Seelsorger, Unterhaltungskünstler, Kultwirt

Seelsorger, Unterhaltungskünstler, Kultwirt

Noch bis 1969 war Homosexualität in Deutschland verboten - ein Jahr darauf wurde die erste Schwulenkneipe Triers eröffnet. Fast von Anfang an jobbte Bernd Simonis in der Palette in der Oerenstraße und ist seit 30 Jahren Pächter. Für seine Gäste ist der 71-Jährige Seelsorger und Unterhaltungskünstler zugleich.

Trier. Bernd Simonis kehrt den Hauseingang: "Dieser Dreck hier, ich kann das nicht sehen", schimpft er und wirft die Papierschnipsel, die von Passanten achtlos weggeworfen wurden, in den Abfall. Es ist Montag, und eigentlich hat er sein Lokal heute geschlossen. Lediglich für das Gespräch mit dem TV öffnet er die kuschelige Bar, die bis vor wenigen Jahren täglich geöffnet hatte. Bernd Simonis kennt die Palette seit 45 Jahren. Zunächst stand er an den Wochenenden als Aushilfe hinter dem Tresen, unter der Woche arbeitete er als Großhandelskaufmann. "Eigentlich wollte ich das immer nur nebenher machen, nie hauptberuflich", erzählt er.
Doch dann entließ sein Arbeitgeber ihn und die komplette Belegschaft - nach 25 Jahren Betriebszugehörigkeit. Kurz darauf bot sich die Gelegenheit, die Palette zu pachten, und er übernahm das Lokal. Im Sommer 1985 wurde Bernd Simonis der Herr der kultigen Kneipe. Jeden Tag von 20 Uhr ("und keine Minute später - Pünktlichkeit ist mir sehr wichtig") bis zum Gehen des letzten Gastes war er für seine Kunden Seelsorger und Unterhaltungskünstler zugleich. Legendär sind seine Auftritte im Fummel: Während eine Aushilfe sich um den Tresen kümmerte, verschwand Bernd Simonis im Hinterzimmer, um kurze Zeit später als "Belinda" oder kurz "et Lind" wieder aufzutauchen und in Frauenkleidern allerlei Liedgut zu präsentieren. "Besonders an Heiligabend ging es hoch her. Die Kneipe war rappelvoll, und wir haben nachts um drei ,Am Rosenmontag bin ich geboren' gesungen - eine schöne und bescheuerte Zeit, die ich nicht missen möchte", schwärmt der Pächter der Raucherkneipe, der selbst nie Raucher war.
Aber die wilden Zeiten brachten auch viel Kummer mit sich: Einige seiner Gäste und Freunde starben, und in der Palette wurde auch so manche Träne vergossen. Das gab ihm den Antrieb, sich jahrelang bei der Aidshilfe zu engagieren. "Inzwischen ist die Palette die letzte Schwulenkneipe in Trier." Die Tür ist für jeden geöffnet, während sie früher wegen Anfeindungen und Pöbeleien durch homophobe Männer verschlossen blieb und erst nach sorgfältiger Kontrolle durch die Kamera Einlass gewährt wurde. "Homosexuelle können jetzt überall hingehen und müssen sich nicht mehr verstecken, das ist natürlich gut, die reinen Szenekneipen aber sterben langsam aus."
Trotzdem fanden sich zum 30. Jubiläum viele seiner Stammgäste und Weggefährten ein. "Sogar zwei gute Freunde aus dem 400 Kilometer entfernten Nordhorn waren angereist", erzählt der 71-Jährige mit strahlenden Augen. Dass so viele an das Jubiläum gedacht haben, ist ihm unglaublich wichtig. Ans Aufhören denkt er nicht: "Erst wenn ich merke, dass ich mich dazu zwingen muss, ist Schluss."

Mehr von Volksfreund