Rundgang in der Zauberkiste

TRIER. Auf eine ungewöhnliche Sinnes-Reise begeben sich Besucher des "Café Dunkel" am Domfreihof während der Heilig-Rock-Tage. Dort erfahren sie, wie es sich in völliger Finsternis "anfühlt".

Geistesabwesendzieht Philipp an seinem Strohhalm und klammert sich an dieLimo-Flasche. Den Blick hat er gesenkt. Der Sechsjährige starrtLöcher in den Boden. "Der ist fertig", sagt die Erzieherin, diemit ihrer Kindergartengruppe aus Kell einen Ausflug zu denHeilig-Rock-Tagen macht. Die übrigen Kinder sind noch drin, im "Café Dunkel", und probieren aus, wie es sich im völlig schwarzen Raum aushalten lässt. Philipp hat es nicht ausgehalten und sich von einem Nichtsehenden wieder ins Helle führen lassen. Da steht er nun und gibt ganz leise zu, dass es ihm unheimlich war. Philipp ist nicht der Einzige, der dieses völlig ungewohnte Umfeld nicht ertragen konnte.

Eine Frau hat gleich zweimal "Anlauf genommen" und versucht, ihre Hemmungen zu überwinden. Ohne Erfolg: Weinend steht sie im Info-Bereich und winkt ab. Im Gästebuch notiert sie später: "Leider konnte ich dieses Erlebnis nicht miterleben!" Martin Ludwig, Leiter des Referats Blinde, Sehbehinderte und Trierische Tonpost im Bistum Trier: "Sie hat Beklemmungen bekommen, manchem schnürt es regelrecht das Herz zu."

An die Situation gewöhnen

Gruppen mit acht Personen führen Martin Ludwig und die übrigen Aktiven der Blinden-Seelsorge Trier für zehn bis 15 Minuten in das fünf mal fünf Meter große Café. Ludwig streckt dem Besucher die Hand entgegen und führt ihn durch die Lichtschleuse. Hier wird die äußere Tür verschlossen - von einer Sekunde auf die andere steht der Besucher im absolut schwarzen Raum. Kein einziger Lichtstrahl, nicht mal ein winziges helles Pünktchen leuchten auf. "Ist es für Sie in Ordnung, fühlen Sie sich wohl?", fragt Ludwig und lässt dem Eintretenden Zeit, sich an die ungewohnte Situation zu gewöhnen.

Es ist heiß. Schwere Decken, die zusätzlich zu der Konstruktion aus Spanplatten dafür sorgen, dass alles hundertprozentig blickdicht ist, heizen die Temperaturen im Zelt mit an. Ludwig nimmt die Besucher-Hand und lässt sie auf Entdeckungsreise entlang der Wände gehen. Jede ist anders dekoriert, "wie in einem gewöhnlichen Café auch", erklärt er. Das Logo der Blinden-Seelsorge ist zu fühlen, Grundrisse von Basilika und Dom.

Alte landwirtschaftliche Geräte - ein historischer Brotschieber und ein Dreschflegel - schmücken eine andere Wand, Kinder lesen in Blindenschrift das Wort Café und schnuppern an Duftkästchen. In diesem großen schwarzen Raum begleiten den Café-Gast Geräusche von klappernden Kaffee-Tassen, das Rasseln des Regenmachers, Stimmen und Gelächter. An der Bar mit acht Hockern gibt es Kaffee und Tee, für Kinder Kaltes.

"Das Café Dunkel wird sehr gut angenommen, den ganzen Tag über führen wir Gruppen und Einzelpersonen hinein", freut sich Ludwig.

Bis auf ein Kind, das partout nicht hinein wollte, reagierten vor allem Kinder sehr aufgeschlossen und positiv, berichtet Ludwig. Erwachsene hingegen hätten damit häufiger Probleme: "Natürlich gibt es mir jedes Mal einen kleinen Stich, wenn ich Besucher wieder ins Helle führen muss, weil sie es drinnen nicht aushalten. Aber ich habe dafür volles Verständnis."

"Das ist dunkler als in der Nacht", meint der fünfjährige Jan Bodo, und Anna-Lena erzählt kichernd, dass sie "im Dunkeln ein Törtchen gegessen" hat. Eine Interpretation gefällt Martin Ludwig besonders gut: "Die Zauberkiste ist richtig groß", hat er in diesen Tagen bereits zweimal von Kindergruppen gehört.

Das Café Dunkel am Domfreihof ist während der Heilig-Rock-Tage täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet.