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Schwarze Serie reißt nicht ab

Schwarze Serie reißt nicht ab

TRIER. Erneut muss ein Trierer Traditions-Unternehmen Insolvenz anmelden. Diesmal hat es das Musikhaus Reisser erwischt. Damit kämpft ausgerechnet der Betrieb von Triers Vorzeige-Kaufmann Georg Kern ums Überleben.

Den Umgang mit Presse und Öffentlichkeit ist Georg Kern als Vorsitzender der City-Initiative gewohnt. Und doch ist diesmal alles anders. Es geht nicht um Ladenschluss und Weihnachtsgeschäft, nicht um "Trier spielt" oder die lange Einkaufsnacht. Es geht um den Unternehmer Kern und sein Musikhaus Reisser.Gestern Nachmittag trat er den schweren Gang zum Amtsgericht an. Zuvor hatte er die Banken informiert, anschließend erfuhren die Mitarbeiter aus erster Hand, wie schwierig die Lage ist. Ganz überraschend dürfte es für die vier fest Angestellten und die sieben Teilzeitkräfte nicht gekommen sein. "Wir haben so ein enges Verhältnis im Haus, da kriegen die Mitarbeitern schon mit, wenn es kriselt", sagt Kern.Früher Gang zum Amtsgericht

Dennoch hat er den Gang in das Insolvenzverfahren möglichst frühzeitig angetreten. Löhne und Sozialabgaben konnten bis zuletzt gezahlt werden. Es sei vor allem "der Kapitaldienst", der dem Unternehmen die Luft abgeschnürt habe.Kerns Probleme sind typisch für ein mittelständisches Unternehmen, das "aus dem Nichts" aufgebaut wurde. 1979 kam der Schwabe als Filialleiter der "Reisser"-Kette nach Trier.Als die Unternehmensgruppe in Schwierigkeiten geriet, kaufte er kurzerhand seine Filiale und wurde vom Angestellten zum Unternehmer. Ein wagemutiger Einstieg: Kredite finanzierten die Übernahme."Großes Kapital einzubringen hatte ich nicht", erinnert sich der 50-Jährige. Weil er keinen Familienbetrieb in der hauseigenen Immobilie führen konnte, war auch die Miete eine kräftige Hypothek. Erschwerend kam hinzu, dass Kern allein haftend die Verantwortung übernahm - keine GmbH, keine Kompagnons. "Mein gesamtes Privatvermögen, mein Sparvertrag, meine Altersversorgung, das steckt alles im Geschäft", betont der gelernte Musikalienhändler, ohne dabei ins Lamentieren zu verfallen.Auch auf Schuldzuweisungen wartet man vergeblich. Vermieter, Sparkasse, die meisten Lieferanten: "Sie hatten für die schwierige Lage durchaus Verständnis", sagt Kern. Der Versuch einer Vergleichslösung scheiterte an einzelnen Lieferanten - so blieb letztlich nur das Insolvenzverfahren.Ob es auch eigene Fehler gegeben habe? "Ja", räumt Kern unumwunden ein. Der Versuch der Übernahme zweier weiterer Musikgeschäfte in Trier und Bitburg schlug Anfang der 90er-Jahre fehl. Das habe ihn eine halbe Million Mark gekostet - "und das steckt man nicht leicht weg, wenn man nichts in der Hinterhand hat".Kern dampfte das Angebot ein, reduzierte sein Personal von einst 18 Angestellten drastisch. Obwohl das Kerngeschäft mit Klavieren und E-Pianos inzwischen wieder kräftig floriert, kam die Anpassung an den geschrumpften Markt offenbar zu spät. Mit einer weiteren Konzentration sieht Georg Kern aber durchaus eine Perspektive für die Weiterführung des Betriebs.Dass sein "Fall" für öffentliches Aufsehen sorgen wird, ist dem Multi-Funktionär durchaus klar. Seit Jahren ist er Identifikationsfigur der Trierer Kaufmannschaft, vor allem bei der stetig schrumpfenden Gruppe der inhabergeführten Fachgeschäfte. Erst vor Monaten hatte man den Widerstrebenden überredet, auf dem Führungsstand der City-Initiative zu bleiben, die ohne sein Zutun schwerlich den heutigen Aktionsradius erreicht hätte.Nun fragt sich Kern schon mal, "ob ich vielleicht so dumm war, zu viel zu machen". Aber er hat auch das Gegenargument parat: "Wenn jeder sagt, ich habe keine Zeit, weil ich mich um den eigenen Laden kümmern muss, dann passiert überhaupt nichts mehr."Einstweilen wird er sich aber ausschließlich um den eigenen Laden kümmern müssen - die Rettung des Unternehmens und nicht zuletzt der eigenen Existenz geht vor. Seine Funktion bei der City-Initiative will er zunächst ruhen lassen: "Das Engagement hat mich viel Kraft gekostet, und die brauche ich im Moment in eigener Sache". Wirtschaftsdezernentin Christiane Horsch hat Verständnis für die Auszeit, sieht aber keinen Grund für einen Rücktritt Kerns von seiner Funktion. Der Vorstand der City-Initiative sei gefordert, Übergangslösungen zu finden. Der Einzelhandel in der Krise? Sagen Sie uns Ihre Meinung in Kürze (maximal 30 Zeilen à 30 Anschläge). Name und Adresse nicht vergessen.