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Schüler wollen Menschen wachrütteln

Schüler wollen Menschen wachrütteln

"Wir haben keine Schuld, sondern eine Verpflichtung": Unter diesem Motto hat das Humboldt-Gymnasium den Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Bereits zum 20. Mal widmen sich Schüler der zehnten Klassen dem sogenannten "Dritten Reich". Während der Projekte erleben sie teils Erschreckendes.

Trier. "Wissen Sie, was der 27. Januar für ein Tag ist?", fragten Schüler des Humboldt-Gymnasiums Trier (HGT) Passanten in der Innenstadt. "Keine Ahnung" war eine häufige Antwort. Die Jungen und Mädchen erklärten, dass am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde und an diesem Tag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird (siehe Hintergrund). Eine Reaktion: "Nur Idioten graben so etwas wieder aus."
Seit 20 Jahren erinnern Schüler und Lehrer des HGT mit Projekttagen an die Verbrechen der Nationalsozialisten. "Ich setzte mich damals mit der Schulleitung zusammen. Dabei entstand die Idee, das Gedenken in den Schulalltag zu integrieren", sagt Norbert Jakobs, Lehrer und Koordinator der Gedenktage. Zu Beginn bestand das Vorhaben aus einem Projekttag mit anschließender Gedenkfeier. Später wurde es auf zwei Tage mit einer Gedenkfeier am frühen Abend ausgeweitet.
Die Schüler der zehnten Klassen konnten in diesem Jahr zwischen fünf Projekten wählen. Das Angebot reichte vom künstlerisch-literarischen Bereich bis hin zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Trier und Umgebung.
HGT-Lehrerin Marlies Stolz hat unter anderem bereits ein Projekt zu den Trierer Stolpersteinen realisiert: "Es ist für mich reizvoll, mit Schülern etwas in anderer Form zu erarbeiten. Ich habe den Eindruck, dass das Bewusstmachen der räumlichen Nähe sie weitaus mehr berührt als nüchterne Texte aus Geschichtsbüchern. Diese unmittelbare Betroffenheit ist jedes Mal spürbar."
Auch ihr Kollege Frank Brüning erkennt die Nachhaltigkeit der Gedenktage: "Die Schüler wissen sehr viel über den Nationalsozialismus. Aber das große Interesse wird durch die Projettage nicht gestillt, sondern eher noch verstärkt. So hat meine letzte zehnte Klasse nach den Projekttagen den Wunsch geäußert, Auszüge aus den Tagebüchern der Anne Frank zu lesen."
Lehrer für die Organisation der Gedenktage zu finden, sei nicht schwer, erklärt Jakobs: "Für mich ist es eine pädagogische Pflicht, dem Erstarken der Populisten entgegenzuwirken. Viele meiner Kollegen denken genauso. Die Bereitschaft ist groß."
So ist HGT-Lehrer Wolfgang Brinschwitz bereits seit zwölf Jahren dabei. Er schätzt am Projekt, dass der Fokus auf dem Menschen liegt, egal ob sie Opfer sind oder Täter.
Florian Mock (19) hat vor drei Jahren an den Gedenktagen teilgenommen. Dabei habe sich sein Bild vom Nationalsozialismus zwar nicht grundlegend verändert, aber erweitert. "Ich finde die Gedenkfeier immer sehr beeindruckend. Die Schüler stecken viel Herzblut hinein. Auch zuhause sind die Projektinhalte Thema", erzählt Inge Michels-Möhn, deren Sohn in diesem Jahr beteiligt war. In Zeiten erstarkendet Populisten appellierten die Schüler, die eigene "Bequemlichkeitszone" zu verlassen. So wollen sie verhindern, dass die Erinnerung an die Gräueltaten begraben wird.
Extra

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Mindestens 1,1 Millionen Menschen starben dort. Sie wurden erschossen, vergast oder zu Tode gequält. Auschwitz wurde zum Symbol für den Massenmord der Nationalsozialisten. 1996 wurde auf Initiative von Bundespräsident Roman Herzog der 27. Januar zum offiziellen deutschen Gedenktag für die Opfer der Nationalsozialisten erklärt. Zum Zweck sagte Herzog: "Das Erinnern darf nicht aufhören; denn ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft." 2005 erklärten schließlich die Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. beh