Richter werden zu Konfliktmanagern

Richter werden zu Konfliktmanagern

Konflikte einvernehmlich beilegen: Dabei helfen speziell ausgebildete Mediatoren an Land- und Amtsgerichten in der Region. Jörg Theis, neuer Direktor des Amtsgerichts Trier, erklärt im Gespräch mit dem TV, wie das funktioniert und was er sich sonst noch vorgenommen hat.

Trier. Jörg Theis (60) ist seit 1. März neuer Direktor des Amtsgerichts Trier (der TV berichtete, siehe Extra und Zur Person). Ein solcher hausinterner Aufstieg vom stellvertretenden Direktor zum Leiter ist bei Behörden unüblich - meist setzt der Karrieresprung einen Standortwechsel voraus.

Die Bewerbung: "Ich habe mich auf die Ausschreibung der Leitung unter anderem deshalb beworben, weil ich meine Leute hier mag und mir die Arbeit mit ihnen Freude macht. Eines meiner Ziele ist, dass die Mitarbeiter gerne zur Arbeit kommen."

Die Aufgabe: "Meine Vorgänger haben das Amtsgericht gut aufgestellt. Es geht nicht darum, etwas umzukrempeln, sondern die Hausaufgaben zu erledigen: zum Beispiel Mitarbeiter nach ihren Fähigkeiten und Talenten einsetzen. Ein knappes Drittel meiner Arbeitszeit ist für die eigene Tätigkeit als Richter in Insolvenzsachen vorgesehen. Es wird hier jedenfalls nicht langweilig."

Die Mediation: Streitparteien, die einen Konflikt gütlich beilegen wollen, können auch nach Klageerhebung noch den Weg einer gerichtsinternen Mediation wählen. Am Landgericht Trier sowie an den Amtsgerichten Trier und Saarburg gibt es dafür ausgebildete Güterichter, die auch für den Amtsgerichtsbezirk Hermeskeil tätig werden. Jörg Theis gehört selbst dazu. Im Konzept heißt es: "Der Güterichter unterstützt die Beteiligten durch eine besondere Form der Gesprächsführung bei der Erarbeitung einer einvernehmlichen Konfliktlösung, die sich an den Bedürfnissen und Interessen beider Parteien orientiert." Dieser bindende Vergleich wird protokolliert. Rechtsanwälte können auf Wunsch beratend teilnehmen.

Die Vorteile: Im Idealfall erarbeiten sich die Beteiligten unter neutraler Vermittlung selbst eine tragfähige Lösung. Lange Verfahrensdauer und hohe Kosten werden vermieden. Für die Mediation entstehen keine zusätzlichen Kosten oder Anwaltsgebühren. Sie kann jederzeit beendet und das streitige Verfahren fortgesetzt werden. Theis: "Die Mediation ist eine gute Form der Konfliktlösung. Die Erfahrung zeigt, dass die Leute hinter den Lösungen stehen und dadurch zufriedener sind."

Der Trend: Die Mediation liegt als weitere Option voll im Trend zum modernen Konfliktmanagement. Schon lange bewährt haben sich ehrenamtliche Schiedspersonen, die Streitfälle außergerichtlich schlichten. "Diese Leute sind vor Ort, kennen die Gegebenheiten und sind absolut hilfreich", lobt Theis.
Der Arbeitskreis Trennung und Scheidung der Stadt Trier hat 2010 die "Trierer Praxis in Sorge- und Umgangsverfahren" entwickelt. Kerngedanke: Das Wohl des Kindes steht im Mittelpunkt. Die Eltern tragen gemeinsam Verantwortung und werden durch die beteiligten Berufsgruppen wie Familienrichter, Anwälte und Vertreter von Jugendämtern in ihrer Kooperation unterstützt. Jörg Theis: "Wir wollen Emotionen frühzeitig herausnehmen und Eskalationen vermeiden. Es wird immer Fälle geben, in denen Richter eine Entscheidung fällen müssen. Aber es gibt heute mehr Möglichkeiten."
Weitere Informationen zur gerichtsinternen Mediation und zur Trierer Praxis gibt es im Internet unter folgenden Kurzlinks:
http://bit.ly/16llQRX und http://bit.ly/16lm6QZ
Meinung

Gegen Rosenkrieg und Gartenstreit
Viele Scheidungen sind mit dem typischen Rosenkrieg verbunden: Es kommt zum Dauerkonflikt über Schuldfrage, Unterhalt, Immobilien und mehr. Sind Kinder betroffen, leiden sie darunter und drohen traumatisiert zu werden. Auch klassische Nachbarschaftsstreite über Gartengrenzen hinweg können die Beteiligten jahrelang belasten. Gerichtsverfahren bergen die Gefahr weiterer Eskalation: Beide Seiten fahren mit ihren Anwälten alles auf, was Erfolg verspricht. Selbst rechtskräftige Urteile führen oft nicht zu dauerhaftem Frieden. Deshalb bedeuten Güterichterverfahren ein wertvolles Zusatzangebot, um Streitparteien auf Augenhöhe an einen Tisch zu bringen und unter neutraler, fachlicher Anleitung über ihre Konflikte sprechen zu lassen. Es ist nur konsequent, schon länger existierende außergerichtliche Angebote zur Mediation auf diese Weise zu ergänzen. Natürlich stellt Mediation kein Allheilmittel dar, das jeden Konflikt befrieden kann. Aber sie kann dazu beitragen, nachhaltige Lösungen zu finden, mit denen beide Seiten leben können. Und das wiederum entlastet langfristig die Gerichte. m.hormes@volksfreund.deExtra

Jörg Theis wurde in Bernkastel-Kues geboren und machte dort Abitur. Nach dem Jurastudium in Bonn absolvierte er ab 1979 sein Referendariat und wurde 1981 Richter auf Probe. "Ich war im Landgerichtsbezirk Trier fast überall unterwegs, habe Erfahrung gesammelt und die Leute vor Ort kennengelernt", erinnert sich Theis. Seit 1998 fungierte er als stellvertretender Direktor am Amtsgericht Trier und übernahm zum 1. März 2013 den Direktorposten von Jutta Terner, die in Ruhestand ging. Der 60-Jährige lebt in Trier, ist verheiratet und hat drei Kinder: "Ich habe auch viel Freude an meinen Enkelkindern Nils, Nele und Lotta. Ein guter Ausgleich für mich ist das Laufen. Bislang hat es noch in jedem Jahr für einen Marathon gereicht, obwohl Teile des Körpers behaupten, die Zeit dafür sei vorbei." cusExtra

Jörg Theis. Tv-Foto: Friedemann Vetter.

Mitarbeiter: Im Amtsgericht Trier (Justizstraße) sind derzeit 107 Menschen tätig, davon 22 Richter und 20 Rechtspfleger. Zahlen zum Jahr 2012:Zivilsachen: 2323 Zivilverfahren (unter anderem Verkehrsunfälle, Nachbarschaftssachen). Strafsachen: 1314 Strafbefehle gegen Erwachsene, 1136 Anklagen in Strafsachen gegen Erwachsene; 459 Strafverfahren vor dem Jugendrichter, 252 Strafverfahren vor dem Jugendschöffengericht. Familiensachen: 410 Ehesachen (Scheidungen), 821 Sorge- und Umgangsverfahren, 291 Unterhaltsverfahren, 463 Güterechtsverfahren und sonstige Familiensachen. Betreuungssachen: 2134 anhängige Betreuungsfälle, 105 freiheitsentziehende Unterbringungen. Insolvenzverfahren: 353 Verbraucherinsolvenzverfahren, 219 Regelinsolvenzverfahren. cus

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