Seit 73 Jahren bewirtschaftet Johann Owin seine Parzelle in Trier-West.

Kostenpflichtiger Inhalt: Täglich im Grünen : Triers treuester Kleingärtner seit 73 Jahren - Ein Besuch bei Johann Owin

Seit 73 Jahren bewirtschaftet Johann Owin seine Parzelle in Trier-West. Der Garten war seine Konstante in einem bewegten Leben.

Johann Owins Schwester Hildegard stirbt mit 18 Jahren am 8. Dezember 1946. Bauchfellentzündung. Die Ärzte hätten es nicht erkannt, sagt Owin. Das erste Nachkriegsjahr neigt sich dem Ende entgegen. Deutschland kriecht aus den Trümmern.

Immerhin: Der Vater ist seit dem Sommer zurück, wenn auch krank. Er war verschollen in Russland. Bei jedem Zug mit Kriegsheimkehrern wartete die Familie am Bahnhof, doch er war nie dabei, bis er plötzlich nachts vor der Tür steht. Die Familie ist wieder vereint, hat den Krieg tatsächlich überstanden, da stirbt die Tochter.

Zwei Monate später, im Februar 1947, kommt die Familie gerade vom Friedhof, erinnert sich Owin, der damals 21 Jahre alt ist. „Da sagt mein Bruder Klaus, er habe so Kopfschmerzen.“ Er hat eine Hirnhautentzündung. Die Ärzte sagen, wenn er überlebt, bleibt er geistig auf dem Niveau eines Kleinkindes. Der Bruder überlebt nicht. Er wird nur 14 Jahre alt. Innerhalb von wenigen Wochen hat die Familie zwei ihrer vier Kinder verloren. Wie schafft man es, so etwas zu verkraften? „Es war fast nicht möglich“, sagt Owin, der heute 93 Jahre alt ist. Seine Schwester Inge wird im Januar 90.

Ein wenig Ablenkung bot der Familie ihr Kleingarten in Trier-West, den sie seit dem Jahr zuvor gepachtet hatte. Von ihrem Haus im Tempelweg war es nicht weit. Dort hatten sie nur einen kleinen Garten vor dem Haus. Es war eine Nachbarschaft, in der jeder jedem half. Wenn etwa eine Lieferung Briketts zum Heizen kam, halfen die Nachbarkinder, sie im Keller zu verstauen. Zur Belohnung gab es eine Schmier. Im Winter fuhren die Kinder auf dem Schlitten den Berg hinunter, bis sie im Zaun der Jägerkaserne hängen blieben.

In ihrem Kleingarten konnte die Familie Gemüse anbauen. „Die Leute waren froh, dass sie Boden dafür hatten“, sagt der Geschäftsführer des Stadtverbands der Kleingärtner in Trier, Willi Eichhorn. Nach dem Krieg habe es teilweise weniger zu essen gegeben als während des Krieges. Alles war kaputt. Wer da Gemüse anbauen konnte, konnte sich ein Stück weit selbst versorgen. „Der Garten hat uns alles bedeutet“, sagt Owin.

Noch während des Krieges im Frühjahr 1943 fängt er nach der Handelsschule eine Ausbildung zum Kaufmännischen Angestellten und Bilanzbuchhalter bei RWE in Trier-West an. Doch wenige Monate später wird er eingezogen. Immerhin muss er nicht an die Front.

Er kommt zum Arbeitsdienst, wird an der 8,8-Zentimeter-Flak ausgebildet und bei Hamm stationiert für die Abwehr von Flugangriffen. „Die meisten kamen nachts“, erinnert er sich. Er weiß, was so ein Angriff anrichten kann. Wenige Tage nachdem er bei RWE begann, fiel eine Bombe auf das Gelände. Das Maschinenhaus und die Lehrwerkstatt wurden getroffen. Zum Glück war es schon Nachmittag und die meisten im Feierabend. Niemand wurde verletzt.

Anfang April 1945 wurden die Flak-Geschütze von den vorrückenden Amerikanern zerstört, sagt Owin, der Vorgesetzte war verschwunden. Niemand mehr da, der Befehle gab. „Alles löste sich auf.“ Einer der jungen Männer sagt: „Lasst uns nach Hause gehen!“

Eine Woche später ist Owin wieder in Trier und meldet sich bei RWE zurück. Er bleibt 46 Jahre dort. 1957 lernt er dort seine spätere Frau Brunhilde kennen. Sie heiraten 1976 und suchen eine Wohnung, finden aber keine in Trier, geschweige denn in Trier-West, aber in Konz gibt es eine. Sie ziehen zuerst in eine Wohnung und ein Jahr später in ein Haus. Bis heute lebt das Paar dort.

In den vergangenen 73 Jahren war Johann Owin oft täglich in seinem Garten, die letzten Jahre auch noch zwei, drei Tage die Woche. Niemand in Trier hat seit längerer Zeit einen Kleingarten gepachtet, sagt Eichhorn. Nach der Arbeit bei RWE schaute Owin meist vorbei, legte Wege, baute Mauern, jätete Unkraut oder trank ein Bier mit einem Gartennachbarn.

In seiner Gartenlaube hängt ein Anbauplan für Gemüse und wann was gemacht werden muss. An den Wänden hängen Bilder von August Macke und Emil Nolde über einer Sitzecke. Strom hat er hier nicht. Aber es gibt einen Gaskocher, mit dem er Kaffee kochen oder einen Eintopf aufwärmen kann. Seine Frau (81) war auch ab und zu im Garten, aber nicht so oft, es ist Owins Rückzugsort.

Am schönsten ist es wohl an heißen Sommertagen, wenn am Abend der nahe Wald beginnt, eine Kühle über die Gärten zu legen. 54 Gärten gibt es in der Anlage in Trier-West. Rund 1000, verteilt auf zwölf Anlagen, sind es in der ganzen Stadt.

Elke Scherf ist die neue Vorsitzende des Kleingärtner-Vereins Trier-West, der 1923 gegründet wurde. Sie versucht, mehr Leben in die Anlage zu bringen, etwa mit gemeinsamen Festen. Vor einigen Wochen gab es das Gartenfest mit Livemusik und das Viezfest, wo die Kleingärtner Äpfel in den Gärten sammelten. Die Männer kelterten sie, während die Frauen Zwiebelkuchen und Flammkuchen backten.

Johann Owin ist nun 93 Jahre alt. Die 100 möchte er gerne noch vollmachen. Er ist fit, er schwimmt vier Tage die Woche, kann noch gut Autofahren und ist sehr agil. Den Garten aber gibt er zum Jahresende auf. In seinem Alter möchte er es langsam doch ein wenig ruhiger angehen und „halbe Sachen mache ich nicht“. Sehen wird man ihn in der Kleingarten-Anlage aber trotzdem noch ab und zu. „Zum Beispiel, wenn die noch mal so ein schönes Gartenfest machen. Dann kann auch meine Frau mitkommen und fahren und ich kann was trinken.“

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