Ritterlicher Herrscher auf feurigem Ross

Ritterlicher Herrscher auf feurigem Ross

TRIER. Samstag, 2. September 1893: Trier in freudigem Ausnahmezustand. Erstmals besuchen Kaiser Wilhelm II. und seine Frau Auguste Viktoria die Stadt.

Oberbürgermeister Karl de Nys (Amtszeit 1862-1904) lässt in Bekanntmachungen und Aufrufen in den Zeitungen keinen Zweifel daran, was er von den Trierer Bürgern erwartet, wenn der hohe Besuch sich die Ehre gibt. "Als selbstverständlich ist wohl anzunehmen, dass in allen Stadtteilen geflaggt wird, denn es ziemt sich, dass bei dieser Gelegenheit die ganze Stadt im Festschmuck erscheine", teilt das Stadtoberhaupt mit. Zweifacher Empfang an der Römerbrücke

Die Einwohner der Simeonstraße werden aufgefordert, "den Spalier bildenden Kindern Erfrischungen zu verabfolgen, damit es den Kleinen bei dem langen Warten nicht übel wird". Auch die Geschäftsleute bereiten sich auf den großen Tag vor, bieten Fahnen, Flaggen, Wappenschilder und Transparente an. Das Baugeschäft Josef Mendgen offeriert "Eintrittskarten zur Zuschauertribüne" der "Kaiser-Parade bei Trier". Diese Parade ist der Anlass für den Besuch aus Berlin. Auf dem Exerzierplatz auf der Eurener Flur defiliert das 8. Armeekorps vor den Augen "von allerhöchsten und hohen Personen", wie die Trierische Zeitung notiert. Neben Kaiser Wilhelm II. und seiner Gattin Auguste Viktoria wohnen der Kronprinz von Italien, Prinz Leopold von Bayern, Generalfeldmarschall Prinz Albrecht und zahlreiche weitere Blaublüter sowie regionale Prominenz dem Aufmarsch von "Tausenden von Kriegern" bei. Anschließend schlägt die große Stunde für das städtische Empfangskomitee, das nebst einer "zahllosen Volksmenge" nahe der Römerbrücke an der Gaststätte "Reiters Garten" (Luxemburger Straße 1; hier steht heute eine Sparkassen-Filiale) auf das Kaiserpaar wartet. Um 12.15 Uhr erscheint unter "brausenden Hochrufen" im Vierspänner zuerst Auguste Viktoria, von OB de Nys als "allerdurchlauchtigste großmächtigste Kaiserin" begrüßt. Die fährt bald weiter zur Besichtigung von Dom und Liebfrauenkirche. Eine Stunde später trifft "die ritterliche Gestalt des Herrschers auf feurigem Ross" ein. De Nys reicht Wilhelm II. einen Pokal Scharzhofberger-Wein als Begrüßungstrunk. Anschließend begibt sich der Tross über die Römerbrücke durch die geschmückten und von jubelnden Menschenmengen gesäumten Brücken- und Fleischstraße und Sim zum Bahnhof; von dort reist das Kaiserpaar per Sonderzug nach Koblenz. Es dauerte 20 Jahre, bis Wilhelm II. der Stadt seinen zweiten - und letzten - Besuch abstattet. Am 14. Oktober 1913 weiht der letzte deutsche Kaiser die nach ihm benannte zweite Trierer Moselbrücke ein. Das abgebildete 1893-er Original-Foto von J. N. Gary veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Trier, Weberbach.