlosen sind sogenannte „Stockbilder“. Der Begriff stammt vom englischen „in stock“, das bedeutet „auf Vorrat“. Sie werden von Unternehmen und Agenturen beispielsweise für Kommunikations- und Werbeaktionen genutzt. „Für diese Aktion wurden Trierer Obdachlose für Motive aus den gefragtesten Stock-Image-Kategorien abgelichtet, so etwa als Manager oder als Modeladenbesitzerin“, sagt Petry.

Die Aktion hat auch einen finanziellen Hintergrund: Die Nutzungsrechte der Fotos können bei der internationalen Bildagentur Getty Images erworben werden. Der Erlös aus dem Bildervertrieb fließt zur Wohnungslosenhilfe des Caritasverbands Trier.

Guillermo Reyes wird zum erwartungsvoll in die Ferne blickenden Weltreisenden. Nur der Himmel ist seine Grenze. Foto: Trierischer Volksfreund/Edouard Olszewski

Das Projekt kam zustande, als der in Trier und Luxemburg bekannte Fotograf Edouard Olszewski das Bedürfnis verspürte, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Parallel war Nina Petry auf das Projekt „Repicturing Homeless“ von Havas Düsseldorf, Getty Images und dem Düsseldorfer Obdachlosenmagazin fifty-fifty im Internet gestoßen und organisierte eine solche Kampagne auch  in Trier.

Um die Obdachlosen in Models zu verwandeln, brauchte die Caritas weitere Unterstützer. Das Modehaus Marx stellte Outfits und Ankleider zur Verfügung. Geschminkt wurden die Obdachlosen von Michelle Weyand vom „Glowreich“ Make-up & Hair Studio. Jeannette Schirmer, Geschäftsführerin des Trierer Salons „Kopfsalat“, kam mit ihrem gesamten Team, um die Models zu frisieren. Die Brillen von Optik „Glasklar“ machten die Verwandlung komplett.

Der Professor und seine Schüler: Hartmut Bauer posiert als Gelehrter und Meister seines Fachs. Foto: Trierischer Volksfreund/Edouard Olszewski

Die Fotos entstanden im Trierer Park Plaza Hotel am Nikolaus-Koch-Platz. Der Opernsänger und freie Künstler Bonko Karadjov drehte dazu einen Film hinter den Kulissen, der in der Online-Variante dieses Artikels auch zu sehen ist (siehe Hinweis am Textende).

„Wir wollen den Blick auf wohnungslose Menschen korrigieren“, sagt Caritas-Direktor Bernd Kettern. „Sie sind Menschen wie du und ich, und Wohnungslosigkeit kann jeden von uns treffen.“

Am Tag des Fotoshootings wurden die Obdachlosen mit anderen Augen gesehen. „Für viele ging damit bereits ein Wunsch in Erfüllung“, sagt Nina Petry. „Schon lange haben sich die Teilnehmer nicht mehr so wertgeschätzt gefühlt.“

Wie haben die Obdachlosen das Projekt erlebt? Marco Schmidt schildert, wie er mit der Aktion in Kontakt kam. „Ich war Gast im Trierer Benedikt-Labre-Haus des Caritasverbandes, als ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, bei dem Projekt mitzumachen. Heute bin ich sehr froh, dass ich zugesagt habe, denn es hat super viel Spaß gemacht.“

Marco Schmidts Leben hat sich seit dem Shooting deutlich verändert. „Mittlerweile habe ich meine eigene Wohnung und einen Arbeitsplatz. Das Projekt hat mir Mut und Ansporn gegeben und dazu geführt, dass ich so schnell die Chance bekam, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.“