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Sauberer Strom - fischarmer Strom

Sauberer Strom - fischarmer Strom

Die Wasserqualität der Kyll soll mit einem millionenschweren Strukturprogramm verbessert werden. Die Freude bei den Fischern hält sich aber in Grenzen: Solange man dem Flussbett das meiste Wasser für die Stromerzeugung entziehe, werde die Kyll auch nicht lebendig.

Trier/Kordel. Sauberes Grundwasser, qualitativ hochwertige Oberflächengewässer - dieses Ziel verfolgt die Europäische Union mit ihrer "Wasserrahmenrichtlinie" (siehe "Extra") und verpflichtet die Mitgliedsstaaten zur Umsetzung bis zum Jahr 2015. Das Beispiel Kyll zeigt, wie unterschiedlich, bisweilen sogar konträr, die Interessenslagen sind.

Bereits 1996 hat der Bezirksfischereiverband Trier in einer Resolution an Politiker und Fachbehörden auf die fehlende Durchgängigkeit der Kyll für Fischwanderungen aufmerksam gemacht. Damit werde das Fischereigesetz missachtet. Herbert Schneider, ehrenamtlicher Kreisfischereiberater und Bachpate aus Metterich (Eifelkreis), hat in einem Brief an Umweltministerin Margit Conrad dezidiert die "schädlichen Auswirkungen der Kleinwasserkraft in der Eifel" aufgelistet und mit Fotos belegt.

Anfang der neunziger Jahre habe sich durch das neue Energie-Einpeisungsgesetz an bestimmten Abschnitten der Kyll und anderer Eifelgewässer das Abflussverhalten geändert, bemerkt der Ehrenamtler. Die meisten Wasserkraftbetreiber hätten die Wehre erhöht, womit die schon eingeschränkte Durchgängigkeit flussaufwärts für Fische gänzlich verloren gegangen sei. Zur Mosel abwandernde Fischarten wie Aal, Meerforelle und Lachs werden laut Schneider größtenteils von Kraftwerksturbinen zerstückelt. In Zeiten niedriger Abflüsse werden die Wehre nicht mehr überströmt, schreibt Schneider, die trockenen Ausleitungsstrecken würden zu tödlichen Fallen für Jungfische und die gesamte Wasserfauna. Das hat auch Friedel Brand, Vorsitzender des Angelsportvereins Ehrang, beobachtet. 20 Jahre habe man für den artgerechten Umbau der Wehre gekämpft, aber es sei nur geredet worden, nicht gehandelt.

Es habe einen dramatischen Rückgang der Fischbestände gegeben, insbesondere Aal, Äsche, Barbe und Nase seien in der Kyll rar geworden, klagt die "Interessengemeinschaft freier Kyllaufstieg".

Jährlich müsse man für viel Geld Fische einsetzen. Nur wenige der 21 Wehre entlang der 130 Kilometer langen Kyll von Ehrang bis zum Kronenburger See verfügten über Fischtreppen - und wenn, dann seien diese oft für ihren Zweck ungeeignet. Das "Positionspapier zur Wasserkraft" gipfelt in der Feststellung, unter dem Deckmantel einer umweltfreundlichen Stromerzeugung werde eine gewaltige Naturraumzerstörung betrieben.

Für Rudolf Schöller, als Bereichsleiter der Stadtwerke Trier unter anderem zuständig für das Kylltal-Wasserkraftwerk zwischen Ehrang und Kordel, gibt es keine Ideallösung. "Wir erfüllen die Vorgaben zur Wassermenge, schränken dafür wenn nötig auch unsere Produktion ein, aber wir können auf der anderen Seite nicht jeden Fisch berücksichtigen", sagt Schöller. Seit 100 Jahren wird in dem Kraftwerk Strom erzeugt; so alt ist auch die Fischtreppe, die nur eine Teildurchgängigkeit gewährleistet.

Mehr als 90 Prozent des Kyllwassers wird durch die beiden Turbinen geleitet, die jährlich rund eine Million Kilowattstunden Strom liefern. Das reiche für 400 Haushalte und entlaste die Umwelt von 900 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, sagt Schöller.

Joachim Gerke, Leiter Wasserwirtschaft der SGD Nord, will das zehn Millionen Euro teure Kyll-Projekt "so weit wie möglich im Konsens umsetzen". Für bauliche Verbesserungen an Wehren gebe es erhöhte Einpeisungs-Vergütungen; gegen uneinsichtige Kraftwerksbetreiber könne man Einschränkungen am Wasserrecht verhängen. Bis zu 20 Prozent der Jahresleistung hätten Gerichte schon "gekappt".

Meinung

Es geht nur im Gleichklang

Die SGD Nord ist nicht um ihre Aufgabe zu beneiden. Die Behörde muss bei ihrem Rettungsprogramm für die Kyll zwei Grundforderungen der Umweltpolitik unter einen Hut bringen, die sich beißen: den Gewässerschutz und die Wasserkraft. Der Betrieb eines Kraftwerks rechnet sich nur, wenn möglichst viel Wasser durch die Turbinen läuft. Und das wiederum schadet der Fauna und Flora im Fluss, weil Teile des Mutterbetts regelrecht absterben. Auch sind Wehre oft unüberwindbare Hindernisse für Wanderfische. "Sauberer Strom führt zu minderwertigem Strom" - ein Wortspiel mit Wahrheitsgehalt. Nun könnte man argumentieren, dass die Energiegewinnung an den Kyll-Wehren vergleichsweise so gering ist, dass sie es nicht rechtfertigt, ein ganzes Fluss-Ökosystem in der Eifel zu gefährden. Also einfach die Dinger platt machen? Doch was ist mit dem Hochwasserschutz? Bei Starkregen wird die Kyll in Minutenschnelle zum reißenden Fluss. Ohne Wehre gäbe es schwere Schäden, das träfe auch die Fischerei hart. Also: Es geht nur im Gleichklang - alle Forderungen wird man nicht erfüllen können. a.follmann@volksfreund.deEXTRA Wasser-Rahmenrichtline: Die Europäische Wasser-Rahmenrichtlinie (WRRL) definiert grenzübergreifend einheitliche Ziele für den Gewässerschutz. Im Auftrag der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (SGD) wurden Maßnahmen zur Verbesserung der Habitatqualität und der Durchgängigkeit für die untere Kyll (von Ehrang bis Mürlenbach) und die mittlere Kyll (von Mürlenbach bis Stadtkyll) ermittelt. Besonders eklatant sind die Defizite bei Fischen, hingegen erfüllt das Gewässer die chemischen Anforderungen der WRRL. (alf)