Schutz vor Bomben und kreischenden Gitarren

TRIER-NORD. (chj) Einst diente der Hochbunker in der Karl-Grün-Straße dem Schutz von Leib und Leben. Heute schützt er die Anwohner vor dem Lärm probender Rockbands.

 Thomas Reinermann verwaltet die Proberäume im Hochbunker in der Karl-Grün-Straße.Foto: Christian Jöricke

Thomas Reinermann verwaltet die Proberäume im Hochbunker in der Karl-Grün-Straße.Foto: Christian Jöricke

Es riecht nach Urin. Die Wände zieren mehr oder weniger inspirierte Graffitis, und im Treppenhaus und in den Fluren fehlen ein paar Glühbirnen. Man darf nicht pingelig sein, wenn man den ehemaligen Luftschutzbunker in der Karl-Grün-Straße, Ecke Thyrsusstraße, betritt. Trotz seines wenig einladenden Ambientes ist das Ludger-Kern-Haus, wie es offiziell heißt, sehr begehrt. In dem klobigen, fensterlosen Betonbau befinden sich nämlich 24 kleine Kämmerlein, die als Proberäume dienen. Fast 40 Bands unterschiedlicher Stilrichtungen nutzen das unter lärmdämmenden Gesichtspunkten äußerst zweckmäßig Gebäude zum Ausfeilen ihrer musikalischen Fertigkeiten. Darüber hinaus gibt es eine ansehnliche Warteliste. Es ist jedoch einfacher eine Dauerkarte für die L.A. Lakers zu bekommen, als einen Raum im Ludger-Kern-Haus, das zu seiner Einweihung 1994 nach dem verstorbenen Trierer Bluesmusiker Ludger Kern benannt wurde. "Ich könnte noch so einen Bunker vermieten", sagt Hilger Hoffmann, Leiter des Exzellenzhauses. Das Jugend- und Kulturzentrum in Trier-Nord verwaltet das Gebäude, das der Stadt gehört. Einige der Bands wie "Colours of Blues" proben schon seit zehn Jahren in dem Bunker, der seit dem Abriss benachbarter Häuserzeilen vor wenigen Wochen leider besonders gut zur Geltung kommt. So schwierig die Aufnahme in den erlauchten Kreis der "BunkerBands" ist, so einfach sind die Voraussetzungen dafür. "Die Musiker sollten aus Trier kommen und regelmäßig an den vierteljährlichen Treffen teilnehmen", sagt Thomas Reinermann, der sich um die Verwaltung kümmert. Der hauptamtliche Jugend-Scout der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich probt selbst seit sieben Jahren mit seiner Band "Unchained" in dem Haus. Jede Gruppe zahlt 22 bis 42 Euro Miete pro Monat und sollte je nach Befähigung beim "Bunker bebt"-Festival, das an jedem ersten Samstag des Jahres stattfindet, einen Arbeitsnachweis erbringen. Der Bunker hatte, wie sich bereits an seiner Bezeichnung erkennen lässt, ursprünglich einen anderen Zweck als den der Musiker-Entfaltung. Während die dicken Wände aus Stahl und Beton seit Mitte der 90er Jahre dazu beitragen, die Anwohner vor Lärm zu schützen, schützten sie von 1943 bis 1945 Leib und Leben der Stadtteilbewohner. Eine davon war Irmgard Messer, Jahrgang 1928. Als nach zweijähriger Bauzeit der Bunker, in dem bis zu 850 Menschen untergebracht werden konnten, 1943 fertig gestellt wurde, musste sie gemeinsam mit ihrer Mutter und zwei älteren Geschwistern fast täglich dorthin fliehen. "Ich bin dort immer mit Angst hingegangen", sagt die 66-Jährige, die immer noch in Trier-Nord lebt. Man habe ja nicht gewusst, ob man wieder heraus käme und ob die Häuser noch stehen. "Sehr oft rissen uns die Sirenen nachts aus dem Bett", erinnert sie sich. "Dann hieß es aufstehen, anziehen, die bereits gepackte Bunkertasche schnappen und laufen, laufen, laufen." Irmgard Messer betrat vor wenigen Tagen zum ersten Mal seit 60 Jahren wieder den Bunker. Über den Eingangsbereich kam sie jedoch nicht hinaus. "Da ist für mich immer noch eine Schwelle da." Trotzdem will sie mehr über das Bauwerk erfahren und hat sich einem Buchprojekt des Bürgerhauses Trier-Nord angeschlossen. Für das kommende Jahr ist eine Publikation mit Geschichten über den Stadtteil im Allgemeinen und über den Bunker im Besonderen geplant. Für das Buchprojekt "Trier-Nord - gestern und heute" sucht das Bürgerhaus noch Autoren. Informationen gibt es bei Bernd Weihmann unter 0651/918200.

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