Sammler, Handwerker, Künstler

Seine überlebensgroßen Drahtfiguren sind ein absoluter Blickfang, seine Werke aus weggeworfenen Deckeln, Flaschen, Eislöffeln und Sektflaschenverschlüssen zeugen von viel Kreativität, Kunstverstand und Humor. Noch bis Ende nächster Woche ist die Ausstellung "Retro" von Hans Borkam und Schülern in der FH am Paulusplatz zu sehen.

Trier. Hans Borkams Blick ist intensiv - ihm entgeht nichts. Lächelnd zeigt er den plattgefahrenen Drahtverschluss einer Sektflasche. Bei genauerer Hinsicht stellt man fest: Er wurde zu einem elegant verschnörkelten "V". Hans Borkam lächelt: "Den habe ich gefunden. Dieser Buchstabe ist einzigartig!" Doch auch er selbst schuf zahlreiche zierliche Buchstaben aus Draht: Seine filigranen typografischen Text-Draht-Gebilde auf großen Rahmen wurden im Sommer 2005 in der Konstantin-Basilika ausgestellt. Sie stellen etwa Texte aus der Bibel und aus dem KZ Theresienstadt dar; jeder einzelne Buchstabe zeigt große Kunstfertigkeit und Liebe zum Detail. Diese zieht sich durch alle Werke Hans Borkams. So steht der Beobachter staunend vor einem Mantel, dessen Rüschen aus zahlreichen weißen Eislöffelchen entstanden sind, oder vor einem Gipsgebilde mit Löchern, durch die man auf lauter grün und braun schimmernde Fläschchen sieht. "Ich werfe nichts weg, sondern sammle und mache neue Dinge daraus", sagt der seit acht Jahren emeritierte Kunstprofessor lächelnd. Er pustet in einige der Fläschchen, sanfte Töne erklingen. "Das ist wie eine Glas orgel, obwohl es gar nicht so gedacht war. Es ging mir um die Farbigkeit und das Reliefartige." Er lacht: "Das ist ideal, um die Studenten zu befruchten!" Aus alten Metallfußabtretern und Glasresten entstanden farbenfrohe Kunstwerke; aus Draht sowie aus mit Perlen besetztem Holz modellierte Hans Borkam den Kopf seiner Frau Christa. "Sie war mein liebstes Modell", sagt er - es entstanden Aktzeichnungen, Radierungen, Gemälde und Linolschnitte.1932 in Masuren geboren, floh er als 12-Jähriger mit seiner Familie nach Westpreußen und gelangte später nach Niedersachsen, wo er in Helmstedt aufwuchs. In Braunschweig studierte er Malerei und Grafik. Nach Trier kam Hans Borkam 1955 - als Meisterschüler seines Professors Bruno Müller-Linow. An der damaligen Werkschule begann er Schrift zu lehren, später auch Gestaltungs-, Farblehre und Zeichnen. 1971 wurde die FH gegründet, an der er Kommunikationsdesign unterrichtete.Der Natur näher kommen

Die Ausstellung "Retro" im Gebäude am Paulusplatz, initiiert von den Professoren Bobak Asbagholmodjahedin und Johannes Conen, zeigt nicht zuletzt detaillierte geometrische und figürliche Zeichnungen Hans Borkams und seiner Schüler. "Heute ist das wohl unglaublich, aber damals arbeitete man so exakt. Schon die alten Römer haben mit Ziehfedern gearbeitet!", sagt der emeritierte Kunstprofessor. Auf die Beherrschung des Handwerks hat er schon immer großen Wert gelegt. Doch er möchte auch seine Modelle in ihrem Wesen begreifen. "Es geht darum, dem Charakter der Natur überhaupt näher zu kommen - denn sie steht über allem."

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