Schweich stellt die Qualitätsfrage

Schweich stellt die Qualitätsfrage

Schweich habe zu wenig "Aufenthaltsqualität". Das sagt Stadtbürgermeister Lars Rieger. Auch Gewerbetreibende, Touristiker und Kommunalpolitiker diskutieren derzeit darüber, wie die Moselstadt attraktiver werden kann. Und das nicht nur für Gäste, sondern auch für Einheimische.

Schweich. Der Ausflug, den Schweichs Stadtbürgermeister Lars Rieger am vergangenen Sonntag nach Saarburg unternahm, hatte einen dienstlichen Hintergrund. Rieger hat sich dort mit Leo Klassen verabredet, einem Dekorateur und Eventmanager aus Irsch bei Saarburg, der schon mehrfach im Auftrag der Stadt Saarburg Kreisel gestaltet hat. Der Mann legt dabei viel Kreativität an den Tag: Derzeit wirbt am Kreisverkehr vor dem Saarburger Tunnel ein scherenschnittartiges Reitmotiv für die Reitertage Ende Mai, vor Weihnachten zierte eine Krippe den Kreisel am Rathaus. Auch eine lebende Kuh und Hasen hatte Klassen schon für einige Tage präsentiert. "Hauptsache, es gefällt den Leuten und man spricht drüber", sagt Klassen. Wenn kein Kreiselmotiv für den kürzlich stattgefundenen verkaufsoffenen Sonntag zustande gekommen wäre, erzählt der Dekorateur, hätte er Briefkästen in der Mitte postiert - in Anspielung auf den Skandal um die Panama-Papiere. "Da hätten die Leute geschmunzelt …"Kann man so etwas wie die Saarburger Event-Kreisel auch in Schweich umsetzen? Das war die Überlegung, die der Stadtbürgermeister mit dem Treffen in Saarburg verband. Denn in Schweich wird derzeit ein Thema intensiv diskutiert, das auch die tristen Kreisel an den Eingängen der Stadt einbezieht: Wie kann man die Attraktivität und die Aufenthaltsqualität steigern? Beispiel Kreisel: Der viel frequentierte Kreisel an der Moselbrücke ist nicht gerade ein freundliches Entree. Wiese und Bodendecker überwiegen, dazu eine gepflasterte Mitte, auf der eine Stahlkonstruktion thront (das Kunstwerk des Kunstschmieds Bender soll die aufstrebende Stadt symbolisieren). Keine einzige Blume ist dort zu sehen, stattdessen wenige Meter entfernt ein großes Banner als Wegweiser für Autofahrer mit der Aufschrift "Innenstadt". "Der erste Eindruck ist negativ, wenn man in die Stadt kommt", sagt Klassen. "Die Holländer werden fragen, wo die Blumen sind." Noch trostloser präsentiert sich der provisorische Kreisel am Ermesgraben. In der Mitte sprießen Pflanzen aus dem Asphalt. "In Saarburg gäbe es das nicht", sagt Leo Klassen, "da schickt das Bauamt Leute raus, die für Sauberkeit sorgen." Beispiel Innenstadt: Erst kürzlich diskutierte der Stadtentwicklungsausschuss darüber, wie die Haupteinkaufsstraßen von Schweich, Richtstraße und Brückenstraße, attraktiver werden könnten. "Es fehlt die Aufenthaltsqualität", sagt der Stadtbürgermeister. Schweich müsse Fußgängern und Radfahrern mehr Raum bieten. Rieger hofft, dass durch den Umbau der Wiedemann-Immobilie ein kleines Zentrum entsteht, eventuell mit einem Café und Sitzmöglichkeiten. "Mit mehr Blumen ist es in Schweich nicht getan", sagt Sven Thiesen von der Tourist-Info Römische Weinstraße. Auch er diskutierte im Stadtentwicklungsausschuss, ebenso Mitglieder des Gewerbeverbands Schweich. Thiesen sagt, die Politik müsse mehr Mut aufbringen und klar sagen, wo die Stadt in fünf bis zehn Jahren hinwolle. Den Verkehr reduzieren und mehr "Inseln" zum Verweilen schaffen - das rät Thiesen. Er will keine Fußgängerzone, sondern favorisiert einen verkehrsberuhigten Bereich mit Autos, die in Schrittgeschwindigkeit fahren. Es soll markierte Parkplätze und Aufenthaltsbereiche geben. Geschäftsinhaberin Christa Blang findet, dass die Stadt, aber auch die Geschäftsleute selber, etwas gegen den trostlosen Eindruck der Straßen tun müssten. Ein Tempolimit sei ein erster, wichtiger Schritt. Beispiel Moselvorland: Schon vor einem Jahr hatte die SPD-Stadtratsfraktion den Antrag gestellt, auf einem Streifen hinter dem Fährturm eine öffentliche Grünfläche zu schaffen. Hier soll man sich erholen und spielen können. Für den heutigen Stadtrat (ab 19 Uhr, Altes Weinhaus) hat die SPD den gleichen Antrag noch mal gestellt. Bisher sei nichts geschehen, kritisiert Fraktionschef Achim Schmitt. Man stehe in der Verantwortung, das Entree der Stadt positiv zu gestalten.Meinung

Zeit für EntschleunigungAus Schweich kann man kein zweites Saarburg machen. Dafür wären auch die Voraussetzungen zu unterschiedlich. Saarburg ist ein Touristenstädtchen mit viel Flair, es hat den Wasserfall, viele historische Gebäude, eine malerische Innenstadt. Schweich ist eine Wohn-, Schul- und Einkaufsstadt, die sehr schnell, vielleicht zu schnell, gewachsen ist. Baugebiete wurden aus dem Boden gestampft, Straßen gebaut, Mietkästen hochgezogen. Die Kehrseite ist, dass es in der City kaum noch grüne Inseln und Ruhezonen gibt. Der Boom hat Schweich ein Stück weit seiner Identität beraubt. Was die Stadt jetzt braucht, ist Entschleunigung. Nicht noch mehr Beton und Pflaster, sondern Orte für Menschen, fürs Innehalten, für Begegnungen. Die Brückenstraße etwa würde sich für einen Modellversuch eignen. Man könnte sie ab Höhe Kirche bis zum Rathaus-Kreisel verengen und so den Verkehr beruhigen. Gleichzeitig könnte mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer geschaffen werden. Die Region Schweich rühmt sich ihrer Rad- und Wanderwege, zu Recht. Doch verlässt der Gast diese mal, um in die Orte zu gelangen, dann gerät er in eine Pflasterwüste. Hier muss die Politik ran - dringend. a.follmann@volksfreund.deExtra

Foto: (h_tl )
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Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, Vorschläge und Ideen, wie Schweich attraktiver werden könnte? Mehr Blumenschmuck? Kreativ gestaltete Kreisel? Eingezeichnete Radwege? Verkehrsberuhigte Einkaufsstraßen? Mails bitte mit Namen und Wohnort an echo@volksfreund.de alf

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