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Römer-Welterbe "Igeler Säule": Was Besucher auf dem Grabdenkmal sehen können - und was es bedeutet

Römische Denkmäler in der Region : Igeler Säule: Was Besucher des berühmten Grabdenkmals an der Mosel entdecken können

Stolze 23 Meter hoch und fast 1800 Jahre alt: Die Igeler Säule ist eines der besterhaltenen Grabdenkmäler der Römerzeit und sollte weithin sichtbar vom Wohlstand seiner Erbauer künden. Und ein mittelalterlicher Irrglauben könnte ein Grund sein, warum wir das Bauwerk im Moselort Igel bis heute bestaunen können.

Es war die Tuchhändlerfamilie der Secundinier, die sich hier an der römischen Heerstraße zwischen Trier und Reims ein Denkmal setzte. Die Bildreliefs zeigen Szenen aus dem Leben der Familie oder der Mythologie.

Trotz ihrer Höhe und der Bedeutung als größtes vor Ort erhaltenen Pfeilergrab nördlich der Alpen sieht man die Säule aus hellem Sandstein heutzutage erst, wenn man unmittelbar davor steht und den Kopf weit in den Nacken legt. Denn das Denkmal am Fuß eines Hangs ist an zwei Seiten umbaut und nur wenige Meter neben der Bundesstraße gelegen. Seit 1986 zählt die Igeler Säule zum Unesco-Weltkulturerbe Trier.

Igeler Säule. Reliefs zeigen Alltagsszenen einer Tuchhändlerfamilie

Das riesige Pfeilergrab aus Sandstein zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass es noch genau an der Stelle ihrer Errichtung steht, sondern auch sehr gut erhalten ist. Die Säule ist in vier Gesimse unterteilt, die Szenen des Arbeitsalltages der wohlhabenden Tuchhändlerfamilie oder auf Leben und Tod anspielende mythologische Szenen darstellen. Mehrere Reliefs zeigen den Tuchhandel, etwa wie sich Personen Stoffbahnen anschauen, derweil auf dem Tisch ein Haufen Münzen für den Handel bereitliegt. Andere Szenen zeigen den Transport der Stoffe. Wie die Porta Nigra in Trier wurde die Igeler Säule durch in Blei gegossene Eisenkrampen zusammengehalten, die später von Metallräubern erbeutet wurden.

Auf der Vorderseite posieren die mutmaßlichen Erbauer, die Brüder Secundinius Aventinus und Secundinius Securus, mit dessen Sohn, dahinter in Stein gemeißelt die Ahnengalerie mit Bildern der verstorbenen Angehörigen in ovalen Rahmen. Ein weiteres Relief zeigt Sklaven, die in der Küche arbeiten und den Wohlstand der Hausherren unterstreichen.

Igeler Säule war kein Denkmal der heiligen Helena

Dass die Igeler Säule überhaupt noch steht, verdankt sie dem mittelalterlichen Irrglauben, es handele sich um ein Denkmal der heiligen Helena, der Mutter des Kaisers Konstantin des Großen. Zu dieser Auffassung trug vor allem die Darstellung einer Vermählung der Eltern des Kaisers Konstantin bei, die sinnbildlich für eine Vermählung innerhalb der Tuchhändlerfamilie stand.

Die Igeler Säule ist ein Unikat. Doch weiß man heute, dass das Monument in einer Reihe zahlreicher antiker Grabmäler stand, die bei archäologischen Grabungen entdeckt wurden. Karl-Uwe Mahler, Experte vom Zentrum der Antike in Trier, erklärte jüngst in der örtlichen Zeitschrift „Säulenpost“ des Heimat- und Kulturvereins Agulia, man könne anhand der entdeckten Funde von einer Gräberstraße sprechen. „Mit weiteren Denkmälern ist zu rechnen.“

Von dem stolzen Adler, der auch bei den Römern schon ein oft verwendetes Wappen- oder Siegeltier war, fehlt zwar gut die Hälfte, doch seine breiten Schwingen sind auf der Spitze noch gut erkennbar. Dem Adler (lateinisch Agulia, englisch eagle) soll der Ort auch seinen Namen verdanken – so jedenfalls eine weit verbreitete Ansicht. Die stark verwitterte Bekrönung der Säule zeigt die Erhebung der Sagen-Figur Ganymed in den Himmel durch Jupiters Adler – Sinnbild der Hoffnung sterblicher Menschen, auf diesem Weg zu den ewigen Göttern in den Himmel aufzusteigen.

Goethe war ein Fan der Igeler Säule

Nicht erst der Tourismus schuf die Bewunderer der Sehenswürdigkeit. Seit über 400 Jahren ist die Igeler Säule Gegenstand von bildlichen Darstellungen und Beschreibungen. Goethe war ein Fan des Denkmals und schrieb nach seinen Besuchen 1792 in seinem Werk „Campagne in Frankreich“ von ihr. Auf seine Anregung hin entstand 1829 ein erster Kunstguss aus Bronze in der Sayner Hütte bei Bendorf, knapp 50 Zentimeter groß. Der berühmte preußische Architekt Karl Friedrich Schinkel ließ die Igeler Säule später genau ausmessen. Ins Schwärmen versetzte sie auch den französischen Dichter Victor Hugo, der 1862 zu Besuch kam. Und bereits 1833 schaute auch der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. vorbei, der für seine Vorliebe für römische Kultur bekannt war.

Heimatforscher steigt ins Innere der Igeler Säule ein

 Igeler Säule. Das Original.
Igeler Säule. Das Original. Foto: Hans Kraemer
 Mehrere der starkverwitterten Reliefs zeigen den Tuchhandel, etwa wie sich Personen Stoffbahnen anschauen, derweil auf dem Tisch ein Haufen Münzen für den Handel bereitliegt.
Mehrere der starkverwitterten Reliefs zeigen den Tuchhandel, etwa wie sich Personen Stoffbahnen anschauen, derweil auf dem Tisch ein Haufen Münzen für den Handel bereitliegt. Foto: Hans Kraemer

An manchen Stellen ist die insgesamt sehr gut erhaltene Säule beschädigt, unter anderem wegen eines Versuchs im 16. Jahrhundert, das Monument abzutragen, um es nach Luxemburg zu verpflanzen. Dr. Karl-Heinz Weichert, langjähriger Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins Agulia, berichtet in einer „Säulenpost“ vom März 2021, wie er Mitte der 1980er Jahre ins Innere des Monuments einstieg und dort neben Ascheresten eine Sandsteinbank entdeckt habe. „War die steinerne Bank zum Aufstellen von Totenbeigaben oder gar von Urnen vorgesehen?“, fragt er. „Haben vielleicht sogar Urnen dort gestanden und sind später aufgrund kriegerischer Ereignisse im Trierer Land entfernt und anderswo hingebracht worden?“ Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass es sich bei der Igeler Säule um ein Scheingrab handelt, sie also keine Grabstätte gewesen ist.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Welterbe Trier: Die Igeler Säule