Seid Ihr noch zu retten?
Trier · Eine Tankstelle soll geschlossen werden, und die Wutbürger laufen Sturm. Das Theater Trier ist in seinem Fortbestand bedroht, und kaum einer rührt sich. Was läuft hier schief? Das fragt sich unser Gastautor Frank Jöricke in seiner Polemik. Ein Beitrag, mit dem der TV zur Diskussion anregen will.
Nachts um zwei, wenn die Kneipen schließen, braucht kein Mensch Theater. Kein Shakespeare-Drama, keine Schiller- Tragödie und auch keins dieser neumodischen Stücke, in denen Paare ihre Beziehung zerlegen. Nachts um zwei, wenn der Abend schön war und der Morgen fern ist, will man weiterfeiern. Dafür braucht es Bier. Und dafür gibt es Tankstellen. Triers bekannteste steht in der Ostallee.
Natürlich erhält man dort auch Benzin. Doch selbst der Pächter macht keinen Hehl daraus, dass der halblegale Alkoholverkauf nach 22 Uhr die Haupteinnahmequelle ist. Als öffentlich wurde, dass die Tankstelle abgerissen werden soll, brach ein Sturm los, als plane die Bahn ein "Trier 21". Überraschend war diese Wut nicht. "Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral", wusste schon Bertolt Brecht. Und da Bier nichts anderes ist als flüssig' Brot, reagierten die Menschen so, wie Menschen eben reagieren, wenn ihnen das Essen weggenommen wird.
Zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass das Stadttheater mit einer Million Euro weniger auskommen muss. Doch diesmal blieb der Aufschrei aus. Eine Online-Petition "gegen das Totsparen am Trierer Theater" wurde bis dato von gerade mal 2600 Trierern unterzeichnet; das sind weniger als drei Prozent aller Einwohner. Man mag daraus schlussfolgern, dass den meisten Bürgern das Theater herzlich egal ist.
"Bürger" - das Stichwort. Bürger und Theater, das gehörte mal zusammen. Ein Theaterabo galt als Eintrittsticket in die Gesellschaft. Es signalisierte: "Ich hab's geschafft!" Das war in den 60er, 70er und 80er Jahren, als die Söhne und Töchter der kleinen Angestellten, Arbeiter und Bauern in der Mittelschicht angekommen waren.
Hier, im Theater, zeigten sie, dass sie ihre Herkunft hinter sich gelassen hatten. Dafür wurden gern auch schon mal zwei, drei Stunden Langeweile in Kauf genommen. Denn die Trennung zwischen angesehener E-Kultur (E = ernst) und anrüchiger U-Kultur (U = unterhaltsam) funktionierte noch. Ins Kino ging man, um zu sehen, ins Große Haus, um gesehen zu werden. So wurde das Theater zum Symbol des Aufstiegs.
Dies änderte sich in den 90ern. Es waren die Jahre, in denen der Spruch "Das ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist" die Runde machte. Vieles, was bis dato unter Bürgern verpönt war - Schlager, billige Horrorstreifen (sogenannte Splatter-Filme), nackte B- und C-Promis, Groschenheftchen (sogenannte Pulp Fiction, von Perry Rhodan bis John Sinclair), Dosenbier - durfte man nun, natürlich mit ironischem Augenzwinkern, gut finden. Plötzlich war Trashkultur "Kult". Das Theater versuchte mitzuhalten, wollte modern sein - und rannte doch nur Türen ein, die längst sperrangelweit offen standen. Was waren schon ein paar Nackte auf der Bühne, verglichen mit den privaten Sexvideos von Pamela Anderson und Paris Hilton?
Seitdem braucht man nicht mehr aus Imagegründen in die Oper zu gehen. Auch Bad Taste ist guter Geschmack. Und kein Akademiker muss sich mehr schämen, wenn er abends statt im Theater an der Tanke anzutreffen ist. Es ist alles einerlei.
Genau das ist das Problem. Die Bürger von einst mochten geltungssüchtig sein, doch die Entwicklung ihrer Stadt lag ihnen am Herzen. Es waren jene gebildeten und eingebildeten Theatergänger, die in den 60ern zu verhindern suchten, dass die Trierer Ostallee durch eine Tankstelle zerschnitten und verschandelt würde.
Den heutigen "Bürgern" ist dies egal. Der eigene Horizont endet beim Blick ins leere Getränkefach. Das Sixpack in der Nacht ist wichtiger als eine Stadtentwicklung, von der Trier dauerhaft profitiert. Dieser Egotrip wird dann auf Facebook als Kampf fürs Gemeinwohl verkauft, wohl wissend: Es wird genug Politiker geben, die jetzt schon an die nächsten Wahlen denken. Die Frage sei erlaubt: Seid Ihr eigentlich noch zu retten?
Diskutieren Sie mit!
Wie ist Ihre Meinung? Sind die Trierer wirklich zu verschlafen, um ihr Theater zu retten? Liegt den Trierern nichts mehr an ihrer Stadt, wie unser Gastautor meint? Ist es falsch, sich für den Fortbestand einer Tankstelle einzusetzen? Sagen Sie uns Ihre Meinung - online und in der Zeitung. Schreiben Sie uns Leserbriefe an die E-Mail-Adresse echo@volksfreund.de. Bitte Namen und Anschrift nicht vergessen! Oder diskutieren Sie hier mit!
Extra Zur Person
Frank Jöricke, Jahrgang 1976, arbeitet als Werbetexter und Autor. Der Trierer hat 2007 seinen ersten Roman "Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage" herausgebracht, eine amüsante Zeitreise durch die 70er, 80er und 90er Jahre in der Region Trier. Außerdem ist er unregelmäßig Autor für Kultur-, Film- und Medienthemen im Trierischen Volksfreund.