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Rettung für den maroden Turm

Rettung für den maroden Turm

Seit Ende 2012 schweigt das Geläut von St. Gangolf. Um es wieder zum Klingen zu bringen, muss der Turm der Marktkirche statisch saniert werden. Schon in den nächsten Wochen wird er hinter einem gewaltigen Baugerüst verschwinden. Das mindestens 600 000 Euro kostende Sanierungsprojekt soll möglichst im Sommer 2015 abgeschlossen sein.

Trier. Man hätte es für ein Wunder halten können, doch es war eher das Gegenteil: Es geschah eines Herbst-Tages 2012, als um 12 Uhr die Pendelleuchter in der Gangolfkirche zu schwingen begannen. Vor den Augen des Küsters, der das Schauspiel eher zufällig beobachtete und gleich Pastor Hans-Wilhelm Ehlen davon berichtete. Der mochte in diesem Fall ebenfalls nicht an ein Wunder glauben. Sein "ungutes Gefühl" sah der Geistliche von Ergebnissen einer Expertenuntersuchung bestätigt: Wenn die fünf Gangolfer Glocken läuten, wackelt der Kirchturm - und zwar so beträchtlich, dass selbst die vom Kirchenschiff-Gewölbe herabhängenden Leuchter noch reagieren. Um zwei bis drei Zentimeter habe sich der Turm bewegt, sagt Bistumsarchitekt Josef Eltges (48). Ein beängstigender Wert, zumal die Glocken nur indirekt auf das Gemäuer wirken. Sie hängen gewissermaßen in einem "Turm im Turm", einer aus den frühen 1930er Jahre stammenden, frei stehenden Stahlkonstruktion.
Sie ist das eigentliche Problem. Eltges: "Viele ihrer Knotenpunkte sind schwer beschädigt. Regelrecht auseinandergerissen" Wenn das fünfstimmige Geläut in Aktion ist, kommt es zudem zu Resonanzüberlagerungen, die den Kirchturm zum Schwingen bringen und seiner Statik zusetzen.
Um weiteren Schäden vorzubeugen, hat das Gangolfer Geläut seit Ende 2012 Sendepause. Die Glocken Maria (2,8 Tonnen schwer), Josef (1,2), Barbara (0,6) und die Lumpenglocke (2,6) schweigen. Aktiv sind lediglich noch die Paulinusglocke (0,8), die zu den beiden täglichen Messen ruft, und die aus dem Mittelalter stammende einstige Feuerglocke Zündel, die während des Gottesdienstes zur Wandlung erklingt.
Geläut schweigt seit 2012


Knapp zwei Jahre nach dem Bekanntwerden der Schäden geht es nun an die Sanierung. Der Stahlturm im Turm soll abgerissen und durch einen klassischen Glockenstuhl aus Holz ersetzt werden. Die Glocken müssen derweil in ein Zwischenlager.
Glück im Unglück: Wenn schon einmal Bauarbeiten anstehen, dann lässt sich gleichzeitig eine andere Malaise des mittelalterlichen Kirchturms beheben. Wasserschäden haben im Lauf der Jahrzehnte dazu geführt, dass Auflager- und Traghölzer regelrecht weggefault sind. Sämtliche Versuche, etwa durch Unterklotzungen einem Wegkippen des mittlerweile 77 Zentimeter in Richtung Südwesten aus dem Lot geratenen Turmhelms entgegenzuwirken, hatten laut Architekt Eltges "mäßigen bis gar keinen Erfolg". Nun soll ein stabiler Unterbau her, der aber lediglich dazu dient, den Turmhelm in seiner jetzigen Position zu halten.
Turmhelm bleibt in Schieflage


Ihn wieder aufzurichten, wäre zu aufwendig und teuer. Das "vorhandene Kippmoment" erachten Experten als statisch zulässig. Doch auch so kommen hohe Sanierungskosten zusammen. Schätzungen belaufen sich - einschließlich kleinerer Steinreparaturen und einer Auffrischung des Außenanstrichs - auf rund 600 000 Euro.
Das Bistum zahlt etwas mehr als die Hälfte. Den Rest muss die Kirchengemeinde aufbringen.
Obwohl sich der Großteil der Arbeiten im Inneren abspielt, haben sie eine beträchtliche Außenwirkung. In den kommenden Wochen soll der 62 Meter hohe Kirchturm komplett eingerüstet werden. Das erinnert an die laufende Turmsanierung von St. Paulin, ist aber weitaus komplizierter. Im Gegensatz zur frei stehenden Basilika in der Nordstadt ist die Kirche am Hauptmarkt von Wohn- und Geschäftshäusern umgeben. Deshalb wurden in den vergangenen Wochen aufwendige Statikuntersuchungen vorgenommen, um die geeigneten Standpunkte für das Gangolf-Gerüst zu ermitteln. Teilweise liegen sie auf privatem Gelände.
Pastor Ehlen hat 20 Grundstückseigentürmer in der Nachbarschaft per Post vorinformiert über das voraussichtlich neunmonatige Großprojekt. Das hat es sowohl inhaltlich als auch optisch in sich. Die Postkartenidylle am Hauptmarkt wird bis zum kommenden Sommer stark beeinträchtigt sein, also auch in der Zeit des Weihnachtsmarkts (24. November bis 22. Dezember). Den Arbeitsbeginn auf das Frühjahr zu verschieben, macht laut Ehlen "keinen Sinn. Es wird nichts besser, wenn wir länger warten - im Gegenteil. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, also sollten wir auch schnellstmöglich loslegen."
Zudem empfindet der 71-Jährige "das fehlende Gangolfer Glockengeläut, das zu den schönsten in Trier gehört und wunderbar auf das des Doms abgestimmt ist, als einen großen Mangel. Viele Menschen freuen sich mit mir darauf, es wieder regelmäßig zu hören." rm