Sascha Lobo in Trier: Digitaler Mutmacher hält den Spiegel vor

Internet : Digitaler Mutmacher hält den Spiegel vor

Der Internetexperte und Journalist Sascha Lobo gibt in der Trierer Europahalle Einblicke in die digitale Zukunft.

An seinen ersten Trier-Besuch erinnert sich Sascha Lobo noch genau. 2006 präsentierte er hier sein erstes Werk in einer Buchhandlung – vor etwa sieben Zuhörern. Zwölf Jahre später füllt Lobo nun die Europahalle, um den Menschen das Internet zu erklären. Die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung scheint in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nahezu jeder besitzt ein Smartphone, bestellt online oder nutzt soziale Medien.

Wenn es nach Sascha Lobo geht, höchste Zeit, sich nicht nur praktisch mit der digitalen Zukunft auseinanderzusetzen. „Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass die Welt heute zittert vor einem Atomkrieg, der per Twitter ausgelöst wird“ – man wäre verspottet worden, sagt Lobo dem Trierischen Volksfreund. Es gebe keine andere Chance, als sich dem Thema Digitalisierung zu nähern, um zu verstehen, was mit der Gesellschaft passiere.

Genau darin sieht der Blogger auch seine Aufgabe: Er hat den Prozess bereits durchschaut und will sein Wissen an die Öffentlichkeit weitergeben. Lobo hält dem Publikum dazu den digitalen Spiegel vor. Er provoziert, er befördert Widersprüche zutage. Während sich die Deutschen früher bereits über die Volkszählungen empört hätten, gebe es heute Standwanzen von Amazon oder Google im Wohnzimmer. Lobo meint dies nicht als Vorwurf, denn er hat erkannt, dass die meisten Menschen hauptsächlich eines haben: Angst. Angst, die schnellen Veränderungen der digitalen Welt zu begreifen, die nächste Technologie zu ergründen, bevor man die vorherige überhaupt verstanden hat. Dieses Gefühl von Angst sei ganz legitim in der digitalen Welt. Angst mache die Menschen aber auch empfänglich für Manipulationen, erklärt Lobo. Politisch hätten die Rechten demnach am besten verstanden, wie man die sozialen Medien bedient – weil sie Gefühls- und Emotionsmedien seien.

Deshalb ist es für Lobo auch der Mensch selbst, der die Veränderung bringt, nicht die neuen Technologien. Handys, Apps und Sensoren erhielten erst Bedeutung durch die Datenbegeisterung, sagt er. „Die intimsten Dinge – bis hin zu Geschlechtskrankheiten – werden im Netz geteilt.“

Lobo bringt die Zuhörer zum Schmunzeln, zum Nachdenken und gelegentlich zum Verzweifeln. Vor allem jene, die auf Einladung des Veranstalters, den Trierer Unternehmervereinen, in der Europahalle erschienen sind. Die Führungskräfte wollten wissen, wie sie ihre Unternehmen für die digitale Zukunft fit machen können. Den maßgeblichen Treiber sieht Lobo in der digitalen Ungeduld. Viele werden bereits nervös, wenn sie nicht nach wenigen Minuten eine Antwort auf ihre WhatsApp-Nachricht erhalten. Ähnlich haben sich die Menschen vom Überweisungsträger auf das bequemere Online-Banking eingestellt. Doch für einen heutigen Snapchat-Nutzer sei ein Geschäftsmodell mit fünf Tagen Überweisungsdauer nicht interessant, sagt Lobo. Wie es schneller geht, zeige das WhatsApp-Pendant „We Chat“ in China: Auf der Plattform können nicht nur Nachrichten verschickt oder Telefonate geführt, sondern auch binnen Sekunden Überweisungen getätigt werden. Lobo sieht mit genau diesen Unternehmen ein neues Wirtschaftsmodell emportreten: den Plattformkapitalismus. „Plattformen werden in Zukunft fast alle Märkte beherrschen“, prognostiziert der Experte.

Doch Lobo macht den Unternehmern auch Mut: „Durch die Digitalisierung ist eine viel präzisere Anpassung auf Märkte und Bedürfnisse möglich“. Zudem habe sich die in den 90er Jahren noch als Horror betrachtete Flexibilisierung heute ins Positive gewendet, sagt er dem TV.

Lobos Ziel ist jedoch nicht bloß profitorientiert. Für ihn sollen alle Menschen politisch, sozial und unternehmerisch profitieren.    Doch genutzt werden könne die Digitalisierung nur von jenen, die sie auch verstanden hätten. Seinen Teil in Trier hat er dazu geleistet.

Mehr von Volksfreund